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Theodor Kallifatides: Der sechste Passagier

  498 Wörter 2 Minuten
2017-05-01 2017-05-01 01.05.2017 366 × gelesen

Der in Schweden lebende Theodor Kallifatides schreibt einen mit gesellschaftlichen Problemthemen gespickten Kriminalroman.

Eine kleine Propellermaschine stürzt an einem schönenAugustsonntag in den schwedischen Getarsee. Außer dem Piloten müssten laut Liste fünf Passagiere an Bord sein, doch auf dem Seegrund liegen sechs Personen: neben dem Gründer einer New-Economy-Firma, einem Justizrat, einem jungen Tennisstar, einem bekannten Gastwirt und einer erfolgreichen Popsängerin auch ein unbekannter dunkelhäutiger Junge von etwa zwölf oder dreizehn Jahren. Was hat der Junge in diesem illustren Kreis schwedischer Persönlichkeiten verloren? Diese und manch andere Frage beschäftigt die 33-jährige Kriminalhauptkommissarin Kristina Vendel und ihre Mitarbeiter in der Polizeistation von Huddinge in Theodor Kallifatides’ im Paul Zsolnay Verlag erschienenen Roman "Der sechste Passagier" (übersetzt aus dem Schwedischen von Kristina Maidt-Zinke).  

Kallifatides’ Schilderung des Flugzeugabsturzes entwickelt sich zu einer Kriminalgeschichte: Denn kurze Zeit nach dem Flugzeugabsturz werden in einer verfallenen Kirche die Leichen zweier Jungen gefunden, die Gesichter bis zur Unkenntlichkeit zerschlagen, die Körper zerhackt. Ihre Hautfarbe lässt auf die gleiche Herkunft wie bei dem Jungen aus dem Flugzeug schließen. Und doch ist der Roman des 1938 in Griechenland geborenen und seit 1964 in Schweden lebenden Autors kein Kriminalroman im eigentlichen Sinne.

Der Plot hat Schwächen, und wie Theodor Kallifatides seine ermittelnden Protagonisten vorgehen lässt, ist nicht immer sehr realistisch. Obwohl es bei dem Flugzeugabsturz keinen Hinweis auf ein Verbrechen gibt, ermittelt Kommissarin Vendel bei den Familien der Hinterbliebenen. Den unbekannten Jungen aus dem Fluzeugwrack lässt sie allerdings, trotz seiner Narben am Körper, nicht obduzieren. Die Kommissarin wird von einem anonymen Sex-Anrufer belästigt, intime Gegenstände verschwinden aus ihrem Wagen, ihr herzkranker Vater wird von einem Auto-Rowdy bedroht, sie selbst in ihrem Haus überfallen - all diese Vorgänge verschweigt Kristina Vendel in ihrer Dienststelle. Kurze Kapitel bremsen beim Leser eher die Spannung, als dass sie sie fördern. Es scheint, als ob es dem Autor um etwas ganz anderes geht.

Denn "Der sechste Passagier" ist voll gepackt mit gesellschaftlichen Problemthemen: Pädophilieskandal (der möglicherweise in die schwedische Oberschicht reicht), sexueller Kannibalismus, Satanismus, Organhandel, Schwarzgeld, Menschenhandel, multikulturelle Gesellschaft, Scheitern von Beziehungen - es gibt kaum einen Aspekt, den Kallifatides nicht kritisch anklingen lässt. Es geht dem Autor um Liebe, Freundschaft, Einsamkeit und Sehnsucht, um das lebenswerte Leben und den menschenwürdigen Tod.

Schonungslos legt er die abgründigen Charaktere seiner Figuren offen. Aber auch da scheint Kallifatides etwas zu übertreiben. Es gibt so gut wie keine intakten Beziehungen in dieser Geschichte: Die Polizistinnen sind geschieden, die Staatsanwältin hatte ein Verhältnis mit einem verheirateten Mann, eine Psychologin wurde als Kind vom Vater missbraucht. Nur ein Paar hält zusammen - und das hat ein schwerbehindertes Kind. Kallifatides, der nach seinem Philosophiestudium in Stockholm als Lehrer und Journalist arbeitete, Herausgeber des renommierten Bonniers Litterära Magazin war und zahlreiche preisgekrönte Romane verfasst hat, hinterlässt mit "Der sechste Passagier" und seinem etwas überraschenden Ende einen etwas zwiespältigen Eindruck. Ebenfalls in deutscher Sprache liegt sein Roman "Die sieben Stunden im Paradies" vor, erschienen 2003 bei Editions Mathieu, Heidelberg.

Theodor Kallifatides: Der sechste Passagier.
Roman. Paul Zsolnay Verlag Wien.
286 Seiten.
ISBN 3-552-05294-1

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