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Kambas Chryssoula und Marilisa Mitsou (Hrsg.): Hellas verstehen - Deutsch-griechischer Kulturtransfer im 20. Jahrhundert

  567 Wörter 2 Minuten
2017-04-26 2017-04-26 26.04.2017 376 × gelesen

Als ihr gelegentlich deutsche Tugenden (streng, zielstrebig und gründlich) nachgesagt wurden, gesteht Christa Wolf ein, darüber fast ein wenig erschrocken zu sein. Und den Beschwichtigungsversuch, dass wir Deutschen dafür Griechenland Kredite geben können, kommentiert sie – zwar lachend, aber immerhin: „Vielleicht muss man es so sehen“ (ZeitMagazin 27/2010). Wie ist denn nun Hellas zu sehen – und zu verstehen? Oder anders gefragt: Was für ein Bild von Hellas lässt sich hierzulande ausmachen, und wer sind die Mittler dieses Bildes? 

Unter diesem Motto stand im Mai 2007 an der Universität Osnabrück ein Symposion über „Transfer der modernen griechischen Literatur und deutscher Bildungsexport. Anthologien, Übersetzung und Kulturpolitik im 20. Jahrhundert“. Die dort gehaltenen Beiträge können im jetzt vorliegenden Sammelband nachgelesen werden. Noch kein Thema ist darin der heiß umstrittene Eurotransfer (hierzu s. Eberhard Rondholz in Konkret 4/2010 bzw. Exantas 12/2010). Allerdings auf die Außenstände Griechenlands aus Kriegszeiten geht Hagen Fleischer, Professor für Neue und Neueste Geschichte an der Universität Athen, sehr genau ein. Und er konstatiert, dass eine echte Historisierung der Vergangenheit noch immer aussteht – ungeachtet einer mittlerweile breiteren (bibliographisch leider nicht ausgewiesenen) auch deutschsprachigen historischen Forschung. Sie wird hier durch Einzelfallstudien weiter voran gebracht. Augenmerk verdient, was über die in Athen in der Nische der Kultur tätigen Stauffenberg-Anhänger zu erfahren ist, so z.B. über Rudolf Fahrner (1903-1988), den Leiter des Deutschen Wissenschaftlichen Institutes. Dass der ebenfalls in Athen stationierte und nach dem Scheitern des Attentats ebenfalls mit dem Leben davon gekommene Alexander Schenk Graf von Stauffenberg nicht in die „Operation Walküre“ seines Bruders eingeweiht gewesen sein soll, wie es im Beitrag von Frank-Rutger Hausmann heißt, erscheint nach der 2008 vom Marburger Althistoriker Karl Christ veröffentlichten Studie über seinen Münchener Kollegen in einem anderen Licht. Der Blick auf das andere Deutschland erhellt, dass das abstempelnde „germanóphilos“ (deutschfreundlich) in einzelnen Fällen nicht mit Kollaborateur bzw. Vaterlandsverräter gleichzusetzen war, wie aus dem Beitrag über Peter Coulmas hervorgeht.

Die Feststellung, dass nach dem Krieg ein echter versöhnender Brückenschlag zwischen beiden Ländern nicht stattgefunden hat, ist nur allzu wahr. Hieran mag es mit liegen, dass die kulturellen Leistungen des modernen Griechenlands so wenig wahrgenommen werden, worauf in aller Grundsätzlichkeit Hans Eideneier, em. Professor für Byzantinistik und Neugriechische Philologie an der Universität Hamburg, eingeht. Als nahezu tragisch charakterisiert er jene Haltung eines bildungsbeflissenen, griechenlandschwärmerischen Bürgertums, dessen humanistische Ideale mit Auschwitz zu Grabe getragen wurden. Den literarischen Niederschlag hat diese Seite des Hellasverständnisses u.a. in Franz Fühmanns Werken (Das Gottesgericht, Kameraden, Die Schöpfung, König Ödipus) gefunden. Hierzu wäre aus der Leipziger Dissertation (1980) von Efstathia Kraidi-Katsabani zu zitieren: „Analog zum Schicksal von Ödipus stellt Fühmann diese jungen Deutschen dar, die in ihrer Befangenheit glauben, das Richtige zu tun, aber objektiv Verbrechen begehen. Dabei handelt es sich nicht allein um die Tragik dieser Menschen, sondern vor allem um die Auseinandersetzung und Abrechnung mit einer Welt, die solche Tragik hervorruft.“ Sich über Hellas verständigen heißt gleichsam, sich über sich selber verständigen. Die in diesem Sinne als Kulturmittler gewirkt haben (Karl Dieterich, Alexander Steinmetz, Helmut von den Steinen, Isidora Rosenthal-Kamarinea), hatten mitnichten ein spannungsfreies Verhältnis zum gelobten Land und teilweise auch kein spannungsfreies Verhältnis untereinander. Diese Aufsatzsammlung gewährt genauere Detailkenntnis über die griechisch-deutschen Beziehungen. Sie verdeutlicht, dass die von uns so sehr geschätzte mediterrane Leichtigkeit des Seins nicht zum Nulltarif zu haben ist.

Kambas Chryssoula und Marilisa Mitsou (Hg.)
Hellas verstehen. Deutsch-griechischer Kulturtransfer im 20. Jahrhundert.
Böhlau Verlag. Köln Weimar Wien 2010
380 S.
ISBN 978-3-412-20450-1

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