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PSILORITIS - Die Schafe vom Psiloritis

  1.002 Wörter 4 Minuten
2016-08-18 2017-01-17 18.08.2016 699 × gelesen

Der Sommer ist vorbei, die letzten Touristen in Milatos genießen noch das warme Meer, die leuchtenden rotbraunen Erdfarben der trockenen Landschaft im weichen Licht der herbstlich tiefstehenden Sonne. Bald wird es seit Monaten zum ersten mal regnen. Überall recken sich wie hervorgezaubert die weißen Blütenkerzen der Meerzwiebeln aus den trockenen Kräutern und Gräsern. In Kreta ist der Sommer die tote Jahreszeit, und mit dem Herbst beginnt die Natur wieder zu erwachen...
Eines Sonntag morgens hören wir, wie sich große Lastwagen die gewundene Straße zum Dorf herunter bewegen.
Die Schafe vom Psilorítis kommen!
In einer rötlichen Staubwolke schiebt sich der Zug von spielzeugbunten Lastern zum Westende der Bucht, dahinter, hochbeladen, der Pritschenwagen von Parasyris’. Auf der Ladefläche Säcke mit Kleidung, Decken, Kisten. Darunter ein Holzgitter und die ersten Herbstlämmer, die in den Lastwagen womöglich verletzt würden.
Sie halten am Ende des Feldwegs. Der Staub ist kaum davongetragen, da werden schon die Seiten-Klappen geöffnet, Schäfer und Fahrer klettern hinauf und scheuchen die Schafe von den Ladeflächen. Einige zögern noch vor dem Sprung ins Ungewisse, doch der Herdentrieb siegt, und die wollige Schar wandert bald, voran die älteren Schafe, die sich hier auskennen, in Richtung Meer, wo die ersten grünen Sprößlinge zu erwarten sind. Unterwegs fressen sie schon mal die getrockneten Kräuter vom Frühjahr ab.
Auch die zweite Staubwolke verfliegt, die Tränke für die von der zweistündigen beengten Fahrt durstigen Tiere ist gefüllt, und Irini deckt, immer gut im Improvisieren, auf einer alten Strandliege, die herumsteht unter einem verstaubten Johannisbrotbaum, den Tisch mit Brot, Käse, kaltem Fleisch und Wein für Fahrer und Familie. Man plaudert über dies und das, doch es handelt sich offensichtlich um ein Arbeitsessen: Irgendwann zieht Stélios ein dickes Bündel Geld-scheine hervor und zählt, übergibt es einem der Fahrer, der nochmals zählt. Wein wird in den Plastikbechern nachgefüllt, das Geschäft ist abgeschlossen. Man sitzt noch ein wenig in ruhigem Gespräch beieinander.
Ich sehe mich zwischen den Lastwagen um, fotografiere die plakative Buntheit der Fahrzeuge (hergestellt in Nordeuropa), die auf mich trotzdem einen Wild-West-Eindruck machen. Kaum habe ich das gedacht, da fällt mein Blick auf ein Schild vorn an einem der Laster an Stelle des Nummernschildes: Forget hell! (Vergiß die Hölle!)
Ich bleibe stehen und lache. Alle sehen sich zu mir um, fragen warum. Ich deute auf das Schild. Ein Fahrer meint: "Was steht denn da?"
Ich übersetze die Aufforderung, die Fahrer grinsen. Einer der Schäfer stellt fast beiläufig fest: "Kann man wohl sagen - bei den heutigen Transportkosten!"
Früher waren die Schäfer mit ihren Herden bis hierher drei bis vier Tage zu Fuß unterwegs, alles Nötige für den Winter hatten sie im Rucksack oder auf einem Esel mit dabei. Jetzt sind in Folge des Tourismus die Straßen so befahren, daß die Schafswanderung den Verkehr zum Erliegen bringen würde. Dafür bezahlen allerdings müssen die Schäfer - so viel, wie der Lebensunterhalt der ganzen Familie in fast einem Monat kostet (und das zweimal im Jahr). Einen Gewinn haben sie aus dem Tourismus natürlich nicht. Darum werden sie diese Empfehlung womöglich in Erinnerung behalten: Forget hell!
Doch auch sonst sind die Verhältnisse nicht mehr wie einst. In den milden Küstenregionen, wo die Schäfer früher während der Wintermonate unangefochten mit ihren Schafen brachliegendes Gelände abgeweidet haben, werden jetzt immer mehr Flächen mit Oliven bepflanzt, was - auch wegen der immer größer werdenden Herden - unausweichlich zu gelegentlichen Fräß Schäden an Bäumen führt (Schafe fressen nichts lieber als Olivenblätter). Daraus erwächst zusehends eine schwelende Fehde zwischen Berg- und Meerbewohnern - der uralte Streit zwischen Bauern und Hirten.
Auch in Milatos, wo die Schafe immer zwischen den Gärten und unter den großen Olivenbäumen geweidet haben (allerdings ist Stélios’ Familie auch besonders umsichtig), findet man die Tiere jetzt nicht mehr bis zum Bauch in den fetten Wiesen nahe beim Dorf, weil die Bauern nach den vielen Gerüchten vermehrt um ihre Bäume fürchten.
Es hat auch beinah den Anschein, als würde man den Schäfern ganz allgemein ihre frühere Überlegenheit noch übelnehmen. Bis vor nicht allzu langer Zeit waren die von Natur aus stolzen, selbstbewussten Bergbewohner öfters der wohlhabendere Teil der Bevölkerung: Ihre Schafe waren lebendiger Besitz, es gab bei ihnen oft Fleisch, dazu Wolle, Milch und Käse. Die Bauern besaßen zwar ihr Land, doch Immobilien hatten ohne Interessenten keinen Wert, und man rang dem kargen Boden oft nur das Nötigste ab.
Nun machen sich in den letzten Jahren die alten Fronten unter neuen Vorzeichen wieder bemerkbar: Die durch den Tourismus zu mehr Wohlstand und ruhigerem Leben gekommenen Küstenbewohner sehen ihr Eigentum gefährdet durch die oft trotzig wirkenden, freien, unabhängigen Bergleute, die ihren Stolz auch ohne größeren Besitz nicht verloren haben.
Aber vielleicht ist es gerade das, was diejenigen verärgert, die mit vom Landbau unabhängigem Einkommen, Touristen, bequemeren Straßen und wohlsortierten Supermärkten viel von ihrer Ursprünglichkeit und damit ihrem alten, lässigen Selbstverständnis als Kreter unwiederbringlich verloren haben.
Wassilikos, der in Xeráxyla, einem jenseits aller Ansiedlung gelegenen Tal nahe Milatos in den Gebäuden eines aufgegebenen alten Klosters den Winter verbringt, ist von der Angst der Landbauer der Umgebung vermutlich nur deshalb weniger betroffen, weil er so abseits wohnt. Ohne Strom und fließendes Wasser leben er und drei seiner erwachsenen Kinder hier den Winter über fast noch wie ihre Vorfahren in den Mitatos der Nida-Hochebene unterhalb der idäischen Höhle. Und während sie im Sommer am Psilorítis schon die tägliche Strecke nach Anóghia über eine bequem ausgebaute Asphaltstraße fahren können, ist der Weg aus Xeráxyla nur mit einem Geländefahrzeug zu überwinden. Vor zwei Jahren wurde immerhin ein Telefonanschluss in diese Einöde gelegt, so daß die Familie jetzt mit der unter diesen Umständen in Anóghia zurückbleibenden Frau und Mutter sprechen kann, aber Kühlschrank oder Fernsehgerät gibt es unter der großen Pinie von Xeráxyla wohl so bald noch nicht.
Doch gerade deshalb findet manch ein Besucher, der die raue Strecke hierher auf sich nimmt eine Ruhe vor, die es sonst selbst bei den Kretern nur noch selten gibt. In Verbindung mit der offenen Gastfreundschaft der Kounális’ entsteht daraus eine Stimmung von Frieden, die ich sonst nur noch aus den hoch oben am Berg liegenden Mitatos kenne - Balsam für die Seele.