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Ina E. Minner: Ewig ein Fremder im fremden Lande

  752 Wörter 3 Minuten
2017-06-22 2017-06-22 22.06.2017 381 × gelesen

Eine umfassende Biographie des bedeutenden Archäologen Ludwig Ross (1806-1859), der als einer der Gründerväter der modernen klassischen Archäologie gilt, legt Ina E. Minner mit dem Buch “Ewig ein Fremder im fremden Land“ vor, das in der von Reinhard Stupperich und Heinz A. Richter herausgegebenen Reihe “Peleus“, Studien zur Archäologie und Geschichte Griechenlands und Zyperns, im Verlag Bibliopolis erschienen ist. Während seines rund 13-jährigen Aufenthaltes in Griechenland stieg der holsteinische Bauernsohn - Holstein war damals ein Teil Dänemarks - zum Mitglied der höheren Gesellschaft Griechenlands auf und machte eine außergewöhnliche Karriere als Ephoros der Altertümer Griechenlands und erster Professor für Archäologie an der Otto-Universität in Athen. Über die Schilderung der verschiedenen Lebensstationen von Ludwig Ross hinaus untersucht Ina E. Minner aber auch seinen Lebensweg als den eines Migranten im heutigen Sinne - und verbindet damit die Frage nach den Voraussetzungen und Chancen zur Heimatgründung.

“Wie ergeht es jemandem, der Deutschland verlässt, um in einem anderen Land eine Existenz zu gründen? Ludwig Ross verkörpert ein solches Beispiel eines Migranten in historischer Perspektive, der aus beruflichem Interesse den Schritt in die fremde Welt des Orients wagte, ein Motiv, das einem großen Teil auch heutiger Emigranten gemein sein dürfte. Damit hat das Leben von Ludwig Ross nicht allein Bedeutung als das eines fortschrittlichen Archäologen und Begründers der modernen archäologischen Feldforschung. Ludwig Ross war ein Mittler zwischen gegensätzlichen Welten, zwischen Orient und Okzident, und darin ein Vorbild“, schreibt Ina E. Minner in ihrem Vorwort.

Und: “Gerade in der heutigen Zeit, in der die Völker Europas aufeinander zugehen wollen, wäre die eingehende Kenntnis anderer Kulturen und Mentalitäten in ihren historischen und politischen Traditionen so oft der Schlüssel zum Erfolg. Für die dazu notwendige Offenheit und Unvoreingenommenheit steht das Leben von Ludwig Ross. Er machte sich Griechenland zur Heimat, ohne die eigene Herkunft zu verleugnen oder preiszugeben.“

“Ein Reisestipendium entscheidet über den Lebenslauf“ heißt es im zweiten Kapitel des Buches, in dem die Autorin Ludwig Ross’ Kindheit auf dem elterlichen Gut, seine humanistische Schuldbildung in Kiel und Plön und seine Universitätsjahre in Kiel schildert: Mit seiner 1832 angetretenen Studienreise in das gerade gegründete Königreich Griechenland reihte sich der junge Gelehrte ein in eine noch überschaubare Zahl Bildungsreisender, die sich seit Mitte des 18. Jahrhunderts vermehrt nach Griechenland begaben, um dort die antiken Ruinen zu besichtigen. Doch Ross war sich, so die Autorin “der Parallelität des antiken Hellas mit seinen Denkmälern und der neugriechischen Realität mit allen ihren Problemen bewusst“. Sein erstes Jahr in Griechenland sollte sich als dermaßen prägend erweisen, dass es für Ross die Weichen hinsichtlich seiner Niederlassung in dem jungen Staat, an dessen Aufbau er danach aktiv teilhaben sollte, stellte. Vom Reisenden wird Ross zum Einwohner in dem fremden Land. Dem zunächst zum Ephoros der Altertümer des Peloponnes und dann zum Professor für Archäologie berufenen Ross sei früh die Überwindung des griechischen Ideals zu Gunsten einer der Wissenschaft verantwortlichen Herangehensweise an die Untersuchung antiker Denkmäler gelungen.

Auf der Athener Akropolis unternahm Ross, so Minner, die ersten nachweisbaren stratigraphischen Grabungen am Parthenon und setzte sich mit der Wiederaufrichtung des Niketempels ein noch heute sichtbares Denkmal. Seine auf ausgedehnten Reisen durch das Land gesammelten Inschriften begründeten seinen guten Ruf als zuverlässiger Epigraphiker. Der Leser erhält dank interessanter Reiseschilderungen einen bemerkenswerten Einblick in das damalige Leben in Griechenland. Ina E. Minner beleuchtet aber auch das gesellschaftlich-soziale Leben in der deutschen Parallelgesellschaft Athens. Die seit Mitte der 1830er Jahre sich verschärfende feindliche Stimmung im griechischen Volk gegen die als Fremdherrschaft empfundene bayerische Monarchie unter Otto I. schlägt sich 1843 in einer unblutigen Revolution nieder. Eine Folge der Ereignisse war die Entlastung aller Fremden aus den Staatsämtern. Ludwig Ross geht nach Halle. Er engagiert sich in der Schleswig-Holstein-Frage, kandidiert für das Frankfurter Paulskirchenparlament und träumt von einem mächtigen gesamtdeutschen Nationalstaat, der sich mit anderen Großmächten messen könne. “Trotz persönlicher Schicksalsschläge, die er als Folge der politischen Verhältnisse in der Gründungsphase des neugriechischen Staates erleiden musste und die in unserem heutigen Verständnis fremdenfeindliche Züge trugen, hielt Ross seine Liebe zum griechischen Volk ein Leben lang aufrecht. Ludwig Ross war ein wahrer Philhellene. Seine Lebensweise hat an Aktualität bis heute nichts verloren“, schreibt Ina E. Minner in ihrem Buch, das in gleicher Weise einen Beitrag zur archäologischen Wissenschaftsgeschichte wie zur politischen und Sozialgeschichte der Epoche der bayerischen Monarchie in Griechenland und der Nationalstaatengründung dort und in Deutschland leistet.

Ina E. Minner: Ewig ein Fremder im fremden Lande.
Ludwig Ross (1806-1859) und Griechenland.
Biographie. Peleus - Studien zur Archäologie und Geschichte Griechenlands und Zyperns, Band 36.
Bibliopolis Mannheim und Möhnesee.
436 Seiten. 73 Abbildungen.
ISBN 3-933925-82-7

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