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Dadi Sideri-Speck (Hrsg.): Fern von der dicht besiedelten Sprache

  659 Wörter 2 Minuten
2017-04-26 2017-04-26 26.04.2017 383 × gelesen

"Der Dichter/Der reine/Dieser Zauberer/Der Gaukler/Der geheimnisvolle Bezähmer der Wörter/Der die Schönheit anbetet/Dieser kleine Gott, der spricht/Und mit seinem Wort zum Licht wird" (Takis Varvitsiotis, Jahrgang 1916).

"Die Gedichte werden zornig/regen sich auf wenn du auf/ihrer Frühgeburt beharrst/Sie werden zu Dämonen, zu Erzengeln/reden wirr miteinander/Mit einem plötzlichen Flattern/flüchten sie in einen grollenden Schlaf/Damit sich das Wort nicht vergewaltigt anhört" (Maria Karajanni, Jahrgang 1934).

"Ich sehne mich nach der Gesellschaft der Dichter/Ihre schmalen Finger/auf dem ratlosen Papier/Ihr Streicheln meines schütteren Haars/Nach dem Klang ihrer Stimme sehne ich mich/Das Zögern, das durch die Gespräche des Menschen verloren gegangen ist/Nach dem Schweigen der Dichter sehne ich mich./ln den Adern fließt der Regen/Auf der Haut Flammen/In den Augen die Schwerter der Tataren/die niemand geliebt hat./Wie sehr sehne ich mich heute nach der Gesellschaft der Dichter" (Vassiliki Nevrokopli, Jahrgang 1968).

Die Dichter und ihre Kunst tauchen in dem von Dadi Sideri-Speck im Romiosini Verlag herausgegebenen zweiten griechischdeutschen Gedichtband "Fern von der dicht besiedelten Sprache", aus dem die eingangs zitierten Texte stammen, häufig als Thema auf. 43 zeitgenössische Dichterinnen und Dichter Griechenlands - jene aus Thessaloniki werden besonders berücksichtigt - stellt diese in sechsjähriger Arbeit entstandene lesenswerte Anthologie mit Gedichten vor, die zum Großteil in den vergangenen zwei Jahrzehnten verfasst wurden.

Ob in wenigen Worten wie zum Beispiel Maria Kardatou in "Flut", Antonis Fostieris in "Kopflos" oder Alexandra Evtychia Lukidou in "Erdichtungen" oder fast prosaisch wie Klitos Kyrou in "Ansporn", Orestis Alexakis in "Und da wo ich nun besorgt mich frage,", Prodromos Ch. Markoglou in "Das Haus", Arjyris Chionis in "Eines Tages beschloss die Sonne" oder Anastassis Vistonitis in "Adagio": Neben der Dichtkunst befassen sich die mit wenigen Ausnahmen dem deutschen Leser bisher kaum bekannten Dichter in ihren meist hermetisch abgeschlossenen Texten mit Liebe, Todessehnsucht und der Vergänglichkeit des Lebens, mit Einsamkeit und Leiden - mit allgemein gültigen Themen also.

Im Gegensatz zu den Gedichten des Nationaldichters Dionysios Solomos, der die Griechen zur Befreiung von der Osmanischen Herrschaft aufgerufen hat, über die von Konstantinos Kavafis, der darin seine persönliche Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen ausdrückte, bis zu den auf die historisch-politischen Ereignisse im Land bezogenen von Jannis Ritsos, werde, so Dadi Sideri-Speck, von den zeitgenössischen Lyrikern in ihren in den vergangenen drei Jahrzehnten veröffentlichten Gedichten die soziale und politische Umwelt kaum wahrgenommen oder nur punktuell angedeutet. "Sie leben in einem Griechenland der politischen Stabilität, des Wohlstands und des maßlosen Konsums. Die Sprache, fast völlig dem Einfluss der Informationswelt der Massenmedien ausgeliefert, leidet sehr darunter. Nichtsdestotrotz gibt es in diesen hageren Zeiten für die Lyrik viele, auch junge Menschen, die Gedichte schreiben", heißt es in dem Vorwort von Dadi Sideri-Speck wörtlich.

Dadurch, dass die von der Altphilologin, Autorin und Übersetzerin, die von 1968 bis 2003 in München lebte und heute in einem Vorort ihrer Geburtsstadt Thessaloniki wohnt, für den vorliegenden Gedichtband ausgewählten Texte größtenteils Themen der reinen Lyrik behandeln, setzt das Lesen und Verstehen nicht unbedingt die Kenntnis des Werkes und des Umfeldes des jeweiligen Dichters voraus.

Dadi Sideri-Speck plädiert denn auch für einen "kreativen Umgang" mit denn Gedicht. Für sie geht es, wie es wörtlich im Vorwort heißt, "um eine persönliche, intime Annäherung an das Potenzial, das dem Gedicht innewohnt, und um eine Aneignung dieses Potenzials. Es geht um ein Hinfließen der .Wirklichkeit’ des Gedichts in die .Wirklichkeit’ des aufmerksamen Lesers und umgekehrt." Dadi Sideri-Speck hat in "Fern von der dicht besiedelten Sprache" - der Gedichtband ist die Fortsetzung des 1999 ebenfalls im Romiosini Verlag von ihr herausgegebenen Bandes "Unter dem Gewicht der Wörter" - die Gedichte nicht in Kategorien gefasst, die Autoren sind vielmehr chronologisch geordnet. Der Titel ist übrigens einem Zitat der großen griechischen Lyrikerin Kiki Dimula entlehnt, das da lautet: "Wie ein Ausflug ist die Dichtung, recht weit draußen, fern von der dicht besiedelten Sprache." Bio- und bibliografische Hinweise zu allen 43 Lyrikerinnen und Lyriker komplettieren den Band, der den "Ausflug" lohnt.

Fern von der dicht besiedelten Sprache
Dadi Sideri-Speck
Herausgeberin und Übersetzerin
Griechische Lyrik der Gegenwart
Band 2. Zweisprachig Griechisch-Deutsch
Romiosini Verlag Köln
ISBN 3-929889-72-2
312 Seiten

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