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TOLO - Seezunge der Peloponnes

  1.193 Wörter 4 Minuten
2017-08-26 2017-08-26 26.08.2017 410 × gelesen

Die Seezunge, in Griechenland Γλώσσα (glossa) genannt, gilt als einer der edelsten Fische. Da sie ein Plattfisch ist, liegt sie die meiste Zeit am Boden, am Meeresgrund, wo sie darauf wartet, dass ihr ein leckerer Happen vor das Maul schwimmt. Die Fischer des kleinen Dorfes Tolo auf der östlichen Peloponnes, in der Region Argolis gelegen, sind heilfroh, wenn ihnen ein solcher Fang ins Netz geht. Die Fischerei ist seit vielen Jahrzehnten die Haupteinnahmequelle vieler Familien in dem kleinen Ort in der Nähe der ersten Hauptstadt Griechenlands, Nafplion. In Tolo leben heute noch rund 1.500 Einwohner, an einer der schönsten Buchten Europas. Am Dorfende, gegenüber der zauberhaften, unbewohnten kleinen Insel Romvi, wurde vor vielen Jahren ein kleiner Hafen errichtet, in dem tagsüber die vielen bunten Kaïkis, die typischen hölzernen Fischerboote, vertäut liegen. Nachts und in den frühen Morgenstunden starten die Fischer ihre tuckernden Schiffsdiesel und fahren hinaus zu den aussichtsreichen Fischgründen. Noch immer, so schätzt das Büro der örtlichen Küstenwache - denn eine exakte Statistik gibt es offenbar nicht - liegt die Anzahl der registrierten Fischer von Tolo bei rund hundert. Tendenz jedoch abnehmend. Früher wurde das Handwerk ebenso wie das Kaïki von Vater zu Sohn weitergegeben, doch mit dem Einzug des Tourismus im kleinen Fischerdorf tauschten immer mehr junge Männer ihre Boote gegen Souvenirläden, Tavernen oder Kafeneions und kehrten dem Fischfang den Rücken. 

Die Bucht von Tolo galt lange als sehr fischreich. Und ebenso wie die unzähligen Doraden, Barsche und Brassen tummelten sich bald auch die Touristen im sauberen, türkisblauen Wasser. In den 1990’er Jahren bekam man im Sommer manchmal kein Bein auf den Boden der Dorfstraße, die dann abends einer kirmesähnlichen Flaniermeile glich. Rosenverkäufer gingen von Bar zu Bar, aus denen laute Musik auf die Straße dröhnte. Auf den Kreuzungen verkauften Zigeuner bunte heliumgefüllte Luftballons für die Kinder und die jungen Männer des Dorfes saßen in den Straßencafés und lauerten wie die Seezungen auf frische Beute. Junge gestylte Engländerinnen, hübsche Ungarinnen oder auch einige Griechinnen aus der heutigen Hauptstadt, dem rund 150 Kilometer entfernten Athen. 

Der große Boom ist längst vorbei. Tolo ist bei den jungen Partyurlaubern out. Zwar verbringen immer noch viele Sommergäste ihren Urlaub hier, doch an den Trubel der Vergangenheit erinnern sich nur noch die Älteren. Das Dorf findet allmählich zu seiner ursprünglichen Ruhe zurück. Fast scheint es, als ob die Toloner den Tourismusrummel satt haben. Immer mehr junge Männer und Frauen sitzen nachmittags am Hafen, angeln und genießen die Ruhe und den Ausblick auf die Insel Romvi. Der legendäre Kapitän Stavros, der als Einhandsegler erst aus Amerika gekommen war und dann jeden Küstenstreifen Griechenlands besegelt hatte, behauptete stets, dass das wahre Paradies in Tolo liege. Spätestens, wenn man im Sonnenuntergang mit Blick auf die Insel Romvi den Duft des wilden Oregano, gepaart mit dem der Pinien einatmet, weiß man, dass Stavros recht hatte. 

Der Europäischen Union müsste die Entwicklung hin zu einem sanfteren Tourismus mit wenigen Fischern, die nachhaltig mit ihrer Beute umgehen, gefallen. Der Umbau der griechischen Fischfangflotte scheint jedoch nicht schnell genug voran zu schreiten. Mit finanzieller Hilfe versucht die EU, die Anzahl der Fischer weiter zu reduzieren, und sie bietet denjenigen eine Abwrackprämie an, die ihr Fischerboot verschrotten. „Mir blutet das Herz“, sagte erst kürzlich ein älterer Toloner zu mir, „wenn ich sehe, wie die Bulldozer dann am Hafen die handgefertigten Holzboote zerstören.“ Auflage der EU. „Die Kaïkis kann bald niemand mehr bauen. Ein schwieriges Handwerk, und wenn es keine Fischer mehr gibt, warum sollte es dann noch Bootsbauer geben?“ Doch was sollen die Fischer, die die hohen Stilllegungsgelder bekommen haben, künftig tun? Schon früher, als die Touristen noch in Scharen kamen, war es nicht leicht, mit einer neuen Geschäftsidee Fuß zu fassen. Fischtavernen gab es ebenso reichlich wie Souvlaki-Grillbuden, und die Urigkeit der authentischen alteingesessenen Läden der ersten Stunde konnte man auch nicht erreichen. Jetzt in der Krise ist die Situation ungleich schwieriger. Fast jedes zweite Geschäft steht auch hier leer. Hotels und Pensionen kämpfen ums Überleben und neue Arbeitsplätze außerhalb des Tourismus sind nicht in Sicht. Was macht also ein ehemaliger, dank EU-Unterstützung jetzt bootsloser Fischer? Er kauft sich von einem Bruchteil der Abwrackprämie ein neues, billiges Plastikboot, meldet es neu an und geht wieder seiner früheren Beschäftigung nach. Die Differenz die ihm bleibt, gleicht dann auch die krisenbedingten finanziellen Einbußen aus. In der Krise ist die Nachfrage nach edlen Fischen eingebrochen. Diejenigen, die sich einen Restaurantbesuch noch leisten können, greifen statt zur Dorade oder Seezunge lieber zu Sardellen oder Ährenfischchen. Die ohnehin nicht reichen Fischer sind die Leidtragenden.

Auch Perikles Niotis spürt die kulinarische Zurückhaltung der Griechen. Auf der Terrasse seiner Fischtaverne To Neon, die in bester Lage von Tolo direkt am feinen Sandstrand zum Verweilen unter den Schatten spendenden Paradiesbäumen einlädt, ist es längst nicht mehr so überfüllt wie in den 90ern. Seit 1950 existiert die authentischste Gaststätte des Ortes. Eine der ersten war sie, als Perikles’ Eltern sie seinerzeit errichteten. Vater Aristides war auch Fischer und er tat das, was er am besten konnte. Täglich landete nur der fangfrische Fisch in den Pfannen und Töpfen seiner Frau Vangelio. Und gemeinsam beherbergten sie in den wenigen Gästezimmern oberhalb des Gastraums jahrzehntelang mit unverfälschtem Filótimo, dem herzlichen griechischen Lebensgefühl, in- und ausländische Feriengäste. Nicht minder engagiert, freundlich und immer gut gelaunt führt Perikles heute mit seiner Schwester Irini das Geschäft. Ein Abend auf der schönsten Terrasse Tolos ist weit mehr als ein köstliches Abendmahl. Die „Taverna To Neon“ ist immer auch ein Ort, an dem sich Freunde treffen, an dem man sich vom Alltag erholt und wo nicht selten auch philosophiert wird. Wahrscheinlich komme ich auch deshalb seit inzwischen 22 Jahren regelmäßig her. Bei meinem letzten Besuch im April dieses Jahres, saß ich gemeinsam mit Perikles über einer Platte herrlich duftender frittierten Sardinen, als wir über den Fischfang sinnierten. Seine Nichte Eleni brachte uns eine Karaffe mit kühlem Weißwein und einen Teller mit knackigem Salat. „Stin ygia mas“, prosteten wir uns zu. Auf unsere Gesundheit. 

„Weißt du, die Sache mit der Abwrackprämie für Fischerboote geht mir nicht aus dem Kopf“, grübelte Perikles laut vor sich hin. „Wäre es nicht viel besser, die schönen Kaïkis würden nicht zerstört, sondern in einer Art Freilichtmuseum ausgestellt?“ 

Ich griff zu einer weiteren Sardine. Ja, die echten, hölzernen Fischerboote der Toloner werden allmählich so rar, wie die Seezungen auf den Tellern der Tavernen. Eine Ausstellung oben auf dem Hügel, über den Dächern der Stadt, mit Blick auf die Bucht und die vorgelagerten Inseln wäre ein Traum. Ich musste wieder an unsere zwanzig Jahre alte Idee denken: Eine Sesselliftverbindung aus dem Dorfzentrum zum Berg hinauf, wo man sich in einem Ausflugslokal bei Frappé, Ouzo oder Bier die Zeit vertreiben könnte. Doch wer sollte in Krisenzeiten ein Museum oder gar eine Seilbahn finanzieren wollen? Zumal in einer Region, die fälschlicherweise nicht mehr zu den Top-Destinationen zählt. Wir brauchen ein EU-Förderprogramm für den Erhalt der authentischen, lebenswerten Alltagskultur! Und so lange es noch geht: Besuchen Sie die „Taverna To Neon“ in Tolo. Die Seezunge unter den Fischtavernen! 

Anreiseinformationen
Von Athen fahren stündlich Überlandbusse der KTEL nach Nafplion. Von dort bestehen regelmäßige Busverbindungen nach Tolo. Mit dem Auto erreicht man das Dorf von Flughafen über die Autobahn Athen-Korinth-Nafplion bequem in ca. 2 Stunden.