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Jörg Schäfer (Hrsg): Konstantinos Kavafis - Gedichte. Das Hauptwerk

  683 Wörter 2 Minuten
2017-05-01 2017-05-01 01.05.2017 452 × gelesen

Zu den großen Lyrikern seiner Generation gehört der griechische Dichter Konstantinos Kavafis (1863-1933). 159 Gedichte von Kavafis’ umfangreichen lyrischen Werkes stellt im griechischen Urtext und in neuer deutscher Übertragung von Jörg Schäfer ein im Universitätsverlag Winter in Heidelberg jetzt in zweiter Auflage erschienener Gedichtband vor. Für die 2003 erschienene erste Auflage dieses Buches ist der Autor im Februar 2005 vom griechischen Kultusministerium “für die beste Übersetzung eines Werkes der neugriechischen Literatur in eine fremde Sprache“ ausgezeichnet worden. Zahlreiche der Gedichte, die aus historischen und literarischen Quellen schöpfen - insbesondere der Antike und der byzantinischen Epoche -, sind mit Kommentaren versehen, die zur Verständlichkeit beitragen. “Diese Kommentare sollen darüber hinaus einer Würdigung des Gedichttones dienen, indem sie auf Eigenheiten der poetischen Form der Originaltexte hinweisen. Schließlich sollen sie durch Literaturhinweise Einblick in die philologische Erforschung der Gedichte geben“, schreibt Jörg Schäfer im Vorwort. Durch Abbildungen antiker und byzantinischer Münzen mit Herrscherporträts und mythologischen Symbolen soll die Nähe der Gedichttexte zur Lebenswelt des Altertums unterstrichen werden. Ausgewählt und kommentiert wurden die Abbildungen von Peter R. Franke.

Die von Jörg Schäfer übersetzten und kommentierten Gedichte zählen zu Konstantinos Kavafis “Hauptwerk“, handelt es sich doch bei 153 von ihnen um Werke, die von dem Dichter anerkannt, sprich von ihm nicht widerrufen, und veröffentlicht wurden. Bekannt seien von Kavafis wesentlich mehr Werke, neben 251 abgeschlossenen Gedichten in griechischer Sprache auch Gedichte in englischer Sprache, Gedichtübersetzungen aus dem Englischen, Italienischen und Französischen sowie unvollendete beziehungsweise fragmentarische Gedichte. “Seit ungefähr dem Jahre 1891 hatte Kavafis begonnen, einzelne Gedichte zu drucken, sei es als Veröffentlichung in alexandrinischen Zeitschriften, sei es in der Form einzelner Blätter als Privatdrucke für Freunde und Interessenten“, erläutert Jörg Schäfer in seinen Ausführungen zu “Leben und Werk“ des Dichters. Jörg Schäfer stützt sich bei seiner Präsentation der Gedichttexte und ihrer Reihenfolge auf die Ausgaben des philologischen Altmeisters Georgios P. Savidis: “Gegenüber der ersten Auflage der vorliegenden Übersetzungen wurden nunmehr die von ihm gestalteten authentischen Textausgaben vom Jahr 2000 zugrundegelegt. Sie verbürgen größere Texttreue.“

Sogenannte “historische Gedichte“ nehmen etwa ein Drittel dieses “Hauptwerkes“ von Konstantinos Kavafis ein. Jörg Schäfer: “Hier sind in narrativer und nicht selten dramatisierender Form geschichtliche Ereignisse oder fiktive geschichtliche Situationen gestaltet. Die Darstellung führt in Hintergründe, die sein eigenes Verhältnis zu Welt und Leben berühren. Oft schildert er Situationen, die den Leser zur scheinbar eigenen, jedoch vom Dichter vorgegebenen Schlussfolgerung führen; dies geschieht nicht selten, indem Gespräche, Monologe und Dialoge in Form von ,Rollengedichten’ inszeniert sind, die auch dem Leser seine ,Rolle’ zuweisen.“ Der Stoff dieser Gedichte ist, so Jörg Schäfer weiter, “vorwiegend den ,Übergangsepochen’ des griechisch-römischen Altertums entnommen, in denen aus der Begegnung von West und Ost neue Lebens- und Bildungswelten entstehen: Hellenismus, Spätantike“. Diese Gedichte zeugen auch von der eingehenden Beschäftigung des Dichters mit geschichtswissenschaftlicher Literatur. Kavafis erwarte für das volle Verständnis seiner “historischen“ und epigrammatischen Gedichte vom Leser “mehr als bloß allgemeine historische und literarische Kenntnisse“, hier zeige sich der Anspruch seiner Dichtung, unterstreicht Jörg Schäfer die Notwendigkeit von genauen Kommentaren der Werke seitens eines “Herausgebers oder Interpreten".

Lebens- und Kulturphilosophie sowie Selbstreflexion sind wichtige Themen anderer Gedichte von Konstantinos Kavafis. Der aus einer griechischen Kaufmannsfamilie Konstantinopels stammende und in Alexandria geborene Dichter, der in dieser durch eine multikulturelle Atmosphäre geprägten Hafenstadt einen Großteil seines Lebens verbracht hat, befasst sich mit dem Thema der Entfremdung, beleuchtet die dunkelsten Winkel der menschlichen Seele, bannt die Sinnlichkeit und das Verlangen in seine Verse. Jörg Schäfer: “Welcher Dichter seiner - und nicht nur seiner Generation - vermochte das homoerotische Erleben derart anschaulich und feinsinnig mit den genannten Themenbereichen verbinden?“

Trotz einer Reihe von Übersetzungen ins Englische, Französische, Deutsche und in andere Sprachen tritt Kavafis, so Jörg Schäfer, außerhalb des griechischen Sprachraumes im allgemeinen literarischen Bewusstsein “bis heute ungerechtfertigt zurück; dies gilt besonders auch für Deutschland“. Dem vorliegenden Gedichtband ist es zu wünschen, dass er möglichst viele deutschsprachige Leser veranlasst, sich mit der Dichtkunst Konstantinos Kavafis’ erstmals oder erneut auseinanderzusetzen.

Konstantinos Kavafis: Gedichte.
Das Hauptwerk griechisch und deutsch.
Übersetzt und kommentiert von Jörg Schäfer.
Mit Abbildungen antiker und byzantinischer Münzen
ausgewählt und kommentiert
von Peter Robert Franke.
Zweite ergänzte und verbesserte Auflage.
Universitätsverlag Winter Heidelberg.
495 Seiten. ISBN 978-3-8253-5212-7,

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