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Kiki Dimula: Plötzlich wurde ich hellhörig

  768 Wörter 3 Minuten
2017-05-01 2017-05-01 01.05.2017 415 × gelesen

“Dichtung ist wie ein Ausflug, weit draußen, fern von der dicht besiedelten Sprache: Du gehst ganz allein dorthin, du breitest ein großes weißes Blatt aus, befestigst es mit einem geduldigen Bleistift und wartest, ob vielleicht deine Vorbereitungen wieder jene Eidechsen-Wörter anlocken, die vorbeiflitzen und die durch ihre Fähigkeit zur Anpassung an die anderen Farben der jeweils anderen Bedeutung, wodurch sie schließlich auch entwischen. Rastlos und hastig sind die Wörter. Du wartest Stunden, Monate, selbst Jahre, ob dieser schneeweiße, ungeschriebene Leckerbissen, den du vor ihnen ausgebreitet hat, sie nicht vielleicht doch verführt“, heißt es in dem “Spielerischen Mythos“ der griechischen Dichterin Kiki Dimula.

Eigentlich ihre Antrittsrede anlässlich der Aufnahme in die Akademie der Wissenschaften in Athen im Jahre 2003 verrät dieser kurz darauf schriftlich veröffentlichte Essay einiges über die Dichtung von Kiki Dimula, die zu Jahresbeginn zur europäischen Literatin des Jahres 2010 gekürt wurde. Eine komplette Übersetzung des “Spielerischen Mythos“ erschien jetzt zusammen mit charakteristischen Gedichten aus fast allen Sammlungen des umfangreichen Werks der Dichterin - aus dem Griechischen übertragen von der Lyrikübersetzerin Dadi Sideri-Speck - in dem vom Romiosini Verlag Köln herausgegebenen Band “Plötzlich wurde ich hellhörig“. Diese erste umfassende Anthologie von Gedichten Kiki Dimulas in deutscher Sprache ermöglicht es dem deutschsprachigen Leser, das spannende und beeindruckende poetische Werk der in Athen lebenden und mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten Dichterin zu entdecken.

Darin geht es um den Konflikt zwischen Existenz und Existenzlosigkeit, um den Dialog des Bewusstseins mit der Vergeblichkeit und der Erinnerung mit der Flüchtigkeit des Seins, wobei sich Kiki Dimula, die sich selbst nicht als “denkender“, sondern eher als “ein nachdenklicher Mensch“ sieht, einer völlig unkonventionellen Schreibweise bedient. “Ich schreibe, weil mir nur dieser kleine Hügel gegeben ist, wo die tiefen Wurzeln der Sprache, aus der ich stamme, mutig volle Segel wallen lassen. Ich spreche mit ihr, wenn sie freundlich weht, wenn sie aus ihrer Introvertiertheit und ihrer Verdrießlichkeit herauskommt. Dann erlaubt mir die Sprache, mit ihr zu spielen, die Konsonanten zu necken, damit die Vokale lachen; sie lässt mich ihren vielbändigen, noch nicht erfassten Gebrauch durchblättern, ihre Truhen öffnen, die mit den blühenden Jahrhunderten ihrer Geschichte angefüllt sind“, heißt es in Kiki Dimulas Essay “Der spielerische Mythos“.

Werden und Vergehen, Zeit, Verschleiß und Verlust, Liebe, Angst, das Erinnern und die Nacht: ”Die Welt der Lyrikerin Kiki Dimula ist die Spannung zwischen dem Seienden und dem Nicht-Seienden, die eine tragische Dimension beinhaltet, jedoch bar jeder Heroik“, stellt die Übersetzerin Dadi Sideri-Speck in ihrem Nachwort des lesenswerten Gedichtbandes fest. Und: “Als Werkzeug gegen die Vergänglichkeit der Zeit, als Instrument, ihr Vergehen aufzuhalten“, so schreibt die Übersetzerin, diene Kiki Dimula die Fotografie, “das immer wiederkehrende Symbol in ihren Gedichten“. Die in einer Fotografie festgehaltene Erinnerung als ein Mittel gegen das Vergehen: Immer wieder nehme die Dichterin Bezug auf Fotografien - auch als Abbilder des Lebens.

Der zeitliche Bogen der in “Plötzlich wurde ich hellhörig“ veröffentlichten Arbeiten spannt sich von 1956 bis 2007. Beeindruckend ist Kiki Dimulas anschaulicher und beeindruckender Gebrauch der Sprache – ihr unorthodoxer Umgang mit den Wörtern, der Grammatik und der Syntax mutet teilweise mutig bis subversiv an - und der Erfindungsreichtum ihrer Bilder. Mit abstrakten, manchmal auch selbst erfundenen Wörtern erzeugt sie eine große Intensität. “Mit ihren eigenwilligen Wortassoziationen nimmt sie die Wirklichkeit auseinander und baut sie neu auf“, schreibt die Übersetzerin.

Die 1931 in Athen geborene Dichterin, die für “Das Wenige der Welt“ (1972) und “Lebe wohl niemals (1989) jeweils mit dem Griechischen Staatspreis für Lyrik ausgezeichnet wurde, arbeitete von 1949 bis 1973 als Bankangestellte. 1954 heiratete sie den Dichter Athos Dimulas, der 1985 starb. Ihre erste Gedichtsammlung erschien 1952. Bis heute folgten etwa ein Dutzend weitere Gedichtbände und ein Band mit Kurzgeschichten. Viele ihrer Gedichte wurden in mehrere Sprachen übersetzt.

Kiki Dimula: Plötzlich wurde ich hellhörig.
Gedichte und ein “Mythos“.
Romiosini Verlag Köln.
120 Seiten.
ISBN 978-3-929889-81-9.

Abschließend zwei Gedichte von Kiki Dimula - das 1956 veröffentlichte “Bilanz“ und “Die wählerische Ewigkeit“ aus dem Jahr 2007:

Bilanz

Liniert zwei Spalten
für die Verluste dieses Tages
und für seine Gewinne.

Die ernsthaften Themen
eure leuchtenden Gedanken, eure Lektüre
den unerbittlichen Gang
von der einen Linie zu der anderen
notiert ihn auf die Spalte der Gewinne. 

Die Traumgespinste
mit ihren kleinen Lücken
die leichten Sprünge eurer Phantasie
für all diese Tricks der Langeweile
ich weiß nicht, überstürzt es nicht
vielleicht braucht ihr die Spalte der Gewinne
von morgen.

Dennoch; den ganzen Tag,
der schon vergangen
vergesst bloß nicht
in die Spalte der großen Verluste
zu notieren.

Die wählerische Ewigkeit

“Glaub mir, ich werde dich ewig lieben“
wiederholt der Tod jede Minute
zur Ewigkeit
und sie stöhnend
aus lauter unglücklicher Ungewissheit
ach wärest du doch ein Lügner
verflucht sie ihn

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