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NAOUSSA - Die Stadt Naoussa in Makedonien zwischen Tradition und Moderne

2016-08-15 2017-01-17 15.08.2016 545 × gelesen 3 Minuten

Vor zweieinhalb Tausend Jahren spazierte hier Alexander der Große mit Aristoteles. Vor hundert Jahren war der Name der Stadt in Europa ein Begriff für Textilien. Der gleichnamige Rotwein war früher der einzige, den Schiffe auf ihren langen Reisen lagern konnten. Heute fehlt der trockene Rotwein "Naoussa" auf keiner griechischen Speisekarte. Den Griechen ist die Stadt als Herkunftsort der besten Pfirsiche und Kirschen bekannt, als eine Faschingshochburg und als ein Skiclub, der jedes Jahr die Skimeisterschaften gewinnt.

Malerisch liegt sie am grünen Hang des Vermion-Gebirges, umsäumt von Weinbergen zur Ebene hin, soweit das Auge reicht. Enge Gassen mit alten Häusern im makedonischen Architekturstil prägen das Stadtbild. Hohe, stillgelegte Industrieschornsteine am Rande der Stadt ergänzen es als stumme Zeugen ihrer bewegten Geschichte, die mit dem Fluss Arapitsa und dem bewaldeten Berg eng zusammenhängt.
Die kleine Stadt Naoussa, 90 km westlich von Thessaloniki, erzählt von einer jahrtausendlangen Tradition.
An einem Ort unweit der Stadt, unter dem Schatten von Walnussbäumen, Eichen und Platanen befindet sich die berühmte "Aristotelische Schule". Dort wurde der junge Königssohn Alexander im Jahre 342 v.Chr. in Mathematik und Philosophie von Aristoteles unterrichtet, bevor er zu seinen Feldzügen aufbrach. Reste eines antiken Theaters sowie vier Königsgräber zeugen von der hochentwickelten Kultur zwischen Pella, Vergina, Misa und Dion.
Als "Manchester des Balkans" erlangte die Kleinstadt in den zwei letzten Jahrhunderten Ruhm. 1874 stand hier die erste Spinnerei-Fabrik. Baumwolle mußte sogar von den Nachbarländern zur Verarbeitung importiert werden, Textilien guter Qualität wurden in alle europäische Länder exportiert. Zur Donaumetropole Wien zum Beispiel bestanden sehr gute Geschäftsbeziehungen.
Das Wasser aus der Bergregion und die Wasserfälle des Flusses Arapitsa waren die Grundlage für den Beginn einer florierenden Industrialisierung in Naoussa. In den drei Fabriken am Rand der Kleinstadt wurden drei Tausend Menschen beschäftigt, - bei einer Bevölkerung von 30 Tausend Einwohnern. Die Militäruniformen der Osmanen und später des griechischen Heeres wurden hier hergestellt. Seit den 50er Jahren und bis heute kommen aus dieser Region die Flokati-Teppiche.
Um die Jahrhundertwende entstanden hier eine Seidenweberei, zwei Wassermühlen und eine Ziegelei, die bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts in Betrieb waren.
Heute stehen sowohl die alten Fabrikgebäude als auch die Mühlen unter Denkmalschutz.
An den Weinbergen um die Stadt wächst eine "schwarze, trockene" Rebe. Schon seit dem Altertum wird in der Region die Tradition des Weinanbaus und der Weinherstellung gepflegt. Ein trockener Rotwein wurde bereits während des osmanischen Reiches von Naoussa aus bis Wien und Ägypten exportiert.
Den weltweiten Export in Flaschen unternahm die bekannte Weinhändler-Familie Boutaris im Jahr 1879 und 25 Jahre später begann hier die erste industrielle Flaschenabfüllung.
In den letzten 50 Jahren entwickelte sich das Familienunternehmen zu einem riesigen Industriezweig im Norden Griechenlands. Boutaris Rotweine, Ouzo und Tsipouro sind weltweit bekannt und mit vielen internationalen Preisen ausgezeichnet.
Geht man heute durch die Stadt Naoussa, stellt man eine harmonische Koexistenz des Alten und des Neuen fest. Auch außerhalb der Altstadt treffen wir auf viele Zeugen der Vergangenheit: Ein wunderschönes klassizistisches Gebäude, ein Brunnen unter einer Platane, eine aus Stein gebaute Schule, ein byzantinisches Kloster, eine alte Mühle mit einem kunstvoll geschmiedeten Eisentor.
Vor dem Rathaus zeigt die Turmuhr aus Sandstein seit 1895 die Zeit. Sie ist ein Geschenk eines der Spinnereifabrikanten (Georgios Kyrtsis) wie auch das erste Krankenhaus der Stadt vom Jahr 1892 (von Ioannis Tourpalis) und das erste Lyceum von 1922 (von Aristides und Grigorios Lappas).
Naoussa ist aber vor allem die "Stadt des Wassers". Beeindruckend sind der Stadtpark, die Fontänen, die unzähligen Brunnen, das ständig fließende Wasser. Wohltuenden Schatten bietet im Sommer der nahegelegene Ort Agios Nikolaus, bei dem der Fluss Arapitsa entspringt. Riesige Platanen an den Quellen machen ihn zu einem beliebten Ausflugsziel von nah und fern.
Von den Museen der Stadt ist das Wein- und Weinanbau-Museum der Familie Boutaris das sehenswerteste. Über die Kunst der heutigen Weinherstellung kann sich der Besucher auch in einer der 14 Wein-Genossenschaften informieren.
Durch die Weinberge von Naoussa führt eine der sieben "Weinstrassen von Makedonien". Das ist ein Bestandteil des relativ neuen "Agrotourismus"- Projektes, an dem sich viele griechische Provinzen mit Erfolg beteiligen.
Das Bergdorf Arkohori, das schönste Dorf oberhalb von Naoussa, ist ein Beispiel für das gut angenommene "Agrotourismus"- Konzept. Sechs Gästehäuser, im traditionellen Stil aus Stein und Lehm gebaut, kleine Gassen mit Pflastersteinen, eine herrliche Aussicht auf die Ebene von Thessaloniki und vor allem viel Wald bieten den Besuchern in den heißen Sommermonaten Ruhe und Erholung.
In den Wintermonaten ist das Skigebiet mit dem eigensinnigen Namen "3-5 Pigadia" (3-5 Quellen) ein beliebtes Ziel nicht nur für Sportler. Der mit Tannen dicht bewaldete Berg von fast zwei Tausend Metern Höhe wirkt wie eine Miniversion eines alpinen Skigebietes.Und wenn es mal Petrus mit den Wintersportlern nicht so gut meint, kann die Technik hier mit Kunstschnee nachhelfen. Kein Wunder, dass der hiesige Skiverein in den griechischen Meisterschaften jedes Jahr als Sieger hervorgeht.
Kulturell bietet Naoussa ein vielfältiges Angebot an Aktivitäten wie Sommerfestivals mit Folklore, Musik und Theater. Die drei Monate lang dauernde Weinlese im traditionellen Stil ist sehr beliebt bei den Besuchern. Noch beliebter ist der in ganz Griechenland berühmte Rosenmontag - Faschingsumzug von Naoussa, mit seiner einzigartigen jahrhundertlangen Tradition an Masken und historischen Kostümen. Bemerkenswert ist dabei, dass in den närrischen Tagen die ganze Stadtbevölkerung, vom Kleinkind bis zum Greisen, auf den Straßen ist, ähnlich wie in Köln oder Mainz. Doch für Griechenland ist dies ein eher seltenes Phänomen, denn außer hier wird Fasching nur in Patras groß gefeiert.
An jedem Sonntag nach Ostern gedenken die Bürger Naoussas ihres Befreiungskampfes vom osmanischen Reich, im April 1822. Damals, als das Städtchen vom Heer des Paschas belagert wurde, wählten viele Frauen mit ihren Kindern den Freitod in den Wasserfällen von Arapitsa. Auf einer Brücke im Zentrum der Stadt erinnert ein Denkmal an diese "heroische Tat". Neben Messolongi, Souli und Arkadi wurde ihr 1955 vom griechischen Staat der Ehrentitel verliehen. Endgültig befreit wurde Naoussa wie auch Thessaloniki erst 1912.
In der Umgebung der Stadt sind für den Besucher nicht nur die archäologischen Stätten und die Aristoteles-Schule von Interesse, sondern auch alte Klöster, wie das von Prodromos und Metamorphosis und die Bergdörfer, die im Grünen "ertrinken", wie die Einheimischen zu sagen pflegen.
Die Gastfreundschaft der Menschen ergänzt die Schönheit der Natur wohltuend und macht den Besuch in der Region zu einem unvergesslichem Erlebnis, mit oder ohne den Genuß des trockenen Rotweins von Naoussa.

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