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XANTHI - Kallirhoe Parren – Eine griechische Feministin und ihr Nachlass

  770 Wörter 3 Minuten
2017-04-23 2017-08-02 23.04.2017 276 × gelesen

1887 erscheint in Athen die erste von Frauen verfasste griechische Zeitschrift - die Efimeris ton Kyrion (Nachrichtenblatt der Damen). Herausgeberin ist Kallirhoe Parren, 1861-1936, (Καλλιρρόη Παρρέν), Tochter aus gentilizischem Geschlecht, das von Kreta nach Athen übergesiedelt war, und Gattin des Ionnis Parren (Ιωάννη Παρρέν), Mitbegründer der Athener Nachrichtenpresse. Er selbst stammt - mit französisch-englischen Wurzeln - aus Konstantinopel.
Ihr Haus war ein Treffpunkt griechischer und europäischer Intelligenzia dieser Zeit. Die weltoffene Atmosphäre dieses Salons begünstigte die Gründung der Zeitung, ein von Anbeginn durchaus politisches Magazin. Unter der Federführung der Herausgeberin forderten in einer Unterschriftenkampagne 2850 Frauen unter anderem das Recht auf Bildung ein. Auch zu nationalen Fragen ihrer Heimat bezog die Zeitschrift Stellung. Kallirhoe Parren gab den Griechinnen im In-, aber auch im Ausland eine Stimme. Die Aktivitäten beschränkten sich keinesfalls auf die Herausgabe der Zeitschrift, die schon 1892 in einer Auflage von 5.000 Stück erschien. Kallirhoe Parren war nicht nur Herausgeberin der Zeitschrift, sie tritt auch mit einem umfangreichen Werk als Autorin auf. Überliefert sind Erinnerungen an ihre Reisen in Schweden, den USA und Russland, wie auch Abhandlungen zu sozialen Fragen der Stellung der Frauen. Nicht unerwähnt soll bleiben, dass sie auch Romane veröffentlicht hat, deren Übersetzung ins Französische angekündigt war.

Sie war in den frühen 20er Jahren des 20. Jahrhunderts Gründungsmitglied des Σύνδεσμος για τα Δικαιώματα της Γυναίκας (Verein für Frauenrechte), des Εθνικό Συμβούλιο των Ελληνίδων (Nationalrat griechischer Frauen), der schon ein Jahr zuvor ins Leben gerufen wurde, wie auch des Σοσιαλιστικός Όμιλος Γυναικών (Sozialistischer Frauenverein), der ebenfalls 1919 seine vielfältigen Aufgaben übernahm.
Das journalistische wie auch das politische Werk waren stark geprägt von den humanistischen Vorstellungen, denen sich Kallirhoeroe Parren durch ihre Bildung und ihre soziale Stellung verpflichtet sah. Sie sah im Zugang zur Bildung den einzigen Weg für die Frauen ihrer Zeit, ihr Schicksal nicht nur selbst zu bestimmen, sondern auch nachhaltig zu verändern. Der Begriff Bildung umfasste für die Gründerin, und da war sie ganz dem Zeitgeist verpflichtet, nicht nur Alphabetisierungskurse, sondern auch eine Ausbildung in Haushaltsführung und Kindererziehung. Sie sah darin den ersten Schritt hin zu einer Entwicklung, die letztlich die einzige Möglichkeit bot, nachhaltig die Stellung der Frau innerhalb der Gesellschaft zu verbessern. Für diese Standpunkte und Strategien ist sie auch auf den internationalen Frauenkongressen in Paris in den Jahren 1888-1890 immer wieder eingestanden.

Das Lyzeum der Griechinnen

Das nachhaltigste Projekt, das Parren ins Leben rief, war das Lyzeum der Griechinnen (Λύκειον των Ελληνίδων), das an entsprechende europäische Einrichtungen in England und Frankreich erinnert. Gegründet wurde es 1911; Kalirrhoe Parren war bis zu ihrem Tod Vorsitzende des Lyzeums, so dass sie den großen Erfolg ihrer Idee erleben konnte. Das Lyzeum stellte sich ebenso zur Aufgabe, Frauen zu fördern, wie es auch die griechischen Sitten und Gebräuche zu bewahren suchte. Dem lag die Idee zugrunde, dass Fortschritt maßgeblich durch die Besinnung auf die eigenen Werte und Traditionen möglich ist.
Was zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Athen begann, hat heute einen festen Platz in der griechischen Gesellschaft. In fast allen griechischen Städten ist diese Kultureinrichtung zu finden. So gibt es 50 Lyzeen in Griechenland und 17 Niederlassungen in vielen europäischen Städten, in Amerika, Australien, Kanada und Afrika. Überall werden die Lyzeen nach dem Vorbild der ersten Gründung durch Kallirhoe Parren geführt und fühlen sich den frühen Statuten verpflichtet. Insgesamt zählt diese Kultureinrichtung über 15.000 Mitglieder weltweit. Alle Lyzeen sind wichtige Institutionen und Orte der Begegnung im In- und Ausland, sie vermitteln griechische Kultur, griechische Tänze, Traditionen und Geschichte - ganz so, wie die Gründerin es vorgesehen hatte. Es greift zu kurz, das Lyzeum auf den rein folkloristischen Aspekt zu reduzieren. Das Lyzeum bewahrt, sammelt und archiviert Kultur und Traditionen Griechenlands, und längst schon sind die Sammlungen und Archive von großem wissenschaftlichem Interesse. Gleichzeitig vermitteln die Einrichtungen in Griechenland ebenso wie im Ausland und in Übersee allen Interessierten gelebte griechische Kultur durch Tanz, Musik, Liedgut, Geschichte, Malerei. Gestützt wird das Lyzeum als Einrichtung ausschließlich durch Spenden; zu den berühmten Förderern gehört etwa der expressionistische Maler G. Tsarouchis. Dass das Lyzeum kein museales Verständnis von Kultur hat, sondern diese als lebendige und lebensnahe Form im hier und jetzt versteht, zeigt sich deutlich darin, dass die Einrichtungen auch eine Plattform für die Auseinandersetzung mit aktuellen Problemen sind, die sich - ebenfalls in Anlehnung an die Gründerin - verstärkt Frauenfragen zuwendet. War es zu Beginn die Vermittlung von Hauswirtschaftsfragen, sind es heute Aspekte einer modernen Gesellschaft und der Rolle der Frau in dieser, die das Lyzeum stärken will und daher in den Vordergrund stellt.

Das Lyzeum ist eine lebendige Brücke, die tradierte Werte in die moderne Gesellschaft trägt, und den Weg zeigt, das zeitgenössische Selbst-Bild mit den Farben der eigenen Vergangenheit zu bereichern.

www.lykeionellinidon.gr