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Niki Eideneier & Rita Krieg (Hrsg.); Thalassa Thalassa - Der Lobgesang des Meeres

  650 Wörter 2 Minuten
2017-05-01 2017-05-01 01.05.2017 372 × gelesen

Jede Erzählung und jedes Gedicht der Anthologie Thalassa Thalassa handelt vom Meer, von nichts anderem als vom Meer. Und natürlich vom Menschen. Dem einen bietet die schwankende Planke einen sichereren Halt als das Festland. Der andere,„in goldenen Träumen gefangen“(Kóstas Karyotákis), begnügt sich damit, vom heimischen Port aus zuzusehen, wie das Meer ruhig daliegt,„als warte es darauf, mit Seidenfäden bestickt zu werden. Was da still ruht oder wild aufbraust, bald schwarz glänzt, bald silbern leuchtet, das bleibt sich dennoch immer gleich. Lebenspendende Urmaterie. Unsereins hingegen hat lediglich zu kommen und wieder zu verschwinden. Von der Abstraktion als einem toten Meer, in dem die Welt zu ertrinken droht, ist da die Rede (bei Anastássis Vistonítis). Und vom Schiffbruch, der einen Wagemutigen nach dem anderen dahinrafft (bei Alexandros Papadiamántis, Kóstas Sterjópulos, Antónis Travlantónis). Trotzdem ist es nicht tot zu kriegen dieses Sehnen, hinaus in die unendlichen Weiten der Ozeane zu fahren, um sich frei zu fühlen. Offen bleibt (bei Jórgos Theotokás), worin sich letztendlich Freiheit und Anarchie unterscheiden.

Fernab jeder poetischen Verklärung und Metaphorik sind die Geschichten, die den Arbeitern des Meeres gewidmet sind. Moderne Geräte haben das Schwammtauchen zwar leichter, dafür die Jagd unter Wasser aber um so unbarmherziger gemacht. Andréas Karkavítsas, der Realist, schildert den tragischen Ausgang. Auch Strátis Myrivílis blickt auf die Verkehrtheiten dieser Welt. Nicht geschont hatte sich zu Zeiten des Aufbegehrens gegen die Türkenherrschaft der Kapitän Manolis auf seinem Dreimaster. Doch eine der ersten Amtshandlungen der dann eigenen Bürokratie bestand darin, ihm die Schiffspapiere wegzunehmen. Dem alten Seebären war nur ein Auge verblieben. Was half es ihm, dass er damit schärfer sah als alle diese neuathener Amtsschimmel zusammen genommen. Sie setzten ihn im Hafen fest. Welch Widersinn, unter fremdem Regime groß auf Fahrt gewesen und unter dem eigenen zum Ankern verdammt zu sein, und zwar nicht nur freitags, wo christlicher Seefahrt das Auslaufen bekanntlich sowieso verboten ist. Bei Manolis Karagátsis unflätig das Fluchen dessen, der ohne Frau (der Teufel möge ihre geldgierige Seele quälen) und Heuer in Piräus gestrandet ist. Ihn tröstet inmitten all der Kakerlaken des Rattenkellers um ihn herum einzig, dass er irgendwann sowieso mit einem Kahn abgesoffen wäre und sich unbeweint und ohne Segen der Kirche in den salzigen Wogen aufgelöst hätte, sofern das seinem vom Branntwein durchtränkten Fleisch denn überhaupt noch vergönnt war - ein wundersamer Lobpreis des Meeres.

Nicht in den Fluten zu ertrinken, sondern das unaufhörliche Fließen zu gestalten, Formen und Rhythmen zu erfinden, das ist die eigentliche, heroische Vision, die dieses Urelement herausfordert. 

Beispielsweise bei Jórgos Seféris:
Als ich noch Kind war,
sprach der Meergreis zu mir:
ich bin niemand, aber ich kann werden zu dem,
wonach du trachtest. 

Die gewaltige Faszination, die das Meer mit all seinen Schönheiten und Schrecknissen ausübt, kann also dazu verführen, die Grenzen eigener Entfaltungsmöglichkeiten verschwimmen zu lassen. Andererseits vermag Poseidons Anblick jedoch auch so sehr zu überwältigen, dass hochfliegende Kühnheit unvermittelt umschlägt in Verzagtheit und dass „das eigene Herz zur Last wird“ (Odysséas Elýtis).

Das Meer (Thálassa) auf Griechisch erleben, das hat seine eigene Intensität. Die Zahl derer, die das von Homer in der Odyssee verwobene Garn weiter spinnen, ist beachtlich. Der Gewinn der vorliegenden Anthologie besteht nicht zuletzt darin, dass sie fast durchweg deutsche Erstübersetzungen präsentiert. Theophanó Kalojánni, Fótis Kóntoglou, Thémos Potamiános, Antónis Rísos, Jánnis Varvéris werden hier überhaupt zum erstenmal auf Deutsch vorgestellt. Und dass - zumal in der Dichtung - von Hellas aus ungezählte Verbindungslinien quer über die Meere laufen, das ist nicht der geringste Nebenertrag dieses Buches. So wird (von Kóstas Uránis) eine francophone Stimme zum Klingen gebracht, die ganz zartes Himmelblau empfindet,„als sei der Sonntag über dem Wasser heraufgedämmert. Dazu heißt es - in phonetischer Umschrift:„wie Veraren in einem seiner Verse sagt, womit nun allerdings kein anderer als Emile Verhaeren (1855-1916) gemeint sein dürfte.

Niki Eideneier und Rita Krieg (Hrsg.)
Thalassa Thalassa. Der Lobgesang des Meeres.
Eine Anthologie. Mit dreizehn Zeichnungen von Siegfried Mack.
Romiosini. Köln 2002,
258 S., ISBN 3-929889-47-1

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