Neueste | Meistgesehene
Neueste | Meistgelesene




Peter C. Bol: Die Geschichte der antiken Bildhauerkunst III: Hellenistische Plastik

  1.032 Wörter 4 Minuten
2016-08-19 2017-04-24 19.08.2016 1.589 × gelesen

Nach den ersten beiden, jeweils ebenfalls zweiteiligen Bänden über die frühgriechische beziehungsweise die klassische Plastik (Neuauflagen sind in Planung) widmen sich jetzt zwei weitere von Peter C. Bol im Mainzer Verlag Philipp von Zabern in der Reihe “Die Geschichte der antiken Bildhauerkunst“ herausgegebene Bände - ein Textband (452 Seiten mit 138 Abbildungen) und ein Tafelband (440 Seiten mit 932 Abbildungen) - der hellenistischen Plastik. Die Zeit des Hellenismus (ca. 320-30 v.Chr.) zählt zu den reichsten, aber auch zu den am schwierigsten zu beurteilenden Entwicklungsphasen der griechischen Plastik, stellt Herausgeber Peter C. Bol fest. Und: “In dieser Epoche breitete sich die griechische Kultur über alle Länder des Mittelmeerraums aus. Dabei entstehen neue Zentren, hinter denen die traditionellen Kristallisationspunkte griechischer Kultur zurücktreten. Entsprechend wächst die Vielfalt der Stile und Formen.“ Unter der Leitung des Museums Alter Plastik im Liebighaus in Frankfurt/Main hat sich ein Team von Wissenschaftlern, alle ausgewiesene Kenner griechischer Plastik, zusammengefunden, die sich in den lesens- und anschauungswerten Bänden darauf konzentrieren, die Entwicklung der bildhauerischen Formen zu beschreiben und zu erläutern.

Über die Themen der frühhellenistischen Plastik liefern die Schriftzeugnisse aufschlussreiche Informationen, stellt Ralf von den Hoff in seinem Beitrag “Die Plastik der Diadochenzeit“ fest: “Offenbar blieben Götterbilder so häufig wie im frühen 4. Jahrhundert v.Chr., ebenso Athletenstatuen und Porträts: auch hier Kontinuität.“ Nur die größere Zahl von Porträts sei auffällig, doch ein wachsendes Interesse an der Darstellung des Individuums, “dessen Leistungen für die konkurrierenden Städte und Potentanten ja auch immer wichtiger wurden“, habe sich schon im 4. Jahrhundert v.Chr. angedeutet. Ralf von den Hoff führt aus, dass Athen weiterhin zu den wichtigsten Orten der Produktion von Skulpturen zählte: “Überall jedoch erschienen nun die Diadochen und ihre Gefolgschaft als potente Auftraggeber. Besonders die Lysippschüler arbeiteten für sie. Die attischen Praxitelssöhne bedienten unterdessen eher die bürgerliche Klientel und die Poleis. Die politischen Eliten übten also in unterschiedlicher Weise Einfluss auf die Plastik aus.“ Breiten Raum nehmen in seinem Beitrag “die letzten attischen Grabdenkmäler“ ein: “Die Grabmonumente waren Athens soziales und künstlerisches Aushängeschild für jeden Besucher der Stadt.“ Aus dem bekannten Bestand von Skulpturen könne geschlossen werden, dass “das große Thema der klassischen Plastik, die nackte männliche Figur, im Frühhellenismus in erstaunlicher Weise“ quantitativ an Bedeutung verloren habe. Ausführungen über den “Einfluss griechischer Skulptur im frühhellenistischen Italien“ steuert Rudolf Känel bei.

Dass unter archäologischem Aspekt das 3. Jahrhundert v.Chr. eine “außerordentlich schlecht dokumentierte Zeit“ sei, schreibt Wilfred Geominy in seinem Beitrag über “Die allmähliche Verfertigung hellenistischer Stilformen (280-240 v. Chr.)“: “Wie könnte man Charakteristika einer Zeit benennen, von der nicht einmal feststeht, welche Werke sie hervorgebracht hat?“ Als ein Schlüsselwerk für das Verständnis der Bildhauerkunst der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts v.Chr. bezeichnet Ursula Mandel stellt in ihrem Beitrag “Räumlichkeiten und Bewegungserleben - Körperschicksale im Hochhellenismus (240-190 v.Chr.)“ fest: “Das formale Kalkül der räumlichen Organisation realistisch-physischer und abstrakter Form und Anordnung charakterisiert in seiner ganz außerordentlichen Komplexität diese Phase, die sich inhaltlich differenziert die Darstellung menschlicher Bedingungen des Glücks und des Scheiterns erschließt.“

Ellen Schraudolph widmet sich “Beispielen hellenistischer Plastik der Zeit zwischen 190 und 160 v.Chr.“ und stellt unter anderem die Skulpturenausstattung hochhellenistischer Heiligtümer, feingewandete Frauen, Denkmäler historischer Persönlichkeiten und mythologische Figurengruppen vor. Ausführlich erläutert Schraudolph die Relieffriese des Pergamonaltars, deren Entdeckung bei deutschen Grabungen auf dem Burgberg von Bergama 1878 bis 1886 “für die hellenistische Kunst eine enorme Wertsteigerung“ bedeutet habe. In der Zeitspanne zwischen 160 und 120 v.Chr. lassen sich, wie Hans-Hoyer von Prittwitz und Gaffron schreibt, an Skulpturen zwei unterschiedliche Stränge der plastischen Darstellung feststellen: “Zum einen zeigen einzelne Figuren noch stärker ausgreifende Bewegungen als bisher, also eine weitergehende Vereinnahmung des Raumes, zum anderen führt eine Beruhigung der Motive bei anderen Figuren auch zu einer Reduktion dieses Ausgreifens in den Raum. Es entstehen vielmehr flächenhafte Kompositionen.“ Die Skulpturen dieser Zeit stammen, so der Autor, aus allen Bereichen des öffentlichen, religiösen, politischen und privaten Lebens: “Ehrenstatuen, Götterbilder oder Weihgeschenke hat es in den Zeiten davor längst auch gegeben. Andere Skulpturen wie die Hermaphroditen oder Satyrn sind als Thema zwar nicht neu, waren aber in dieser Form oder ihrer Zusammenstellung mit anderen Figuren zu einer Gruppe bis in die Mitte des 2. Jahrhunderts v.Chr. nicht wiedergegeben worden.“ Die Zeit des späten Hellenismus - das ausgehende 2. und 1. Jahrhundert v. Chr. - ist von der aufstrebenden Weltmacht Rom bestimmt. Christiane Vorster beschreibt in ihrem Beitrag über die Bildhauerkunst dieser Zeit denn auch Denkmäler “unabhängig von ihrer Benennung und Zuordnung zu einer wie auch immer zu definierenden, griechischen’ oder ,römischen’ Kunst“. So sei zum Beispiel die heute in den Vatikanischen Museen befindliche Laokoongruppe, auf die Christiane Vorster auch eingeht, als eine “Schöpfung, welche die rhodischen Künstler Hagesandros, Polydoros und Athanadoros für einen römischen Auftraggeber und zweifellos auch für einen römischen Aufstellungskontext gefertigt haben“, ebenso der, griechischen’ wie der ,römischen’ Kunst zuzurechnen.

Neben Porträts sind der “dramatische Kampf in bedrängter Situation“ und großformatige Mythenbilder, die in figurenreichen Gruppen Episoden aus den Epen der griechischen Frühzeit darstellen, Themen der späthellenistischen Plastik. Mit dem Formenspektrum, der Themenvielfalt und den Funktionszusammenhängen am Beispiel späthellenistischer Skulpturen setzt sich Martin Flashar im Schlusskapitel des Bandes auseinander. Sein Augenmerk gilt dabei “Einzelfiguren, große und kleinere, Götter Heroen, Athleten sowie wenigen Zeugnissen der Reliefplastik“. Martin Flashar stellt Aphroditefiguren vor: “Zum Themenspektrum des Hellenismus gehören erotische Anspielungen ebenso wie ganz derb-direkte Einblicke in das Sexualleben von Mensch und Tier. Göttliche Patin ist seit jeher Aphrodite.“ Er widmet sich späthellenistischen Köpfen ebenso wie späthellenistischen Marmorreliefes.

Anliegen des Bandes über die hellenistische Plastik sei es, “im Sinne einer Schule des Sehens und Betrachtens formale Eigenschaften zu beschreiben sowie ihrem Wandel und ihrer Entwicklung in der Folge der Generationen nachzugehen“, schreibt Herausgeber Peter C. Bol in seiner Einleitung. Das ist dem Autorenteam bestens gelungen - trotz aller Probleme, die sich ihnen bei ihrem Vorhaben stellten. Beispielsweise “gehen bei nicht wenigen Kunstwerken selbst ersten Ranges die Datierungen, die vorgeschlagen und oft eingehend begründet wurden, in manchen Fällen nicht nur um ein oder zwei Jahrzehnte, sondern sogar um Jahrhunderte auseinander“, wie Peter C. Bol ausführt.


Die Geschichte der antiken Bildhauerkunst III.
Hellenistische Plastik. Verlag Philipp von Zabern in Mainz.
Herausgegeben von Peter C. Bol. Liebighaus Skulpturensammlung.
Textband: X, 452 Seiten mit 138 Abbildungen; Tafelband: 440 Seiten mit 932 Abbildungen.
Format 21 x 29,7 cm. Gebunden mit Schutzumschlag.
ISBN 978-3-8053-3657-4.