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Dimosthenis Kourtovik: Die Nostalgie der Drachen

  550 Wörter 2 Minuten
2017-04-26 2017-04-26 26.04.2017 444 × gelesen

Dampf ablassen, das befreit. Etwa mit den Worten:„Jahrelang habt ihr bequeme Lügen verbreitet. Aus Faulheit. Aus Blindheit. Aus Eitelkeit und Dünkel. Ihr verdammten Opportunisten mit eurer verdammten trägen, falschen Weisheit! Ihr haltet die Welt doch in Unwissenheit, weil ihr die Dinge nicht noch einmal ansehen wolltet, weil ihr nicht zugeben könnt, dass ihr euch geirrt habt.“

Ungefähr so hörte sich das Gebelfer an, mit dem Dimosthenis Kourtovik (Jg. 1948) bei einem Autorenforum im Januar 1991 im Goethe-Institut Athen über seine Schriftstellerkollegen hergefallen ist. Schnee lag da auf den Pomeranzen unterhalb der Akropolis, und auf die Anwesenden muss das gewirkt haben wie: nun ist alles zu spät. Im vorliegenden Roman geht mit genau dieser Attacke eine Koryphäe der Anthropologie auf seine in Berlin zu einem internationalen Kongress versammelten Kollegen los. Streitfall ist nicht die Mumie aus den Ötztaler Alpen, Ötzi genannt, sondern ein gewisser Ibykus, ein wesentlich älteres Teil von der Kykladeninsel Kimolos. Wie Kourtovik, promovierter Biologe und Sexualwissenschaftler, es schafft, dass man - ansonsten jedem Anthropologenfirlefanz abhold - sich in diese merkwürdige Geschichte hineinziehen lässt, das ist verblüffend. Also: da hat einer als junger Mann auf der richtigen Seite der Partisanen gegen die Deutschen gekämpft, um nun als alter Mann einer aus dem Safe des von ihm verwalteten Athener Museums entwendeten Mumie hinterher zu hecheln - von Genua nach Münster, Hamburg, Kopenhagen, Berlin bis Wroclaw, und zwar immer mit einer knackigen Kriminalistin an seiner Seite. Alle Schauplätze sind taufrisch. Nicht nur in Hamburgs Herbertstraße, der Straße mit den Frauen in den Fenstern, gewinnt man den Eindruck, dass Prostitution das gängige Markenzeichen unserer Tage ist, speziell die Prostitution einstiger Ideale.

Zur Fahndung nach dem verstaubten Fossil hat nicht ein offizielles Interesse bewogen, das jedesmal urplötzlich einsetzt, wenn nationales Gut abhanden gekommen ist. Sondern Aufklärungsbedarf besteht, weil jedesmal dort, wo irgendeine okkulte Sekte einen kollektiven Selbstmord begangen hat, diese Mumie irgendwie mit von der Partie war. Und das lässt unseren einstigen Partisanen nicht ruhen. Er will dahinter kommen, wer mit diesem Ibykus Unfug treibt. Denn soviel ist ihm klar: Die Menschen sind für Mythen empfänglich. Sie folgen den Religionen, die ihnen weismachen, dass alle vor Gott gleich sind. Und gleichzeitig leiden sie daran, dass sie ständig veranlasst werden, etwas zu sein, was sie in Wirklichkeit gar nicht sind. Und weiter: Solange Millionen auf dieser Welt lieber Sklaven wären als ohne Lohn und Brot und ohne Dach überm Kopf, haben Heilsapostel ein leichtes Spiel. Deshalb macht sich Herr Drakas = der Drache, so der sinnige Name unseres Anthropologieprofessors, anhand geheimnisvoller Zeichen von Schlange und Kormoran auf die Spur, um der verschwundenen Mumie wieder habhaft zu werden und um dem gefährlichen Mummenschanz mit ihr ein Ende zu bereiten. Dass diese Spur bis zu einer bösartigen bosnischen Mafia nach Jugoslawien führt, kann man dann eigentlich schon vergessen.

Das Buch liest sich - in brillanter Übersetzung - weniger artifiziell, als hier vielleicht der Eindruck entsteht. Aber anders als Observierungsbefunde der Psychoszene, wo u.a. zwecks allgemeiner Beglückung die kollektive Hodenatmung eingeübt wird, einen Lachkrampf provozieren, hinterlässt Die Nostalgie der Drachen“denn doch eher Unbehagen. - Nehmen wir mal an, dass noch nicht alles zu spät ist, solange es ein Buch schafft, auf so gekonnte Weise zu verunsichern.

Demosthenes Kourtovik,
Die Nostalgie der Drachen. Roman.
Aus dem Griechischen von Gabi Wurster.
Axel Dielmann Verlag, Frankfurt am Main 2001.
300 S., 
ISBN: 3-933974-13-5

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