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Literaturkalender Griechische Inseln 2018

2018-04-16 2018-04-17 16.04.2018 229 × gelesen 12 Minuten
  • Von Andreas DeffnerAusschnitt aus „Filótimo!“ / Größenwahn Verlag

„Tief dunkelblau schillert das Meer in der morgendlichen Sonne, während sich das verblichen-gelbe Netz an Deck immer weiter, scheinbar ungeordnet, zu einem Haufen zusammenlegt. Einige Sargos – Bindenbrassen – sind bereits eingewickelt, da plumpst ein größerer Brocken auf den Schiffsboden. Feurig rot zappelt ein etwa unterarmlanger Skorpios in den Maschen.
»Das ist ein besonders guter Fisch für eine leckere Suppe«, sagt Mitso.“

 

  • Von Petros Kyrimisaus dem noch nicht publizierten Roman „Die Moiren und die Zeit“ / Übers.: Niki Eideneier

Vielleicht weil es an diesem Abend Vollmond gab und das Meer durch die  offenen Bullaugen blitzte und eine fast zauberhafte Atmosphäre gestaltete, hat der Kapitän noch nicht die kristallenen Kronleuchter anzünden lassen.
Jemand vom Orchester fing an, sanft mit der  Mundharmonika „La paloma“ zu spielen –  ein Wunsch des Kapitäns …wenn ich  in der Fremde sterben sollte, wird es dir eine Taube verkünden … Er stand vor dem offenen Bullauge und atmete gierig den Duft ein, wie eine exzellente Essenz am Hals einer wunderschönen Frau.

 

  • Von Eleni Chatzitzanou-Walthardaus „Der Tag, da alles anders wurde“ / Romiosini, Köln 2000

Im Sommer fuhren wir ans Meer. Wie einst mit dem Motorboot und wie damals konnte man die schneeweißen, tintenblauen und rostroten Medusen schwimmen sehen. Am Ende der Seefahrt, wenn sich das letzte Sandkörnchen gesenkt und das Wasser sich zu einer ölglatten Oberfläche beruhigt hatte, zeigten sich auf dem Meeresgrund die bunten Kieselsteinchen, scheinbar gefangen in einem flimmernden Lichtnetz, das sich im Rhythmus des auslaufenden Motorboots bewegte.

 

  • Aus „Jannis Ritsos, 100 Jahre seit seiner Geburt“ / Museum Benaki Athen, Kalender 2000 / Übers.: Niki Eideneier

WIEDERGUTMACHUNG
Der letzte Schimmer des
Nachmittags beschien
die offene Seite,
die er beschreiben wollte:
etwas übers Meer
oder über verschlossene Häuser.
Doch er bekam Angst,
ob nicht ein Wort von sich
dieses goldrosafarbene Licht
des Sonnenuntergangs
aus dieser Seite lösche.
Er machte nun sein Heft zu,
im Glauben
dass er auf diese Weise
unberührt lassen würde
ihr rosiges, tadelloses Schweigen …

 

  • Von Jorgos Matzuranisaus „Die Kinder des Meeres. In: Geschichten der Heimat und der Fremde“ / Niki Eideneier (Hrsg.), Romiosini, Köln 1997

Ich erinnere mich an unser Dorf und an die Kinder, mit denen wir zusammen spielten.
Wir stiegen den großen Hang hinunter und kamen zum Fluss, in die Nähe der Stelle, an der er ins Meer mündet.
Auf der anderen Seite standen die türkischen Kinder und riefen uns zu, wir riefen ihnen zu, und so verständigten wir uns miteinander.
Wir bauten Schiffchen aus Konservendosen und Holzstücken, bastelten ihnen Papiersegel und schickten sie mit Nüssen beladen hinüber, die türkischen Kinder schickten sie uns, mit Kastanien beladen, wieder zurück.
Manchmal nahm der Strom unsere Schiffchen und trieb sie auf hohe See, um den Inselkindern Kastanien und Nüsse zu bringen. 

 

  • Von Klaus LiebeErstveröffentlichung

Das Meer meide ich. Seit den olympischen Göttern gehört es den Griechen.
Ihnen allein. Über seinen Gestaden wandere ich bergan, horche auf die alten Sagen, die die Brandung an die Klippen schlägt. Thymian, Rosmarin, Kamille, der laue Wind. Wildbienen, Eidechsen, ein einziger, melancholischer Vogel. Welcher? Vom felsigen Ziegenpfad ein Blick in die Tiefe. Eine verborgene Bucht: Grammata. Dankeslettern von Geretteten. So alt wie Geschichte erzählen sie Geschichten.
Im Licht dieses Gipfelmorgens gehört Griechenland mir. Auch mir. 

 

  • Von Costas Gianacacosaus „Das Licht berühren“ / Romiosini, Köln 2003

DIE SONNENGLUT
Die Sonnenglut
hat dich ergriffen
und nächtens brennen
auf deiner Haut
feuchte Lippen
und sehnliche Erwartung
Und ich der ganz dir nahekommt
Kann dich nie erreichen.
Mich blendet momentan das Licht
Ein leuchtendes Lächeln
Da verlier ich meinen Weg.
Die Sonne reißt dich mit
Und führt dich fort so weit

 

  • Von Niki Eideneier, aus „Farbnuancen. In: Auf der Suche nach einem verlorenen (Griechen)Land“ / die horen 249, 2013

»Habt ihr jemals einen Regenbogen im Meer gesehen?«, fragte uns einmal eine Besucherin des Sommers.
»Nicht am Himmel, wenn es geregnet hat; mitten im tiefen Meer!« Seitdem versuche ich, den Regenbogen im Meer zu entdecken, zu allen Tages- und Nachtzeiten. Vergeblich. Der Versuchung widerstehen kann ich aber auch nicht.
Doch sollte es mir einmal gelingen, da bin ich sicher: Ich werde üben: Verzücktes Schweigen. 

 

  • Von Michalis Patentalis, aus„ Die Kurzsichtigkeit einer Stadt“ / Romiosini, Köln 1998 / Übertr.: Helena Pekalis

TRAUMMUSIK
Oh, sanfte Musik,
meines Geistes Verfügung.
Reise auf nimmermüden Delfinen
und tiefblau der Blick.
Und die Haare, weiße Wolken,
duftüberströmt
Von Regen und Meer.
Oh, sanfte Musik,
stellst mein Herz auf den Kopf.
Und die Menschen, fließende,
reine Gewässer.
Und der Wind, eine wilde Wiese,
wie er streicht
über mein Gesicht
ein Himmelskuss, einzigartig.
Oh sanfte Musik, wärst du ewig. 

 

  • Von Dimitrios KalantzisErstveröffentlichung

BEFLÜGELTE TRÄUME
Gern hätte ich ein Paddelboot,
samt Segeln in dem Winde,
das federleichte Schreiten
des Hengstes Bellerofons,
den Himmel durchzustreifen,
die Winde zu verfolgen,
des Lichtes Tempo
hätt´ ich gern,
die Zeit zu überholen. 

 

  • Von Eleni TsakmakiErstveröffentlichung / Übers.: Niki Eideneier

Send uns ein bisschen Licht von deiner Sonne,
ein paar Äste von deinem Olivenbaum
etwas Salzigkeit von deinem Meer,
damit wir uns in deiner Nähe fühlen, Heimat.
Auf fremde Erdteile verstreuten sich
deine Kinder
doch in keinem Land fanden sie
diese süße Schönheit.
In deinem Schoß hast du uns gewärmt
und mit unsterblicher Milch
von deiner Brust uns gestillt.
Auf deiner Erde unsre Schritte,
die ersten und nun auch die letzten.

 

  • Von Jorgos Valasiadisaus „Graf-o“ / Zeitschrift für Dichtung und Prosa der Gesellschaft Griechischer Autoren in Deutschland. Athen, Bonn, Düsseldorf: Red. Alexios Mainas, 2012

HAIKU
Dünen der Wüste
Die Klippen an der Küste
Spielplatz des Windes 

Mitten im Rapsfeld
Die hellrote Mohnblume
Ein einsamer Held

Kirschblüten schmücken
prachtvoll manch’ Äste
Boten des Sommers

Der Bach murmelt es
die Blätter flüstern’s mir zu
Bald wird es Sommer 

Das stille Wasser
Zwischen mir und Horizont
Spiegel des Himmels

Sie sprachen leise
Ein Frosch und eine Meise
Ich lauschte ihnen

 

  • Von Jürgen Rompfaus „Otten“ / Erstveröffentlichung

Plötzlich glaubte er Stimmen zu hören, die sich näherten, dann wieder Gesang,
der von den Lichtern auf der Insel zu kommen schien.
Kopfstimmen, die ihn an umgepflügte Äcker denken ließen.
Einzelne Töne brachen sich an den niedrigen Wellentälern.
Dann verloren sich die Stimmen und die Musik über dem Meer.
Nimm auf in die Luft meinen leisen Atem. – Geschriebenes oder Gesprochenes. Wahrheit oder Lüge.
Einbildung oder Wirklichkeit.
Wörter können nicht zurückgenommen werden. 

 

  • Von Mischi Steinbrück

„Wellen, Atem des Meeres, sein Gesang.“ 

 

  • Von Petrini SidiropoulouErstveröffentlichung

DER SONNENUNTERGANG IN MEINEM DORF
Ich erinnere mich, wie ich als Kind an einem Sommernachmittag mit anderen Kindern spielend, fasziniert auf einer Anhöhe stand. Vor mir lagen die Häuser des Dorfes, daran anschließend die endlosen Felder. Weiter hinten der Berg Pangäo und dahinter ein Horizont in Orange, vermischt mit dem Rot des Feuers und dem Gelb des Sonnenaufgangs, mit türkisfarbenen Strähnen, die sich an das Blau des Himmels schmiegen.
Komm schon, bist du festgewachsen? Was siehst du dort? riefen mir die Kinder zu. „Gott … Ich sehe Gott“, wisperte ich lächelnd und rannte, um sie einzuholen.

 

  • Von Anna Tastsoglou

AM LETZTEN TAG
Eine Flasche Meerwasser
Eine Handvoll Sand und Strandgut
Griechische Luft.
Ich verabschiede mich
Von dem riesigen Blau
Von der riesigen Sonne.
Ich verspreche wiederzukommen.
Die Welt ist doch so klein,
oder?

 

  • Von Andreas DeffnerErstveröffentlichung

ΘΑΛΑΣΣΑ ΜΟΥ...
Ein Montag am Meer.
Sie steht dir so gut
diese Farbe, die mich eintauchen lässt.
Und träumen von dir. 

Dein Blau im Mondschein purpur
im frühen Morgenlicht azur.
Fasziniert verliere ich mich darin,
spüre deine Energie und merke, ich bin. 

Diese Farbe verstärkt deinen Zauber,
überträgt sich von deinem Lächeln,
wie Wellen
auf deinen ganzen Körper,
die sich brechen am Strand.
Und die Welt drum herum glitzert. 

Ach, Θάλασσα μου ... 

 

  • Von Antonis Kountouris„Ein Liebesbrief“ von Antonis Kountouris / Übers.: Niki Eideneier

FOTOGRAFIEN
Blaues, warmes, ruhiges Meer,
nur dein Haar durchfurcht die Welle,
leichten Schritts kamst du in meine Nähe
sehr spät zu jenem ersten Rendezvous. 

Die Hände an der Gangschaltung verschränkt,
Dein Hals und Rücken: Verschwörung von Verliebten,
und diese Spur von deinen sanften Düften
meine Seele brachte sie aus dem Rhythmus. 

Deine Worte und die Umarmung, mein Kuss,
das Flüstern, deine Seufzer und auch die Mär,
dein Lächeln, dieses Glück und mit Gewähr:
sind deine Fotos in meinem Herz eingeschlossen.

 

  • Von Sevastos Sampsounis, aus „Die gefährliche Gewohnheit zu empfinden“ / Kyriakidis, Thessaloniki 2005 / Übers.: Niki Eideneier

Ich schritt auf Pfade, die mich auf  Auen und Mandelbaumhaine führten.
Ich schweifte auf Trockenflussbetten und neben Äcker mit Weizen,
die es eilig hatten, golden zu werden, und versuchte mein Gleichgewicht
zu erhalten auf Bahngleisen.
Und über mir die Sonne die immer mehr brannte. Sie verbrannte und
verbrühte meinen Rücken, sie verbrannte mich selber,
so wie ich in den Horizonten um Tychero herum verlor.
Horizonte wie Backöfen … 

 

  • Von Eleni Torossi, aus „Als ich dir zeigte, wie die Welt klingt“ / LangenMüller, München 2014

... Im Meer fühle ich mich bedeutend
wohler, obwohl ich nicht gerade
behaupten kann, dass ich gut schwimme.
Doch an das Meer bin ich von Kind
auf gewöhnt. Vielleicht machen
mir seine Farben einfach gute Laune,
sein Glitzern wie kleine silberne
Lämpchen. Wie sollte die Seele
im Meer zusammenkrampfen,
wenn es doch unaufhörlich
deinen Körper in Bewegung hält
und dir mit seinen Reflexen
zuzwinkert? 

 

  • Von Loukia Stefou, aus „Graf-o“ / Zeitschrift für Dichtung und Prosa der Gesellschaft Griechischer Autoren in Deutschland. Red. Alexios Mainas, März 2012 / Übers.: Niki Eideneier

RHYTHMEN
Ein paar Sekunden vorher herrschten
der Wind und das Licht.
Ein Winternachmittag. Seltsame Klänge, der sanfte Geruch von Kiki und die
Salzigkeit des stürmischen Meeres …
Ich hörte seine Stimme:
Er sprach von den Kobolden.
Ich hatte die gleichen Herztöne
in Umarmung mit seinem Atem.
In Freude und Ungeduld.
Sein Kopf hatte die Farbe des Lebens
und mich überflutete das rote Blut,
glühend vom Sauerstoff des Meeres
und dem Herumrennen der Kobolde.
Dann nichts.
Nur Sirenen und verlöschte Stimmen …

 

  • Von Andonis Fostieris, aus „Sehnsucht nach Gegenwart“ / Romiosini, Köln 2013 / Übers.: H. und N. Eideneier

VORSICHT FARBEN
Der Himmel hat Sonne gesaugt, aufgesaugt
Und wurde zu grünem Sumpf.
Die rote Blume, die verschreckte Insekten
Zu ihrem vergeblichen Tod begleitete
Trägt nun ein lila Gedenken,
Und aus der Tribüne der Luft empfiehlt sie
Verzücktes Schweigen. 

Wann wird endlich der Weingeist
der unstofflichen Farbnuancen
Aufhören die Zutaten anzufeuchten?
Wann wird der Geist ausgeruht in
seinem Schwarz
Von der Tiefe beginnen zu träumen
Ohne die Abgründe der Herzlichkeit,
Ohne die billigen schillernden Intrigen? 

 

  • Von Elsa Korneti, aus „Limania – Häfen“ / Erstveröffentlichung / Übers.: Niki Eideneier

HAFEN 1.
Wie das Meer
eingepfercht in einem blauen Hufeisen
ein Hafen Aquarium
sieht aus als würde er den ewigen Schlaf schlafen
mit geschlossenen Lidern
durch die Last der Feuchtigkeit
ein Wind ständig unruhig
klingelt seltsam in den Ohren
Der einzig vertrauliche Freund
Der einzig kompetente Berater von Optimismus
Der salzige Wind
Wenn er zürnt reißt dir die Haare aus
mit einem tiefen Ausatmen und dann bereut er
dass er dir dieses Übel zugefügt hat
und hilft dir wieder
Da, Mädchen, schau her was ich dir gesammelt habe,
einen Strauß bunter Federn
und eine Feder vom Engel
für die schwierigen Fluchten? 

 

  • Von Andreas Arnakis, aus „Ein weißer Wal im Rhein“ / Größenwahn, Frankfurt am Main 2015 / Übers.: Niki Eideneier und Artemis Arnaki

STERBLICHER GOTT
Kleine Barke, von den Wellen verletzt,
und du, das Segel auf seinem geflickten Mast. 

Vogel, verloren im Geäst des Himmels,
und du sein Kompass, einsamer Stern.

Blume, dürstend in verbrannter Erde,
und du ein Tropfen Morgentaus.

Lass mich Meer sein.
Lass mich Himmel sein.
Lass mich auch Erde sein, 

sterblicher Gott der Liebe.

 

  • Von Christos Anastasopoulos, aus „An den Sonnenbäumen“

DER BAUM
... den Bäumen meines Lebens,
... den Sonnenbäumen,
die mich mit dem dichten Schatten
ihrer Gelassenheit,
den tiefen Wurzeln ihrer Liebe,
den Früchten ihrer Erkenntnis
aufgenommen und
vorbereitet haben,
um
dereinst
zum Dünger der Liebe an ihren Wurzeln,
Saft der Wahrheit in ihrem Fruchtfleisch,
Licht der Einheit in ihren grünen Blättern,
wertvollem Holz zu werden und die Seelen
der Menschen zu wärmen. 

 

  • Von Andreas Deffner, aus „Heimathafen Hellas“ / Größenwahn, Frankfurt am Main 2015 (12. Kapitel, S. 122)

„Poseidon war in der griechischen Mythologie der Gott des Meeres und Bruder des Zeus. Seine Kräfte waren sagenumwoben und er beherrschte mit natürlichen und übernatürlichen Phänomenen die Meere, die Küsten und ganze Länder. Mit seinem legendären Dreizack konnte er Stürme und Erdbeben verursachen und das Land überschwemmen. Und mit seinem Dreizack konnte er Tod bringende Stürme verursachen.“

 

  • Von Jakovos Papadopoulos, aus „Der Geschmack der blauen Küsse“ / Romiosini, Köln 1998

AN DER KÜSTE
An der Küste der Hoffnung
Versteckte ich die Träume meiner Sehnsucht
Am Strand der Liebe 

Forme ich deinen Körper,
Im Meer der Freiheit
Taufe ich dich auf deinen Namen 

 

  • Von Thanas Jorgji, aus „Dede oder der Brief“ / Romiosini, Köln 2003

… Ich versuchte mir vorzustellen, welche Meere diese Truhe überquert haben musste, bis sie hierhergekommen war. Welche Piraten mochten darauf gesessen haben und sich beraten und Rum getrunken haben! Da sie so viele Schlösser und Knöpfe hatte, war sicher irgendeinmal ein Schatz darin gewesen. Wenigstens eine von Korsaren entführte Prinzessin, da sie seitlich mit einer Art Seide bezogen war. Nachdem mein Großvater die arme Prinzessin aus den Klauen der Piraten befreit hatte, hatte diese ihm die Truhe geschenkt …

  • Von Sokrates Giapapas, aus „Bewegt“ / S. Sampsounis (Hrsg.) Größenwahn, Frankfurt am Main 2010

IMMER IN BEWEGUNG
… Als ich hinausging und meinen Fuß auf den Treppenansatz vor der Tür setzte, wanderte die Sonne gerade gen Westen, und der Himmel hatte zu brennen begonnen. Bezaubert ging ich zum Ufer meines Freundes hinüber.
Das durchdringende Tschilpen der Wasser- und anderer Vögel fügte sich zu einer Sinfonie, die vollkommen zum Zauber der Landschaft passte. Die Bäume und Sträucher, die vom Feuer des Sonnenuntergangs glühten, nahmen tausende verschiedene Formen und Farben an.

 

  • Von Andreas Deffner, aus „Heimathafen Hellas“ / Größenwahn Frankfurt am Main (12. Kapitel, S. 124)

„‘Η θάλασσα είναι λάδι‘ (I thalassa ine ladi) – Das Meer ist wie Öl. Das sagen die Griechen, wenn die Wasseroberfläche völlig unbewegt ist. Und an diesem Morgen kam es mir sogar wie besonders dickflüssiges Öl vor. Kein Lüftchen wehte, kein Boot fuhr vorüber und die jetzt im Spätsommer nur noch wenigen Touristen schliefen noch in ihren Betten.
Es wirkte fast leblos am Strand.“

 

  • Von Brigitte Münch, aus „… doch welcher Fluss fließt rückwärts“ / Größenwahn, Frankfurt am Main 2015

... Es war heiß. Schon jetzt, am noch frühen Morgen. Der Hitzedunst hing über dem völlig bewegungslosen Meer, und um die Nachbarinsel herum hatte er sich zu weißen Schleiern verdichtet und sie damit eingehüllt, sodass sie wie eine verwaschene Schimäre über dem Wasser zu schweben schien. Sie sah aus, als würde sie sich bald vollends auflösen. Deshalb dachte Katja im ersten Moment, sie hätte eine Halluzination, als sie schläfrig die Augen öffnete und den Blick über den Strand schweifen ließ …

 

  • Von Céline Spieker / Erste Publikation 2003 in der Zeitschrift „Paradoxon“ von Kostas Andrikopoulos

WACH AUF, MEIN SCHATZ
Wach auf, mein Schatz
Die Sonne verlangt nach dir,
der Tag will dich haben
Die Nacht soll weichen
und mit ihr der Rost.
Es dämmert der Morgen,
horch auf die blaue Stille.
Verhalten
und leise sollst du nun reden!
Wach auf, mein Süßer,
das Leben lächelt dir zu. 

 

  • Von Dadi Sideri, aus „Hinter dem Schlaf höre ich mich besser“ / Gedichte und Prosa; griechisch-deutsch / Romiosini, Köln 2001

Es ist die Enge des Meeres, die dich in Schrecken versetzt
Bring mir dein versunkenes Gesicht algenbekränzt
der bittere Flaum des Meeres
– verwichen auch für dich das bengalische Feuer –
einsalben werde ich die makellose Härte einbalsamieren
– eine verständliche Geste der Liebe –
für seine unwiderrufliche Reise in den Booten.

 

  • Von Giorgos Krommidas, aus „Die Liebe übrigens“ / Avlos, Sankt Augustin 1994

Wir ruderten auf dem offenen Meer. Obwohl ich immer kraftloser wurde, rührte sie keinen Finger.
„Du bist sowieso unsterblich, Liebe“, sagte ich zu ihr.
„Spring raus und schwimm, wohin du willst. Wenn das Boot leichter wird, schaff ich es vielleicht bis ans Land.“

 

  • Von Giorgos LillisLefkada, Juni 2000

DAS TIEFSTE VON ALLEN KLEIDERN DES MEERES
Außerhalb der Stadtmauer
mit dem Pfeifen des Windes als Begleitung
stieg ich den Weg auf zu dem Punkt,
von dem aus
ich die Opfergabe der Sonne an die Nacht
beobachten konnte.
Die Feen spielten Murmeln mit den wenigen Sternen
und der Mond kam auf einem Fahrrad
aus der Ferne.
In dem Bergabhang sitzend schaute ich das tiefste
von allen Kleidern des Meeres an. 

Das erste bewusste Exil
Taucht aus diesen Gewässern auf.

 

  • Von Kiki Dimoula, aus „Öffentliches Wetter“ / Übers.: Niki Eideneier und Danae Coulmas

DER FLÜCHTIGE
Gesendet hat’s mir eine Freundin per Kurier
ohne beiliegende Erklärung.
Ein hübsches Fläschchen
wie der Hals des süßen Augenblicks
mit festgedrücktem Stöpsel
das Wasser drinnen drei vier Finger hoch
im Aufruhr durch ein sich immer regendes
schmales Blatt
einem Krummschwert gleich.
…..
Ich fragte und mir wird erklärt

Meer sei
im Fläschchen und ein Algenblatt
da fiel mir ein
vor kurzem hatt´ ich ihr auf dem Landweg
ein SOS gesandt. Ich brauche ein Meer
für mich allein
so eingesperrt wie ich es bin im Immer. 

 

  • Von Jakovos Papadopoulos, aus „Der Geschmack der blauen Küsse“ / Romiosini, Köln 1998

EUPHORIE
Frischgebadet steigt die Sonne
aus dem Mittelmeer empor.
Munter wie das Kind
glutrot wie die Liebe.

Der alte Traum
schwebt über den Wellen
wie eine weiße Möwe
das neue Leben
wie ein Zauberteppich
ausgerollt vor unseren Füßen. 

 

  • Von Andreas Deffner, aus „Heimathafen Hellas“ / Größenwahn Verlag (12. Kapitel, S. 126, 127)

„Ich blickte ins Wasser. Mein Gesicht
ganz nah über der Oberfläche.
Ich konnte das Salz riechen und sah den
Meeresboden. Und tatsächlich.
Wenn man genau hinsah, dann konnte
man etwas erkennen, das wie ein Auge
aussah. Etwa murmelgroß lugte es aus
sich ein identisches Zweites gesellt.
Augen im Sand.“

 

  • Von Ivo Meraskentis, aus der „8ten Liedersammlung und jedes kleine Kieselmeer“ / Übers.: Nina Bungarten

Oft reicht ein Blickfang nur
für einen Seelenschmerz
der nimmer ruht,
dieser Moment allein
kann immerzu ermahnen,
dass wir bereitwillig vergaßen
Jeden Tag
zu neuem Abenteuer
erneuter Unkenntnis,
wer will das schon?
Wie er beginnt,
wie er sich geben wird dein Tag
durch dich bestimmt? 

Trat ein das erste Morgenlicht
warmherzig zugewandt
durch die geneigten Läden
harmlose Schatten sich draußen legen
auf bunte Holzlasuren, frische Lacke. 

 

  • Von Arzu TokerErstveröffentlichung

Noch vor einer Stunde war ich umgarnt
von Grün in allen Schattierungen.
Nun hat sich mein Garten sein
Nachtgewand angelegt.
Ich schließe meine Augen und fühle
dennoch die Wärme der Sonne, sehe
die Wolken beim Sonnenuntergang,
feuerrot golden wie gemalt durch
Kinderhand. Ich rieche die Rosen,
sehe die wilden Farben der
Wiesenblumen, lila, orange,
und versuche zu erraten:
Wie könnte ich die vielen Nuancen
der Farben und den Duft der Rose malen?
Träumen ist doch etwas Schönes.

 

  • Von Christophoros Milionis, aus „Apo-themata“ / Nefeli, Athen 2017. Übers.: Νiki Εideneier

AN DIE FREUNDE, DIE GEGANGEN...
DAS VERDAMPFEN DER TOTEN
In der Frühlingssonne verdampfen
die Toten.
Eine unsichtbare Menge,
und sie steigen frohmutig
von der feuchten Erde
zum blauen Himmel empor.
Doch wenn es Abend wird,
müssen sie zurückkehren.
Sie werden dann schwarze Wolken, schwere Nieselregen,
und sie steigen wieder hinunter
zum Boden,
wo sie die Erde verschlingt.

 

  • Von Jakovos Papadopoulos, aus „Geschmack der blauen Küsse“  / Romiosini, Köln 1998

HERBSTLICHES STRANDLIED
Der Sommer ging erschöpft.
Schwer das Gepäck der Rückkehr,
Last von Jod und der Sonne des Thermaikos
am Strande spielend
an im Mondlicht badenden Abenden der Liebe. 

Leer der Strand.
Nur die Edelsteine legten ihr herbstliches Diadem an
und die Muscheln geöffnet wie Evangelien
verkünden den Frieden. 

 

  • Von Andreas Deffner, aus „Heimathafen Hellas“ / Größenwahn Verlag (16. Kapitel, S. 157)

„Wie schlanke Blitze durchbrachen
einzelne Sonnenstrahlen die tief
hängenden trüben Wolken.
Etwa 20 Meter unter mir lag die
Oberfläche des hier tiefschwarzen Meeres. Die See geht hier fast bis auf
einhundert Meter hinab.
Zum Ufer hin verändert sie
tiefenabhängig ihre Farbe von fast
schwarz, über dunkel-blau-grün
bis hell-türkis,
um am Kieselstrand kristallklar
die Insel zu streicheln.“ 

 

  • Von Nazim Hikmet, aus „Jannis Ritsos, Bemerkungen zum Werk“ / In: Kalimerhaba. Niki Eideneier, Arzu Toker (Hrsg.), Romiosini, Köln 1992 / Übers.: Asteris Kutulas

Über dem Meer die blaue Wolke
Auf dem Meer das silbrige Schiff
Im Meer der orangene Fisch
In der Tiefe des Meeres
die hellblaue Alge
Am Ufer des Meeres überlegt
im Stehen
ein nackter Mann: 

Müsste ich nicht Wolke sein
Oder vielleicht ein Schiff?
Müsste ich nicht Fisch sein
Oder vielleicht hellblaue Alge?
Ach weder das eine noch das andere.
Du müsstest das Meer sein,
mein Junge, und zugleich
Wolke, Schiff, Fisch, Alge.

 

  • Von Napoleon Lasanis, aus „Germania – Spuren des Schweigens“ / Romiosini, Köln 1997. Übers.: Katja Koukoumelos

… Gegenüber auf dem Berg die Sonne, sie schickt ihre Strahlen, sie gleiten über die Blätter,
da kommt einer ihrer Strahlen und bohrt sich tief in den Tropfen hinein.
Runder, kugelrunder kleiner Tropfen, hält sich gut am Rande des Blattes, durchsichtig vom Strahl
der Sonne, ich trete heran, um ihn anzusehen, sehe ich in sein Inneres, und was sehe ich da.
Feuer, Rauch, Wolken, schwarze Wolken, schwer, beginnen ihr Wasser abzugeben, ein großer
Regenguss, durch den Regen verflüchtigt sich der Rauch, auch das Feuer erlischt …

 

  • Von Thymios Gazis, aus „Unsere Reisen nach Kythera“ / BoD Norderstedt

KAPSALI
Ach ja, Kapsali,
neben dem Sandstrand,
wo ihr Leben aushauchten
noch vor dem Dahingehen
die Träume der Jugend.
Dort heute
eherne, mütterlich salzig
kleine grünblaue Wellen
trauernde Heimkehrer auf Abruf
spülen aus den Augen
den Schmerz vom Heimweh.
Gekrümmt die Nostalgie
Zusammengebrochen
blutet Erinnerung aus.
Tränennass lastet das
Unwiederbringliche und
es ist kein Himmel mehr da
für die Himmelfahrt.

 

  • Von Jakovos Papadopoulos, aus „Deutschland deine Griechen“ / C. Gianacacos, St. Gerogiorgakis (Hrsg.) / Romiosini, Köln 1998

UNERWARTET
Die Sonne drang wieder früh
In das verschlafene Wohnzimmer ein,
teilte den Raum
in Lichtfarben
und nagelte uns fest
an die Schwelle der Dämmerung
sprachlos
wie Statuen des Erstaunens

 

  • Von Michalis PatentalisErstveröffentlichung / Übers.: Niki Eideneier

DIE UNSCHEINBAREN SPUREN DER ZEIT
Seit Jahren nun schreiten wir auf Winden
und graben vergessene Erinnerungen aus
auf geheimen Begehren
Seit Jahren nun schreiten wir gebückt
mit der Phantasie unter dem Arm.
Nur dass die Kerze nicht verlöscht durch
den Knall
unwichtiger Vokale.
Lasst uns rausreißen von den Bäumen
die Silben die uns verloren gingen.
Lasst uns Glocken aufhängen
auf die Notenlinien der Gefühle.
Die Ewigkeit übernachtet sowieso
In den Verstecken unserer Geburtstage.

 

  • Von Maria Papageorgiou, aus „In memoriam eternitas“ / Ägina, früher Abend

SONNENUNTERGANG AUF ÄGINA
Wahrlich, welche Farben nimmt der
frühe Abend unter dem Tempel
von Apoll auf Ägina? Alle Farbnuancen
von Rot vermischen sich mit dem
Blau des Meeres.
Mit den wahrscheinlichen und
den unwahrscheinlichen.
Sogar am allerletzten Augenblick,
wenn die Sonne den Horizont der Ägäis scheinbar verlässt, bleibst du mit der
möglichen Illusion, dass im heiligen
Dreieck der Antike scheinbar
das Licht ständig auf der Lauer ist. 

 

  • Von Charalampos Karpoutzidis (10 Jahre alt), aus „Deutschland deine Griechen“ / C. Gianacacos, St. Gerogiorgakis (Hrsg.) / Romiosini, Köln 1998

Kinder zogen los
ans Ufer der See
Geheimnisse auszutauschen
mitten im Wasser
bemerkten sie plötzlich
ein kleines Schattengebilde
Da schauten sie hoch
Und … Vögel zogen vorbei

 

  • Von Miltiadis Papanagnou, aus „Die Unbekannte, die Alferia heißen wollte“ / Melani, Athen 2007 / Übers.: Niki Eideneier

In unserer Jugend, bevor wir in die
Fremde ausgewandert waren,
saßen wir manchmal auf den kleinen Felsen,
vor uns Koulouri, hinter dem Rücken
Ägaleo; damals standen die Felsen
aufrecht und schön, mein Junge,
auch der Berg Ägaleo war schön.
Und das Viertel in Perama menschlicher.
Wenn wir also da saßen, um uns zu
lieben, liefen ihr die Tränen aus
Rührung, so wie sie die Sterne
am Himmel guckte, die Gruppen
der Fischerboote im Archipel,
die allerlei kleinen Lichter,
die gegenüber, auf Salamina, flimmerten.

 

  • Von Anna Tastsoglou

ABSCHIED
Ich sauge wie mit Strohhalm
dieses Land,
um es zu schmecken.

Der Sonne wie eine Blume
spreize ich meine Blüten
für ein Streicheln entgegen.
Sauge die Luft
und meine Nasenlöcher öffnen sich
Meine Augen schlucken
alle Eindrücke.

Wenn ich in Deutschland ankomme,
fange ich an zu träumen
die verschiedenen Boxen
aus dem Rucksack holend,
und die Erinnerungen werden
sprießen
wie Wildblumen
eine nach der anderen.

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