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Griechenland – Land der Ruinen und Wracks

  1.868 Wörter 7 Minuten
2016-08-19 2016-08-19 19.08.2016 3.287 × gelesen

Es gibt Griechenlandreisende, die das Land vor allem seiner Ruinen wegen besuchen. Gemeint sind dann aber die Ruinen von antiken Tempeln und Theatern, die als Zeugen der grossen Vergangenheit in den verschiedenen Ausgrabungsstätten zu bewundern sind. Viel häufiger trifft man hier aber immer wieder auf neuzeitliche Ruinen, welche sich (noch) nicht zu Sehenswürdigkeiten entwickelt haben und deshalb in keinem Reiseführer beschrieben sind. Ruinen, über die man sich je nach Sichtweise freuen oder ärgern kann, über deren Geschichte man sich selber Gedanken machen oder sogar recherchieren muss.

Verlassene Häuser
Wer kennt sie nicht, die verlassenen, halbzerfallen Häuser in vielen Inseldörfern. Da ist jemand weggegangen und nicht mehr zurückgekommen. Oft steht alles noch so da, wie es verlassen wurde. Die Farbe und der Putz blättern langsam ab, das Haus zerfällt allmählich. Das Balkongeländer ist längst weggerostet, die Blumentöpfe stehen aber noch da. Aufgehängte Werkzeuge und abgestellte Fahrzeuge rosten vor sich hin. Sind die Bewohner ausgewandert? Haben sie ihr Glück in der Fremde gefunden - oder auch ihr Unglück? Sind sie deshalb nicht mehr zurückgekehrt? Kommen sie vielleicht irgendwann im Alter doch noch zurück?
Griechen lassen solche Ruinen oft über Jahre und Jahrzehnte hinweg unberührt. Privat-Eigentum wird offenbar respektiert, auch wenn es längst keinen Sinn mehr macht. Es geht einen nichts an, also lässt man alles wie es ist. Falls die Gemeinde Geld hat, sorgt sie eventuell dafür, dass die Ruinen wenigsten jedes Jahr weiss gekalkt werden, damit das Dorf von aussen intakt aussieht.

Eine andere Art von Ruinen: Wracks
Ist es nicht eines der Markenzeichen „der Griechen“? Man lässt alles stehen wie es ist und geht weg - auch heute noch. Die Zurückgebliebenen fassen es nicht an, weil es ihnen nicht gehört, weil sie nicht dafür verantwortlich sind. Was geschieht, wenn das Auto plötzlich den Geist aufgibt? Ganz einfach: Nummernschilder weg und stehen lassen. Alle die später kommen, gehen daran vorbei und kümmern sich nicht darum - auch nicht Polizisten oder andere Ordnungshüter. Den Rest besorgen dann die Zeit und die Natur. Speziell auf den Inseln, sieht man immer wieder solche Autowracks am Strassenrand und auf Feldern stehen. Nicht nur Personenwagen, ganze Lastwagen, Busse und sogar schwere Baumaschinen. Schandflecken in der Natur, die sich im Laufe der Jahre aber dank der Natur oft in fotogene, romantisch oder skurril aussehende Wrack-Idyllen verwandeln – die schlussendlich zur Landschaft gehören. Das geschieht nicht nur mit Autos, sondern auch bei Schiffen. Was wäre z.B. der berühmt Wrackbeach auf Zakinthos ohne Wrack?
Ist es nicht eines der Markenzeichen „der Griechen“? Man lässt alles stehen wie es ist und geht weg - auch heute noch. Die Zurückgebliebenen fassen es nicht an, weil es ihnen nicht gehört, weil sie nicht dafür verantwortlich sind. Was geschieht, wenn das Auto plötzlich den Geist aufgibt? Ganz einfach: Nummernschilder weg und stehen lassen. Alle die später kommen, gehen daran vorbei und kümmern sich nicht darum - auch nicht Polizisten oder andere Ordnungshüter. Den Rest besorgen dann die Zeit und die Natur. Speziell auf den Inseln, sieht man immer wieder solche Autowracks am Strassenrand und auf Feldern stehen. Nicht nur Personenwagen, ganze Lastwagen, Busse und sogar schwere Baumaschinen. Schandflecken in der Natur, die sich im Laufe der Jahre aber dank der Natur oft in fotogene, romantisch oder skurril aussehende Wrack-Idyllen verwandeln – die schlussendlich zur Landschaft gehören. Das geschieht nicht nur mit Autos, sondern auch bei Schiffen. Was wäre z.B. der berühmt Wrackbeach auf Zakinthos ohne Wrack?

Industrieruinen auf Naxos
Offenbar genau das Gleiche wie bei einem Haus oder Auto passiert, wenn ein Industriebetrieb seinen Betrieb einstellt. Am Tag x stellen die Arbeiter die Maschinen ab und gehen nach Hause, alles bleibt liegen und stehen so wie es am letzten Arbeitstag war. Keiner ist mehr verantwortlich irgendetwas zu tun.
Ein Beispiel ist uns im Sommer 2007 auf Naxos begegnet. Hier wurde bis vor ca. 40 Jahren Bergbau betrieben. Es wurde in grossem Stil Schmirgel abgebaut. Dazu wurden hoch oben in den Bergen, mit Hammer und Meissel lange Stollen ausgebrochen. Mit Maultieren wurde der Schmirgel hinunter an die Küste zu den Verladeplätzen transportiert. Später wurde dann eine abenteuerliche Seilbahn gebaut. Alles steht noch da. Die gemauerten „Baracken“ der Arbeiter sind inzwischen leer, die Fenster zerbrochen. Die Stolleneingänge sind zwar notdürftig abgesperrt, vor manchem steht aber noch ein Kompressor auf der Durchgangsstrasse, die Luftschläuche führen nach wie vor in die Stollen hinein. Bei einzelnen Kompressoren wurden die Räder abmontiert, die Mehrzahl steht aber noch auf den längst luftleeren, langsam zerbröselnden Reifen. Auch die teilweise noch mit Gestein gefüllten Loren stehen bei der Verladestation immer noch auf den inzwischen längst überwucherten Gleisen.

Unten dran steht das Maschinenhaus der Seilbahn, als einziges Haus noch intakt und verschlossen. Darin soll noch die alte Einzylindermaschine stehen. Das gigantische Open-Air-Getriebe, das die Seilbahn angetrieben hat, rostet daneben vor sich hin. Die Seilbahn steht noch komplett da, die Transportbehälter an den Seilen sind zumeist noch mit Gestein beladen und baumeln seit Jahren im Wind.
Diese Seilbahnen überqueren Bergketten, ziehen sich kilometerweit dahin und führen schlussendlich an der Südküste zur Verladestation in Moutsonas. Hier gibt es eine riesige Halde von (noch) nicht verladenem Schmirgel. Die Gleise, die auf die Verladerampe führen, samt den Loren, dienen heute den Fischern zum Transportieren ihrer Boote und Netze. Der Verladekran steht nutzlos herum. Am Quai liegt ein Fischerboot, die Fischer flicken auf dem Boot ihre Netze. Das kleine Dorf lebt heute von den paar Touristen und den wenigen, dank besseren Strassen immer mehr werdenden Weeckendhausbesitzern. Es gibt zwei ganz gute Restaurants die offenbar gut überleben können.
Oben in den Bergen liegen die schmucken Dörfer der Bergarbeiter. Aber einzig Aspiranthos, macht etwas auf Tourismus und verfügt über vier kleine Museen, darunter auch ein Mineralienmuseum.

Das schönste Dorf ist Koronos. Es wird aber kaum von Touristen aufgesucht, da es auf den ersten Blick nur über steile, lange Treppen erreichbar scheint. Koronos erlebte wegen des Schmirgelabbaus von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis etwa 1960 eine beachtliche wirtschaftliche Blüte und erwarb sich einen gewissen Wohlstand. Die Bevölkerung wuchs auf über 2000 Personen an, und zeitweise sollen bis zu 400 Kinder die Dorfschule besucht haben; heute sind es weniger als zwanzig. Koronos ist immer noch ein schönes, gepflegtes Dorf, mit steilen Treppen, kleinen blumengeschmückten Plätzen und sehr freundlichen Einwohnern.

Von was leben diese Leute heute? Angeblich gibt es immer noch Bergarbeiter, welche auf eigene Faust (in neuen Stollen) Schmirgel abbauen. Denn wer pro Jahr 27 Tonnen Schmirgel abliefert, hat laut einem alten Gesetz nach wie vor ein weiteres Jahr Anrecht auf Rente. Den Schmirgel holt zwar keiner mehr ab, nur eine neu angelegte, zweite grosse Halde oben in den Bergen wächst von Jahr zu Jahr. Sinnlos - und doch ganz gut! Von was würden denn sonst die die Leute hier oben leben? Vielleicht in Zukunft von den Ruinen und Wracks. Denn diese stillgelegten Anlagen sind Industriedenkmäler und werden nun langsam zu nostalgischen, skurrilen aber sehr interessanten Sehenswürdigkeiten. Auf Naxos ist man darum vor ein paar Jahren auf die Idee gekommen, etwas aus diesen Industrieruinen zu machen. Es wurde ein Verein gegründet, welcher mit Unterstützung aus Deutschland und mit Geld der EU die Überreste des Schmirgelabbaus zu einem Open-Air-Museum ausbauen wollte. Der historische Antriebsmotor der Seilbahn, die Seilbahnen selbst (evtl. ein Stück als Touristenbahn ausgebaut) und ein Stollen sollten zur Besichtung freigeben werden. Ein erster Anfang wurde offenbar gemacht: Zwei der speziellen Schmirgelboote sind z.B. bereits hoch oben in den Bergen, weit weg vom Meer bei der neu angelegten Schmirgelhalde zwischengelagert. Dort warten sie nun auf die Eröffnung des Freilichtmuseums oder auf die nächste Sintflut – je nachdem was früher eintritt. Denn leider ist das Projekt zwischenzeitlich offenbar gestorben oder auf Eis gelegt worden. Die bereits restaurierten Häuser und Wege zerfallen bereits wieder, die freigelegten Gleise der Stollenbahnen werden zum zweiten Mal von der Natur zurückerobert.

Schade! Es wäre schön, wenn man da etwas machen könnte. Denn was wäre Naxos, ohne die Industrieruinen des Bergbaus und vor allen ohne die malerischen Bergbaudörfer hoch oben in den Bergen?


Ein Wahrzeichen zerfällt
Ein Symbol für Griechenland, das man oft auf Werbeplakaten und Postkarten sieht - und das als Modell vor vielen Restaurants steht, ist die Windmühle. Auf allen Inseln begegnet man Resten und Ruinen dieser Mühlen, immer an markanten, von Weitem sichtbaren Stellen gelegen. Einige Mühlen sind längst zu Ferienhäusern umgebaut worden, die meisten lässt man aber ungenutzt zerfallen. Wer hat in letzter Zeit noch eine Windmühle mit sich drehenden, gespannten Segeln gesehen? Wer hat evtl. sogar noch eine Mühle in Betrieb gesehen? Mir sind nach doch etlichen Reisen auf griechische Inseln nur drei in Erinnerung:

In Olympos auf Karpathos sahen wir vor 8 Jahren noch mehrere Windmühlen, in denen sogar noch Getreide gemahlen wurde. Und auf Kos steht in Antimachia noch eine intakte Mühle, in der täglich, allerdings nur noch zu Show-Zwecken für die Touristen, gemahlen wir. Immerhin kann man hier die Funktion dieses technischen Wunderwerkes mit seiner Mechanik aus Holz und Stein bewundern. Hier lohnt sich offenbar der Aufwand allein der Trinkgelder wegen. Oder hat man evtl. sogar eingesehen, dass diese Mühle ein erhaltenswertes Kulturdenkmal ist?

Meine erste echte Windmühle, sah ich 1975 auf Kreta, auf dem Pass zur Lassithi-Hocheben. Diese Hochebene ist eine der interessantesten Gegenden Kretas und ganz Griechenlands. Auf die Lassithi zu kommen war früher ein recht langer Weg, dann kam die direkte, breite Asphaltstrasse via Mochos dazu. Heute führt zusätzlich, nur ein paar km östlich davon, eine weitere Asphaltstrasse von Malia aus direkt hinauf bis nach Krassi. Man ist damit noch 5 Minuten schneller oben als über Mochos. Der Sinn dieser zusätzlichen Strasse ist aber eigentlich nicht ersichtlich. Das letzte Stück der Anfahrt auf die Lassithi ist gleich geblieben wie früher und darum immer noch beeindruckend.

Ein erster Höhepunkt bei der Fahrt auf die Lassithi ist jedes Mal der Stopp oben auf der Passhöhe. Nicht nur der Aussicht wegen. Hier standen 1975 noch zwei Windmühlen, in denen damals tatsächlich noch Getreide gemahlen wurde. Später war es dann noch eine Windmühle, die sich dann nur noch für die Touristen drehte, aber immerhin konnte man das Holzgetriebe noch in Funktion sehen. Der alte, ehemalige Müller verteilte Raki und Postkarten und konnte so offensichtlich genügend Trinkgelder lockermachen um davon zu leben.

Diese Windmühle war der eigentliche Grund, wieso jeder Tourist hier stoppte. Sie war auch der Grund, dass es hier bald Leute gab, die den Touristen Kräuter verkauften und sich so ein kleines Zusatzeinkommen sichern konnten. Später kamen dann ein Restaurant und ein Souvenirladen dazu – aber der Hauptgrund zum Stoppen war immer noch die Mühle. Letztmals sahen wir diese Windmühle im Frühling 1996 „in Betrieb“.

Sehr lange Zeit hat uns der Weg dann nicht mehr auf die Lassithi geführt, erst diesen Frühling wieder. Und – es sieht richtig traurig aus dort oben auf der Passhöhe. Auch die letzte Windmühle ist offenbar seit längerer Zeit dem Zerfall überlassen worden. Das Gestänge für die Segel liegt zerbrochen davor auf dem Boden, das Holz und die Seile vermodern bereits, die Ketten verrosten.

Für mich ist das nicht nur traurig, sondern auch vollkommen unverständlich. Das Besondere an der Mühle von Lassithi ist nämlich ihre einzigartige Lage auf der Passhöhe, welche sie zum weithin sichtbaren Wahrzeichen am Eingangstor zur Lassithi-Hochebene macht, fast vergleichbar mit der Freiheitsstatue am Eingang von New York. Liebe Verantwortliche auf Lassithi. Was würde die Welt denken, wenn man in New York die Freiheitsstatue zerfallen liesse?

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