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KOS - Der schwimmende Garten des Hippokrates

  2.112 Wörter 8 Minuten
2016-08-18 2017-01-17 18.08.2016 1.870 × gelesen

Die Dodekanesinsel Kos ist der Geburtsort des wohl berühmtesten Arztes der Weltgeschichte: Hippokrates. Den ihm zugeschriebenen Eid schwört noch heute jeder Arzt. Sein fortschrittliches Denken machte ihn zum Begründer der wissenschaftlichen Medizin. Besucht man heutzutage die Insel Kos, möchte man meinen, ein bisschen vom Geist des großen Hippokrates lebe auch jetzt noch dort. Denn in Punkto Umwelt- und Naturschutz zeigen die Koer ein ähnlich fortschrittliches Denken wie ihr großer Vorfahr.
Wer war Hippokrates?
Schon in der Antike galt Hippokrates als Vater der Medizin. Platon erwähnt, dass der Arzt so berühmt sei wie Polyklet und Phidias als Bildhauer. Aristoteles nennt ihn einen großen Arzt von kleiner Statur. Doch von seiner Biographie außer den Lebensdaten recht wenig bekannt. Seine Lebensgeschichte, verfasst von dem griechischen Arzt Soranos von Ephesos, erschien erst 500 Jahre nach seinem Tod. Als sicher gilt, dass Hippokrates um 460 v.Chr. als Sohn eines Arztes aus dem Geschlecht der Asklepiaden auf Kos geboren wurde. Er studierte Rhetorik bei dem Sophisten Gorgias, Philosophie bei Demokritos und Medizin bei dem Pythagoräer Akmäon. Wie es damals Brauch unter den Ärzten war, reiste er praktizierend durch Griechenland und Kleinasien und unterrichtete auf Kos viele Schüler. Um 370 v. Chr. starb er in der mittelgriechischen Stadt Larissa. Die Schriften des Hippokrates wurden im “Corpus Hippocraticum” zusammengefasst. Mittlerweile weiß man aber, dass von den 60 Texten, die im “Corpus Hippocraticum” enthalten sind, etliche mit ziemlicher Sicherheit nicht von Hippokrates selbst stammen, sondern wahrscheinlich von seinen Nachfolgern an der koischen Ärzteschule. Heute vermutet man, dass das Corpus eine Art Studienbibliothek der koischen Ärzteschule war. Nun gab es ja schon lange vor Hippokrates Ärzte. Weshalb wurde ausgerechnet er so berühmt? War er ein Wunderheiler? Offensichtlich nicht, denn die Menschen, von denen er in seinen Krankengeschichten berichtet, wurden gesund oder starben, wie bei anderen Ärzten auch. Das Besondere und Neue an Hippokrates war seine Art zu denken, die Art, wie er sich mit dem Phänomen Gesundheit und Krankheit beschäftigte. Diese Weise, das zu reflektieren, was man tut, begann eigentlich erst in seiner Zeit. Da beginnen die großen Tragiker Athens, über ihr Schaffen nachzudenken, da schreibt der Bildhauer Polyklet über die Theorie der Menschendarstellung in der Plastik, da versucht Thukydides die Motive des politischen Handelns zu ergründen. Angestoßen worden war diese Entwicklung sicher von den griechischen Philosophen des 6. und 5. Jh. v. Chr., die in dieser Zeit begannen, nach dem Ursprung und dem Wesen des Kosmos zu fragen. Für Thales von Milet (624 - 546 v. Chr.) war der Urstoff das Wasser, Anaximenes, auch aus Milet, sah die Luft als den Urstoff an. Empedokles aus Akragas (5. Jh. v. Chr.) erklärte die vier Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde zum Grundstoff alles Seienden. Dabei wurde der Mensch als Bestandteil des Kosmos in das natürliche Geschehen mit einbezogen. Hippokrates versuchte als Erster, die gesunden und krankhaften Vorgänge im Körper denkend zu ergründen und sie nicht nur auf den Willen der Götter, sondern ebenfalls auf natürliche Ursachen zurückzuführen. Dabei sah Hippokrates zwar durchaus einen Zusammenhang zwischen Religion und Medizin, sagte aber auch: “ Zweierlei sind Wissen und Glauben. Nichts geschieht ohne natürlichen Grund”. An Stelle der vier Elemente setzte der Arzt die vier Körpersäfte Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle als konstitutive Bestandteile des menschlichen Organismus. So konnten die Ärzte den Begriff “Gesundheit” als ausgewogene Mischung der Körpersäfte definieren. Ein Ungleichgewicht der Körpersäfte erzeugte demnach die verschiedenen Krankheitsbilder. Mit dieser theoretischen Fragestellung im Hintergrund beobachtete Hippokrates auf das Genaueste nicht nur den Kranken selbst, sondern auch seine ganze Umgebung. Da wird zunächst beschrieben, in welcher Jahreszeit und bei welcher Wetterlage welche Krankheiten auftraten. Es wird aber auch berücksichtigt, wo der Kranke wohnt, wie er sich ernährt, welches Wasser er trinkt, welche Lebensgewohnheiten er hat und wie seine seelische Befindlichkeit ist. Heute, im Zeitalter der den Ärzten von den Krankenkassen aufgezwungenen “Fallpauschalen” könnte man als Patient direkt neidisch werden auf diese Gründlichkeit der Untersuchung! Zur Therapie gehörte neben den Medikamenten auch die Diät, aber auch die Psychotherapie spielte eine wichtige Rolle. Vom hohen moralischen Anspruch, den Hippokrates an den Arzt stellte, gibt der Eid (siehe Kasten) ein eindrucksvolles Beispiel.

Das Asklepion von Kos
Wie die meisten Kultstätten der alten Hellenen kann man auch das Asklepion von Kos eigentlich nicht von seiner Umgebung losgelöst betrachten. Zunächst ist ja schon die ganze Insel Kos mit einer enormen Fruchtbarkeit gesegnet, die den Bauern bis heute zwei Ernten pro Jahr ermöglicht. Die Koer sagen, dass man hier in die Erde stecken könne, was man wolle - es wächst. Und angesichts der Bougainvilleen, die wie Unkraut wuchern, glaubt man das auch und kann als deutscher Hobbygärtner nur vor Neid erblassen. Auch an Wasser herrscht kein Mangel, da in den Bergen zahlreiche Quellen entspringen und so ist Kos, im Gegensatz zu den meisten anderen Dodekanesinseln sehr grün und bewaldet. Aber nicht nur Süßwasser gibt es zu Genüge, auch Heilquellen und sogar einige Thermalquellen. Was lag da näher, als auf dieser von der Natur so reich beschenkten Insel eine Heilstätte zu begründen. Zunächst wurde an der Stelle des späteren Asklepions Apollon, der Vater des Heilgottes Asklepios verehrt unter dem Beinamen Kyparissios, weil sein Heiligtum in einem Zypressenhain lag. Die Gründung des Asklepions geht wohl auf die Zeit nach dem Tod des Hippokrates zurück, doch darf angenommen werden, dass dort die Methoden und Lehren des großen Arztes angewendet wurden. Selbst heute, wo das damals moderne Sanatorium in Trümmern liegt, spürt man die wohltuende Atmosphäre. Die Luft ist erfüllt vom würzigen Duft der Zypressen und die Aussicht von den Terrassen über die Nordwestküste von Kos bis hinüber an die nahe türkische Küste ist einmalig. Die Entwicklung des Heiligtums zu seiner heutigen Form begann im späten 4. Jh. v. Chr., in der hellenistischen Zeit, in der auch die Stadt Kos ihre große Blüte erlebte, indem man einen Altar des Asklepios errichtete. Im 3. Jh. trat an seine Stelle ein großer Marmoraltar, dessen Dach von ionischen Säulen gestützt wurde. Er war reich geschmückt mit Statuen, die man den Söhnen des Praxiteles zuschreibt. Ein kleiner Tempel des Asklepios wurde in der gleichen Zeit errichtet, ebenso die untere der insgesamt drei Terrassen mit dem Propylon (Eingang) und Räumen für die Kranken. Auch die mittlere Terrasse mit hölzernen Säulengängen auf Steinfundamenten datiert in diese Zeit. Im 2. Jh. v. Chr. kamen dazu der große dorische Tempel, die dorische Stoa um die obere Terrasse herum und die vom Altar zum oberen Tempel führende Treppe. Bei der Ausgestaltung des Asklepions orientierten sich die Koer an Epidaurus auf der Peloponnes, wo auch der Asklepios-Kult auf den Apollon-Kult gefolgt war, und am Asklepion von Rhodos, das verloren gegangen ist. Auch der Ablauf der “Kur” dürfte auf Kos ähnlich gewesen sein wie in Epidaurus. Der Heilsuchende fand sich, sobald er die Eingangstore durchschritten hatte, in einer wunderschönen Umgebung, die noch dazu mit zahlreichen Kunstwerken reich geschmückt war. Das allein wirkte sich mit Sicherheit schon wohltuend auf die Seele aus. Die Kranken wurden in einen Heilschlaf versetzt, in dem ihnen im Traum der Heilgott persönlich erschien. Mit Hilfe der Priester und Ärzte wurden die Träume gedeutet und der Kranke wurde, auch durch die verschiedenen Therapien zur Genesung geführt. Alle fünf Jahre wurden die “Großen Asklepien” mit sportlichen und künstlerischen Wettkämpfen gefeiert. Daher ist anzunehmen, dass es beim Asklepion auf Kos auch ein Theater und ein Stadion gegeben haben muss, die aber bis heute nicht lokalisiert werden konnten. Die Kuren auf Kos müssen sehr erfolgreich und beliebt gewesen sein, einige behaupten sogar, das Asklepion von Kos sei das bedeutendste von ganz Hellas gewesen. In der Römerzeit entwickelte es sich sogar zu einem richtigen “Modebad” und die Römer unternahmen einige Umbauten auf dem Gelände. Selbst nach dem Verbot der “heidnischen” Kulte durch den römischen Kaiser Theodosius im Jahr 391 n. Chr. wurde das Asklepion als Kurzentrum weiter genutzt. Das Ende des Asklepions kam durch ein verheerendes Erdbeben im Jahr 554 n. Chr., dem die meisten Bauten des Heiligtums zum Opfer fielen. Später entstand an seiner Stelle eine frühchristliche Siedlung. Ihre Bewohner, wie auch viele der späteren Bewohner von Kos-Stadt benutzten die Ruinen als praktischen Steinbruch, wo man die schön bearbeiteten Steine einfach nur vom Boden auflesen musste. Und so finden sich Steine des antiken Asklepions an verschiedenen Plätzen der Insel verteilt - wie das Castro in Kos-Stadt noch heute auf eindrucksvolle Weise zeigt.

Kos heute
Wie schon eingangs erwähnt, scheint das heutige Kos in mancherlei Beziehung auf den Spuren des großen Hippokrates zu wandeln.
Da ist zum einen die herrliche Natur dieser schönen Insel mit ihren grünen Wäldern und kilometerlangen Traumstränden, die auch heute noch, wie in der Antike, die Besucher in Massen anzieht. Früher waren es die Heilung Suchenden, heute sind es die Erholung Suchenden, die in großer Zahl die Insel besuchen. Viele erholen sich bei sportlicher Betätigung. Sei es, dass sie sich an einer der zahlreichen Fahrradvermietungen ein Zweirad leihen, um die Naturschönheiten oder die vielen archäologischen Stätten erkunden. Da gibt es malerische Ruinen von Ritterburgen in Kos-Stadt, bei Antimahia, Kefalos und bei dem verlassenen Dorf Palea Pyli, sowie etliche alte Kirchen, die einen Besuch wert sind und auf die hier aus Platzgründen leider nicht weiter eingegangen werden kann. Andere vergnügen sich beim Wassersport. Auch die einzigartige Embros-Therme, wo man im Meer ein Thermalbad nehmen kann, ist sehr beliebt. Und manche scheinen es erholsam zu finden, zwei Wochen lang zwischen Strand, Bar und Disco hin- und herzutorkeln...
Ja, Kos ist eine touristische Insel, die pro Jahr um die 500.000 Besucher zählt. Aber der Blick auf die mit scheußlichen Betonklötzen völlig verbaute türkische Küste zeigt Ausmaße, die man auf Kos zum Glück nicht findet. Die Hotels sind zum größten Teil kleiner und liegen verstreuter in der weiten Landschaft, was sicher einem Gesetz zu verdanken ist, welches vorschreibt, dass höchstens 20% eines Grundstücks bebaut werden dürfen. Und wer die Touristenmassen nicht mag, muss sich einfach entgegengesetzt zu ihrem “Herdentrieb” bewegen - und kann, nur wenige Meter vom übervölkerten Hotelstrand, den schönsten Sandstrand fast für sich alleine haben. Und so können auch die, welche es lieber etwas ruhiger und individueller mögen, durchaus auf ihre Kosten kommen. Gastfreundlich aufgenommen werden alle. Die Verfasserin dieses Beitrags hat sich, bedingt durch ihre Vorliebe für griechischen Mokka, sehr viel in verschiedenen Cafes aufgehalten. Und egal, wer da ankam, egal welcher Nationalität die Gäste waren, egal wie sie gekleidet waren, ausnahmslos alle wurden mit der gleichen, echten Freundlichkeit und Herzlichkeit behandelt.
Zum Anderen findet man auf Kos ein Umweltbewusstsein, wie man es sich auch andernorts, nicht nur in Hellas, öfter wünschen würde. So gibt es zum Beispiel ein liebevoll gepflegtes Biotop bei Psalidi, in dem zahlreiche Vögel, unter anderem Flamingos, überwintern. Es sind nicht nur Hütten zur Vogelbeobachtung aufgebaut, es gibt dort auch ein Informationszentrum. Zudem besteht die Möglichkeit, in unmittelbarer Nachbarschaft Zeltlager mit Gruppen von Kindern und Jugendlichen zu veranstalten und so die Naturkunde auch wirklich direkt in die Natur zu verlegen. Unter Naturschutz steht auch der Alikes - Salzsee bei Tigaki, an dem, wie in Psalidi, Wasser- und Watvögel überwintern.
In einem anderen Naturschutzgebiet, der “Plaka”, das auch bei den Koern sehr beliebt ist als Naherholungsziel, kann man in einem herrlichen, schattigen Wald frei lebende Pfauen beobachten.
In der Umgebung von Kos-Stadt hat die Gemeindeverwaltung breite Fahrradwege anlegen lassen, die manchen Deutschen, der sich, in Ermangelung derselben, in seiner Heimatstadt halsbrecherisch durch die Autokolonnen schlängeln muss, in helle Begeisterung versetzen. Auch um den öffentlichen Nahverkehr ist es gut bestellt durch Autobusse, welche die Außenbezirke von Kos-Stadt in 15 Minuten-Intervallen mit dem Zentrum verbinden. Zu den archäologischen Sehenswürdigkeiten fährt eine kleine, “Trenaki” genannte Bahn, die von einer Diesellok gezogen wird.
Eine der ersten biologischen Kläranlagen in der ganzen Ägäis wurde bereits 1991 hier eingeweiht.
Ein Windpark dient der Energieerzeugung. Für die Zukunft geplant und bei der EU bereits beantragt ist die Errichtung eine in Hellas noch viel zu seltenen Müllverbrennungsanlage zur Energiegewinnung. Ein weiteres Vorzeigeobjekt von Kos ist die vor wenigen Jahren erbaute Marina, die Platz für 150 Yachten bietet und als vorbildlich gilt.
“Der Arzt soll sagen, was vorher war, erkennen, was gegenwärtig ist, voraussagen, was zukünftig sein wird”. Nach diesem Motto von Hippokrates scheinen die politisch Verantwortlichen auf Kos zu handeln. Das würde man sich auch für den Rest der Hellenischen Republik wünschen!

Allgemeine Infos zu Kos
Kos ist mit einer Fläche von 290 qkm und einer Küstenlänge von 113 km nach Rhodos und Karpathos die drittgrößte Insel der Dodekanes-Inselgruppe. Sie ist relativ eben, die höchste Erhebung ist der Dekaios mit einer Höhe von 846 m. Kos ist als eigener Bezirk der Präfektur Dodekanes angegliedert. Die Insel hat etwa 25.000 Einwohner und verfügt über 65.000 Fremdenbetten. Durch den internationalen Flughafen ist Kos leicht erreichbar. Im Sommer wird die Insel von den meisten deutschen Flughäfen direkt angeflogen. Mit dem Schiff kann man Kos von Piräus aus erreichen, auch zu den Nachbarinseln gibt es zahlreiche Schiffsverbindungen.