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Jannis Ritsos: Martyries - Zeugenaussagen

  465 Wörter 2 Minuten
2017-06-22 2017-06-22 22.06.2017 357 × gelesen

In einem Rohbau auf einem Balken reiten, sich in der Schwebe fühlen, ganz allein, vollkommen ausbalanciert, die nackten Sohlen in den geräumigen Händen der Leere wohlig wärmen, gleichweit von Liebe und Tod entfernt – so deutet Jannis Ritsos an, was ihm bedeutet: frei sein. Da äußern sich andere rigoroser. „Ich hoffe nichts, ich fürchte nichts, ich bin frei“, setzte Nikos Kazantzakis auf seine Grabplatte auf Heraklions offenem Acker. Das liest sich fürs erste heroisch nihilistisch. Doch meint das ja nichts anderes, als dass der da unter der Grabplatte will: werde dir dessen bewußt, dass du da oben niemals frei bist. Denn zu Lebzeiten entrinnt keiner seinen Hoffnungen und Ängsten. Aber werde, noch bevor alles zu spät ist, wenigstens dessen gewahr, was du erhoffst und was dich ängstigt. Dem lebenslustigen Horaz danken wir die Ermunterung: nutze den Tag jetzt, jeder weitere ist ungewiss. Und noch weiter spannen den Bogen jene, die von dir verlangen „du musst dein Leben ändern. Mit seiner Installation„Zeige deine Wunde (Lehnbachhaus München), wo ich, noch vom Farbenrausch der Brückemaler betäubt, mich unvermittelt den trostlos grauen Instrumenten der Pathologie gegenüber sehe, hat mir Jospeh Beuys mit diesem apodiktischen Aufruf regelrecht einen Schreck versetzt.

Die Wahrnehmungen, die Jannis Ritsos bezeugt, sind unaufdringlich. Es sind Wahrnehmungen in der Art, wie bereits Homer das Herabfallen eines einzelnen Blattes für mitteilenswert gehalten hat. Sein Augenmerk ist auf die einfache Geste gerichtet: einen Stein als Kopfkissen nehmen, Wasser mit dem Eimer aus einem Brunnen herauf ziehen, einen Kamm aus der Tasche ziehen und die Haare kämmen, ein Feuerzeug betätigen, mit einer Kelle und Mörtel auf das Gerüst am Haus steigen usw. Es scheint so, als könne vermittels dieser einfachen Bezeugungen dem Komplizierten, Unbestimmten, Unverständlichen, Unerklärlichen, nicht zu Verantwortenden etwas das Terrain streitig gemacht werden. Als könne vermittels ihrer die verstörerische Gewalt des Zweifels eingedämmt werden.

Ritsos komme es darauf an, den „flüchtigen Augenblick zu sezieren“ (Asteris Kutulas). Es komme ihm darauf an, durch Anhalten, Isolieren eines einzelnen Augenblicks die ewige Bewegung zu erfassen. Dieses poetologische Verfahren definiert Günter Dietz in seinem Nachwort zur vorliegenden Übersetzung als ein Beurteilen von Vorgängen nach ihren situationsrelevanten Transgressionswirkungen. So sehr dieser angestrengte Begriff Ritsos selber hätte vermutlich erschauern lassen, hilft er doch, die Dimensionen seiner Kurzgedichte zu erschließen. Was gemeint ist, wird z. B. an dem „Kreislauf“ (Anakyklisi) überschriebenen Neunzeiler deutlich. Vom armseligen Ziehbrunnen, dem Spender durststillenden Wassers, heißt es da, er habe „im traurigen, biblischen Knirschen seiner kreisenden Ausdauer den ganzen Ausdruck der Welt in sich aufgenommen.“ Jannis Ritsos (1.5.1909-11.11.1990) lesen heißt, sich inspirieren lassen: zu passivem Beobachten, zu tätigem Beobachten, zum Imaginieren neuer Wirklichkeiten bzw. Unwirklichkeiten. Dichtung, die das hervorruft, ist unvergänglich.

Jannis Ritsos, Martyries-Zeugenaussagen.
Griechisch- Deutsch.
Übersetzt von Günter Dietz und Andrea Schellinger.
Elfenbein Verlag. Berlin 2009, 281 S.
ISBN 978 3 932245 96 1

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