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LESBOS - Die Heilbäder von Lesbos

  1.135 Wörter 4 Minuten
2016-08-18 2017-01-17 18.08.2016 1.289 × gelesen

Lesbos ist mit einer Länge von 70 und einer Breite von 45 km nach Kreta und Evia die drittgrößte griechische Insel und ausgesprochen abwechslungsreich. Die bergige Ostägäisinsel ist von Pinienwäldern, vor allem aber von Olivenbäumen bedeckt, die die griechischen Flüchtlinge nach der Kleinasiatischen Katastrophe in den 20er Jahren pflanzten. Ihr Bestand soll sich auf 7 Millionen Bäume belaufen. Der Golf von Kalloni und der Golf von Gera ziehen sich tief ins Inselinnere, wo sie in große, fruchtbare Ebenen auslaufen und wichtige europäische Vogelbiotope bilden.

Im Osten der Insel liegt die belebte Hauptstadt Mytilini mit dem Hafen, vielen Geschäften, Cafés und der Universität. Trotz des stellenweise dichten Verkehrs ist Mytilini eine sehr schöne, gepflegte Stadt mit zahlreichen Sehenswürdigkeiten. Im Westen der Insel befinden sich die imposanten Reste eines Waldes, den vor Jahrmillionen ein Vulkanausbruch versteinerte. Ein Museum für dieses erstaunliche geologische Phänomen wurde vor zehn Jahren in Sigri eröffnet. Zwischen Ost und West gibt es reizvolle Strände, tiefe Höhlen, bezaubernde Dörfer wie Mithimna (Molivos) oder Agiasos, sowie bedeutende Klöster und Kirchen, die Pilger aus der ganzen Welt anziehen.

Zu allem Sehens- und Erlebenswerten hat die Ouzo- und Olivenölinsel für Einheimische und Touristen eine besondere Wohltat zu bieten: Heilquellen, die auf der ganzen Insel verstreut sind. Die Quellen bezeugen heute noch die vulkanische Aktivität unter der Inseloberfläche. Seit der Antike wurden die kohlenstoff-, chlor- und schwefelhaltigen Quellen, aus denen das Wasser mit unterschiedlicher Temperatur und Radioaktivität austritt, für Gesundheitstherapien benutzt. Die Heilbäder haben auf Lesbos eine lange Geschichte. Heute finden wir auf der Insel Badeanlagen aus byzantinischer und türkischer Zeit neben Bädern aus dem letzten Jahrhundert und der Gegenwart.

Thermi, zehn Kilometer oberhalb von Mytilini, ist seit der Antike ein bekannter Badeort, der mit dem Kult der Artemis verbunden war. Das große klassische Badehaus ist nur dreihundert Meter vom Meer entfernt. Neben dem Bad steht ein großes Kurhaus. Das schöne, alte Gebäude mit sowohl klassizistischen als auch orientalischen Elementen wurde vor Jahren geschlossen, als man im Vorgarten auf archäologische Funde stieß. Es handelte sich um Mauerreste und Knochen, die man mit dem Heiligen Raphael in Beziehung brachte, dem Schutzheiligen des nahen Klosters Agios Raphael auf dem Hügel von Karion, wohin heute noch zahlreiche Menschen pilgern, um von ihren Wunden und Gebrechen geheilt zu werden. Leider ist das Kurhaus mittlerweile arg heruntergekommen. Das Wasser von Thermi kommt von der nahegelegenen Anhöhe Prophitis Elias mit einer Temperatur von 49,9 Grad ins Bad, wo es mit kälterem Wasser gemischt wird. Die Radioaktivität, d.h. der Gehalt an Radium-Emanation pro Liter Wasser, beträgt 0,6 nCi. Das vor allem bei Rheuma empfohlene Sanatorium wird jährlich von ca. 8.000 Menschen besucht.

Eine Viertel Stunde von Mytilini entfernt befindet sich am Golf von Gera ein großes Heilbad direkt am Meer. Männer und Frauen baden in großen, separaten Sälen. Die Radioaktivität der Wasserquelle liegt bei 0,6 nCi/l, die Temperatur bei knapp 40 Grad. Das macht es zwar leicht, ins Wasser hineinzukommen, aber nach einer Weile wünscht man sich, dass es doch heißer wäre. Leider ist das Meer im Golf von Geras nicht so klar und der Strand am Badehaus auch nicht so schön, wie anderswo, so daß das Baden darin keinen rechten Spaß macht. Auch die Duschen verschaffen keine solche Abkühlung, dass man hernach wieder schwitzt. Zwar sind die Badesäle selbst sehr schön mit ihren hohen Kuppeln und dem Marmorboden. Die Anlage insgesamt ist jedoch nicht im allerbesten Zustand. Gleichwohl erfreut sich das Bad, das vor allem bei Rheuma, Gelenkentzündungen, Nierensteinen und Bronchitis empfohlen wird, großer Beliebtheit und zählt, nicht zuletzt wegen seiner Größe, jährlich rund 10.000 Besucher.

In Polichnito, im südlichen Teil der Insel, finden sich die heißesten Heilquellen Europas. Insgesamt gibt es in der Gegend 16 Quellen, wo Wasser mit Temperaturen von 37 bis 92 Grad austritt, meist ohne das es eine Badeanstalt dazu gibt. Im Winter sind dieses Stellen von dichten Dampfwolken umgeben. Ein schönes Heilbad befindet sich zwei Kilometer vom Dorf entfernt auf einem gepflegten, freistehenden Grundstück. Der märchenhafte, farbige Saal für die Männer ist nach Angaben der Betreiberin aus byzantinischer Zeit. In seinem Stil wurde der Saal für die Frauen vor einigen Jahren errichtet. Die Becken sind relativ klein, weswegen sie leicht von Gruppen oder Familien reserviert werden können. Die Wassertemperatur wird gewöhnlich auf 43 Grad gebracht. Das Wasser ist trüb, chlor- und natriumhaltig. Die Radioaktivität beträgt 1,6 nCi/l. Heilbäder helfen hier vor allem bei Rheuma, Gelenkentzündungen, Frauen- und Hautkrankheiten.

Das schönste Heilbad und gleichzeitig dasjenige mit dem höchsten Radiumgehalt (14,7 nCi/l) liegt ganz im Norden der Insel in Efthalou. Das Bad mit der reizenden Kuppel stammt aus der Zeit der Türkenherrschaft. Das Wasser im Becken ist klar und so heiß, dass man sich nur langsam hineinbegibt. An das kleine Bad direkt am Meer schließt sich ein geschmackvolles Wohn- und Badehaus mit vier neuen, gefliesten Wannenbädern, Dusch- und Entspannungsräumen an. In dem Haus wohnt Frau Hilde Burger-Batsakis mit ihrem griechischen Mann. Während der Urlaubssaison von Mai bis Oktober arbeitet sie mit einer Kollegin sechs Monate ohne Ruhetag im Bad. 12.000 Eintrittskarten hat sie in der letzten Saison verkauft, zu 95 Prozent an Ausländer. Damit ist ihr Bad das beliebteste der ganzen Insel.
Drei Euro fünfzig kostet mittlerweile das Ticket. Das findet sie, gemessen an dem geringen Service, den das Bad bietet, übertrieben. Für diesen Preis hat die Kommune, bzw. die halbkommunale Betreibergesellschaft, bei der sie unter schlechten Bedingungen angestellt ist, zu wenig getan. Sie wünscht sich einen ordentlichen Steg, der das Baden im Meer erleichtert. Denn das Bad im offenen, kalten Meer ist nach einem 43- bis 45-Grad-Bad (für manche Yogi-Gruppen liegt die Temperatur noch höher) ein wahrer Genuß. Nur der Weg hinein und hinaus ist recht steinig. Außerdem wünscht sie sich, dass es nicht nur eine Kaltdusche am Strand gibt, sondern zusätzlich Warmduschen, die auch weniger abgehärtete ältere und kranke Menschen oder Einheimische benutzen würden.
Zwar schließt der offizielle Badebetrieb Ende Oktober, doch das Badebecken bleibt offen, nachdem der Zugang vor Jahren aufgebrochen wurde. Nicht nur die Einheimischen nutzen die Heilquelle das ganze Jahr, sondern auch viele Touristen, vor allem aus Holland, England, Deutschland, der Schweiz und Dänemark. Überhaupt ist der Heilquellenbadebetrieb als ein ganzjähriger Tourismusfaktor, der Lesbos teilweise von der Sommersaison emanzipieren könnte, noch nicht genügend entwickelt worden. Zwar kann man sich das Heilbaden, sagt Frau Burger-Batsakis, seit Jahren sowohl von der griechischen als auch von deutschen Krankenkassen verschreiben lassen. Trotzdem könnten die Bäder und damit Lesbos viel attraktiver sein.

Tatsächlich erlitt der Badebetrieb nach Tschernobyl wegen plötzlichen Vorurteilen der Radioaktivität gegenüber einen drastischen Einbruch. Erst nach und nach erholte er sich davon. Wenn die Besucherzahlen in den Bädern weiter steigen, wird man in Zukunft die Insel Lesbos wohl genauso mit Sappho und Ouzo wie mit den Heilquellen verbinden. Dann besteht auch die Hoffnung, dass einige Bäder, wie das seit 1998 geschlossene Agios-Ioannis-Heilbad, die 1893 errichteten Christianos-Bäder, beide in der Nähe von Polichnito gelegen, oder die seit 1959 geschlossenen Kourtzis-Bäder, bald wieder betrieben werden.