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Ralf C. Müller (Hrsg): Weggehen-Wiederkommen - Zeichen aus einer schicksalhaften Epoche Griechenlands

  679 Wörter 2 Minuten
2017-06-22 2017-06-22 22.06.2017 627 × gelesen

Der 1940 in einem kleinen nordgriechischen Bergdorf als dritter von vier Söhnen geborene Maler Fotis Zaprasis war eines von jenen vier- bis 14-jährigen Kindern, die im Zuge des griechischen Bürgerkrieges von kommunistischer Seite nach Bulgarien, Ungarn, Jugoslawien, Albanien, Polen oder in die Tschechoslowakei gebracht worden waren, um ihnen zum einen eine Perspektive jenseits der Kriegswirren zu ermöglichen und sie zum anderen durch die Erziehung und das Erlernen eines Berufes für die Rückkehr in ein sozialistisches Griechenland vorzubereiten. Er zählte damit zu jenen vielen Menschen, die durch die Wirren und Ereignisse des 20. Jahrhunderts aus ihrem Lebensumfeld herausgerissen wurden, Entwurzelung und Orientierungslosigkeit erfahren haben. Fotis Zaprasis, den es über Bulgarien in die DDR verschlägt, fand einen Weg, sich seiner selbst immer wieder zu vergewissern: die Kunst. Unter dem Titel “Weggehen - Wiederkommen. Zeichen aus einer schicksalhaften Epoche Griechenlands“ erinnert ein von Ralf C. Müller im Eudora-Verlag Leipzig herausgegebener Kunstkatalog in Deutsch und Griechisch, der neben Originalbriefen von Fotis Zaprasis und aus seinem Nachlass auch einige private Fotos sowie viele Abbildungen seiner Arbeiten präsentiert, an den im Jahr 2002 gestorbenen Künstler, an sein Schicksal ebenso wie an seine Kunst.

Was sollte aus den geretteten, entführten oder geraubten Kindern - je nachdem, von welchem Standpunkt aus man ihr Schicksal betrachtet - werden, als der griechische Bürgerkrieg im Herbst 1949 für die Kommunisten verloren war? Fotis Zaprasis lebte seit 1950 im Heimkombinat “Freies Griechenland“ in Radebeul nahe Dresden, wo er zusammen mit anderen von den DDR-Behörden als “Griechenlandkindern“ Bezeichneten zu “bewussten, entschlossenen und disziplinierten Patrioten und Kämpfern für die Befreiung ihres Vaterlandes vom monarcho-faschistischen Joch“ erzogen werden sollte. Nach der Schule wurde Fotis Zaprasis Chemiefacharbeiter, arbeitete in Leuna und Lützkendorf. Dieser von staatlicher Seite für ihn vorgesehene Beruf begeisterte ihn nicht, er wandte sich der Malerei zu. Er schaffte die Aufnahmeprüfung an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, studierte unter anderem bei Professor Wolfgang Mattheuer und beendete sein Studium glänzend.

Durch sein Interesse an Malerei und Literatur und die Möglichkeit zu reisen, gewann Fotis Zaprasis Abstand zu den Idealen und Zielen des DDR-Sozialismus. “Innere Kämpfe gehören zu seinem Leben, das eine stete Auseinandersetzung mit widerstreitenden Gefühlen ist, die er als Entwurzelter empfindet. Es ist seine Beschäftigung mit dem Menschsein. ... Er - weder Vertriebener noch Emigrant, sondern DDR-Bürger mit jährlich zu erneuerndem Fremdenpass - versucht, dem als Maler Ausdruck zu verleihen. In seinen Bildern wird der Betrachter immer wieder die Zerrissenheit des Künstlers entdecken, seine Sehnsucht nach Geborgenheit, seine stetige Sehnsucht nach Heimat“, schreibt Ralf C. Müller. Ab 1966 arbeitete Fotis Zaprasis als freischaffender Maler, lebte zunächst in Spergau, danach in Halle/Saale, Mecklenburg und Griechenland, heiratete die Künstlerin Christel Seidel. Neben Personalausstellungen und der Beteiligung an allen Kunstausstellungen der DDR erhielt er Mitte der 80er Jahre das Angebot, ein Bühnenbild für das Oratorium “Pax questuosa“ von Udo Zimmermann zu schaffen. 

Das zur Wiedereröffnung der Semper-Oper in Dresden aufgeführte Stück verschwand ob seiner kritischen Anspielungen schon bald wieder vom Spielplan. Seine Aufenthalte in Griechenland hinterließen starke Eindrücke und Spuren in Fotis Zaprasis’ Aquarellen. Später entdeckte er, so Ralf C. Müller, die Radierung für sich, “schätzt Gegensätze, Kontraste und subtile Farbspuren, findet eine Stärke im Erzählerischen, das stark auf Symbolhaftes zurückgreift“. Illustrationen entstanden zu Johannes Bobrowskis “Lewins Mühle“, Vassilis Vassilikos’ “Z“, zu Costers Volksbuch “Tyll Ulenspiegel“ sowie zu Gedichten von Boris Pasternak, Odysseas Elytis, Jannis Ritsos und Georgios Seferis. 1980 fand die erste Ausstellung mit Arbeiten von Fotis Zaprasis in Athen statt, Ende der 80er Jahre richtete der Maler auf Chalkidiki ein verlassenes Haus für sich und seine Familie her. “Und so ist er wohl im Land seiner Väter angekommen“, schreibt Ralf C. Müller. Was sich jedoch hinter einer nüchternen Biographie tatsächlich versteckt, davon zeugen in diesem Katalog nicht nur die Abbildungen seiner ausdrucksstarken künstlerischen Arbeiten, sondern beredt und anrührend auch die darin veröffentlichten Briefe - zunächst der Briefwechsel mit der Mutter, den Brüdern und Verwandten, dann die Schreiben von Fotis Zaprasis an seine Frau Christel und seine eigenen Kinder. 

Ralf C. Müller (Herausgeber): Weggehen - Wiederkommen. Zeichen aus einer schicksalhaften Epoche Griechenlands. Zur Erinnerung an Fotis Zaprasis.
Eudora-Verlag Verlag Leipzig Ralf C. Müller.
143 Seiten.
ISBN: 978-3-938533-06-2.

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