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Heinz Wetzel: Auf nach Hellas

  588 Wörter 2 Minuten
2017-04-26 2017-04-26 26.04.2017 218 × gelesen

Wer einen historischen Roman schreibt, muß sich auskennen, also Quellen studieren, forschen, reisen. Heinz Wetzel hat dies gründlich getan, um die Leser seines Buches in das Eu¬ropa der Zeit des griechischen Freiheitskampfes gegen das Osmanische Reich zu versetzen. Er erfand einen überlebenden Zeitzeugen, der 1871 über die Ereignisse der Jahre 1821/22 aus der Erinnerung berichtet: den Berliner Bibliothekar Friedrich, einen studentischen Freischärler von 1813. Angewidert von der Politik des Deutschen Bundes, hingerissen von den idealisie¬renden Aufrufen der Philhellenen, schloß er sich in Marseiile einer Schar Gleichgesinnter an, die den Griechen zum Sieg verhelfen wollten. Damals glaubte er sich berufen, auf diesem Wege „das Kreuz und die Freiheit wieder aufzurichten." [S. 22] Der Roman erzählt von dem entbehrungsreichen Marsch dieser jungen Männer von Navarino durch die Berge des Pelo-ponnes nach Korinth, immer auf der Spur grausamer Kämpfe und Mordtaten und auf der Su¬che nach einer griechischen Armee, der sie sich anschließen wollten. Sie entdecken ein armes, rückständiges Land, besiedelt von Bauern, die Jahrhunderte von fremden Grundherren ge¬knechtet wurden und diese „Franken" (so nennen sie alle die Ausländer aus dem Westen) kei¬neswegs als Verbündete willkommen heißen. Erst in Athen kommt es zum Kampf mit den Türken, die die Akropolis besetzt halten. Von Hunger geplagt, erschöpft und desillusioniert erreichen sie Epirus, wo die meisten von ihnen in der Schlacht bei Peta ihr Leben verlieren. Als Leser lernt man die bitteren Lektionen der Philhellenen mit ihnen zusammen, verfolgt ihre Debatten, begreift ihre Verwirrung angesichts des Zusammenbruchs ihrer Illusionen. Was mitunter die Lektüre erschwert, die Menge der Personen, erweist sich doch als ein unver¬zichtbares Verfahren, den Stoff aus einer Vielzahl von Gesichtspunkten darzustellen. Der Er-zähler Friedrich wird immer mehr zum Chronisten der Selbstdistanzierung von der Hellenen-begeisterung seiner Generation. Aus dem Altersabstand erkennt er die Relativität aller dama¬ligen Wertungen und Hoffnungen: „Nie habe ich mich zu weit verrannt. Die Holzwege wer¬den kürzer... entweder war mir nach Griechenland meine Abenteuerlust abhanden gekommen oder ich wollte ungestört mit Dorothea leben, vielleicht beides." [S. 507-508] Auch die Lie¬besbeziehung eines Kameraden Friedrichs mit einer Griechin bleibt eine traurige Episode; der Jüngling fällt auf dem Schlachtfeld bei Peta.

Am Ende dieser Episode ist jedoch der Diskurs, der Wetzels Roman durchzieht, noch nicht abgeschlossen. In einer Schlußbetrachtung relativiert der Erzähler auch den großen „Reinfall" des „griechischen Abenteuers" im Licht der europäischen Entwicklung, wenn auch mit neuen Einschränkungen. Es gebe „keine eindeutigen Antworten" angesichts einer sich immer verän-dernden Welt, lautet sein Fazit. (Griechenland ist inzwischen als Nation wiedererstanden, das Osmanische Reich im Zerfall begriffen, das deutsche Reich entstanden.) Daher sei es „besser [...], weiter nach der Wahrheit zu suchen als in falsche Gewißheiten zu fliehen." [S. 509] Dies ist eine jener Stellen, an denen sich die Personenrede - die des Erzählers Friedrich - fast von der jeweiligen Person ablöst und zum Autorkommentar wird. Eine Tendenz, unmittelbar belehrend und erklärend zu den Lesern zu sprechen, kennzeichnet diesen ansonsten spannen¬den Roman. Einem Autor, der als Professor an der Universität Toronto lehrt, ist dies wohl zugute zu halten. Immerhin wird fast jede Aussage im Lauf der Erzählung wieder in Frage gestellt, so daß die Geltung solcher didaktischen Einsprengsel dem Urteil der Leser überlas¬sen bleibt. Sie werden in einem Netz von Fragen verwickelt, aus dem keine der vielen Ant¬worten geradlinig herausfuhrt. Doch so wird diese Prosa zu einer eindringlichen Warnung vor jeder ideologischen Instrumentalisierung des Freiheitsbegriffes, aber auch vor lähmender Skepsis, die sich der Tyrannei dienstbar ausliefert. Es ist gute Prosa, lesenswert, insbesondere in einer Zeit internationaler Missionen und Interventionen.

Heinz Wetzel
Auf nach Hellas!
Roman
Hameln: Perigo, 2010
512 Seiten, gebunden 21x13,5 cm
17 s/w-Abbildungen
ISDN 978-3-934092-64-8

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