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Dimosthenis Kurtovik: Was suchen die Barbaren

  1.004 Wörter 4 Minuten
2017-04-26 2017-04-26 26.04.2017 250 × gelesen

Der Vers aus einem alten Marschlied „Was suchen die Bulgaren in Makedonien/ was suchen die Barbaren in den griechischen Dörfern…“ dient dem Schriftsteller D. K., auf recht provokatorische Art vor allem für ältere Jahrgänge, zum Titel dieses Romans. Wer sich erinnert und das Lied mit dem sogenannten „Makedonischen Kampf“, Anfang des 20. Jahrhunderts, und dessen neuerlichen Auswüchsen mit dem Problem der Namensgebung der „Ehemaligen Jugoslawischen Republik Mazedonien“ in Verbindung bringt, dem wird von Anfang an klar: Der mutige, waghalsige, international anerkannte und national „unterschätzte“, das heißt ob seiner scharfen, mit nichts zu erschreckenden Zunge gefürchtete  griechische Schriftsteller, Essayist, Literaturkritiker und Übersetzer höchst anspruchsvoller Literatur aus acht Sprachen, hat wieder zugeschlagen.  Er ist der festen Überzeugung, die griechische Literatur müsste endlich die Nabelschau überwinden, mit der Aufarbeitung des Bürgerkriegs und den daraus resultierenden, bis heute blutenden Wunden Schluss machen, die Geschichte Geschichte sein lassen und sich eher privater Thematik zuwenden, oder auch der privaten Erinnerung von Geschichte neue Wege eröffnen, weil: es gar keine Rolle spielt, ob Nina die tatsächlichen Ereignisse abgeändert hat. Die wirkliche historische Wahrheit sind die kleinen, persönlichen  Geschichten der Menschen, ewig sich wiederholend und doch immer verschieden; sie sind es, welche den Faden der Zeit zusammenhalten, welche unser Leben mit dem Existenten und dem zu Existierenden verbindet hier oder am Ende der Welt. (S.251)  

Und er macht mit dieser Ansicht ernst. Mit einer Mischung aus „privaten“ Geschichten, historischen und zeitgenössischen Personen und Ereignissen, ja sogar mit dem Einschub von Dialogen zwischen längst Umgekommenen und deren Geistern, dringt er, beziehungsweise der allwissende Erzähler, ein in die Atmosphäre eines Literaturwettbewerbs um die Verleihung des Literaturpreises „Interbalkan“, das just 100 Jahre nach dem Beginn der Balkankriege aufgewertet und „europatauglich“ werden soll.  Zu diesem Wettbewerb haben Autoren ihre Werke geschickt aus den Nachbar- und seit Ewigkeiten rivalisierenden Ländern: Griechenland, Bulgarien, Serbien, FYROM, Rumänien, Albanien und der Türkei. Die Veranstaltung findet in einer griechischen Kleinstadt im äußersten Norden des Landes statt, angrenzend an Bulgarien und FYROM. Sie hat viele Sponsoren griechischerseits gefunden, darunter den Weinproduzenten und Investor in den Nachbarländern, Aris Xinos, der eine nicht unerhebliche Stellung in der Handlung einnimmt. Die Jury besteht ebenfalls aus Vertretern dieser Länder, alle hoch angesehene Personen. Zum Vorsitzender ist der bekannte Grieche Chrysikos bestimmt worden, in Paris lebend, auch er ein Schriftsteller und erfolgreicher Kulturmanager, offensichtlich aus diesem Gebiet stammend, dem heutigen griechischen „Makedonien“, was für die Entwicklung des Romans eine wichtige Rolle spielen wird. Dazu ist eine Journalistin vom Deutsch-Französischen Kulturkanal Arte gekommen, da die beste Arbeit zur Aufwertung dieses Literaturpreises, neben dem nicht zu verachtenden Geldpreis, verfilmt und von Arte gesendet werden soll. 

Ein Thema, wodurch die wichtigste Entwicklung des Romans von D. K. bestimmt wird, ist eine Hochzeit in jenen Jahren, zu der sowohl griechische, als auch serbische und bulgarische Offiziere mit militärischer Begleitung eingeladen worden waren, um die Einigkeit und die Freundschaft zwischen den drei Ländern nach dem Ersten Balkankrieg zu demonstrieren und zu festigen. Das freudige Ereignis wird aber aus nicht klar auszumachenden Gründen zu einem Blutbad. Jede Seite sieht als Verursacher des Massakers die anderen. Diese „Makedonische Bluthochzeit“ sollte ein Spiegel der tatsächlich herrschenden Atmosphäre in Makedonien abgeben, kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Balkankriegs. Wie zu erwarten, hat dieses Motiv einige der Schriftsteller inspiriert, so dass mindestens drei davon mit unterschiedlicher Intention und Auslegung der echten, wohl belegten Geschichte dies zu ihrem Thema gemacht hatten. Dieselbe Geschichte hatte  schon damals ein kurzes Dokumentarfilmchen abgegeben, aufgenommen von den bekannten Filmemachern des Balkans, den Brüdern Manakia (eine der wichtigsten Anregungen auch für unseren Autor, seinen Roman in Angriff zu nehmen). Alle diese drei Romane, der eine, vom serbischen Autor Ljubomir Bratsanovic „Lexikon der Unterwelt“, als wäre es für eine Enzyklopädie bestimmt, aber nicht ohne Reiz; der zweite, vom griechischen Autor Antonis Romanos „Wartend auf die Bulgaren“ - in einer der Zeit entsprechenden Sprachform, eben der gehobenen, „bereinigten“ griechischen Sprache geschrieben, wie ein Sprachdokument der Zeit (fein ausgearbeitet vom Sprachkünstler Kurtovik, der auch einen großen Abschnitt davon nachdruckt) -, bei dem die griechische Ansicht der Ereignisse klar zum Ausdruck kommt;  und der dritte „ Das Klagelied der Kirschbäume“, von der Bulgarin Nina Daneva, einer echten Balkanzugehörigen, die allerdings behauptet: Nicht mal der Balkan hat eine Bedeutung für mich. Die einzige Vereinigung, an die ich glaube, ist die der Seelen (S.  143). Deren Roman war eigentlich von Anfang an  der Favorit, der aber am Schluss zum Opfer der Leidenschaft geworden ist, die sie allein mit ihrer anmutigen, starken Persönlichkeit und ihrer Schönheit verbreitete. Sogar der sonst so verhaltene Chrysikos kann ihrem Zauber nicht entfliehen. Es folgt eine stark erotische Liebesszene zwischen ihm und Nina Daneva, ein Höhepunkt der knisternden Atmosphäre zwischen den beiden, elegant und stark emotional dargestellt, aber ohne jeglichen Eindruck schindende Absicht, ein Schmuckkapitel der verhängnisvoll auslaufenden Entwicklung.

Unerwarteter Gewinner des Wettbewerbs ist danach der türkische Beitrag, ein harmloser,  eher kitschiger Titel mit folkloristischem Inhalt, eine Notlösung und eben alles andere als was die fortschrittlichen Teilnehmer erwartet oder sich erhofft hatten. 

Der Roman von D. K. endet wie er angefangen hatte, unspektakulär, eine Momentaufnahme einer Zeitgeschichte, wo die Wirklichkeit dem Mythos obliegt, ohne ein „optimistisches“ Ende und ohne zukunftsweisende Tendenzen. Wie eben die Menschheitsgeschichte ist. Was den Balkan betrifft: … Des Nachts, sagte Petia, sehe ich, wie die Kirschen ungepflückt von den Bäumen herunter fallen wie Tränen, und wenn sie die Erde erreichen, wie sie zu Blut werden: Die ganze  Ebene ist überflutet vom Blut, und dann höre ich die Kirschbäume flüstern: Du siehst, wir weinen nicht um das Vergangene,  um das Zukünftige weinen wir (S. 166). Und was Makedonien betrifft: Das ist  ein Land des verkrüppelten Zaubers, ein Land der geschändeten Geheimnisse.(S. 31)

Dimosthenis Kurtovik hat in 35 Kapiteln – mit  einem gesonderten, einführenden oder auch nachtragenden Kapitel - fünf Tage eines makedonischen Mythos und einer Wirklichkeit  mit Höhepunkten geschaffen, welche die ganze Breite der Problematik, aber auch der Schönheit der Verschiedenheiten skizziert, analysiert, interessant und packend darstellt. Ein wirklich neuartiges griechisches Buch, das repräsentativ sein dürfte für die neueste Produktion der neugriechischen Literatur.  

Dimosthenis Kurtovik,
„Was suchen die Barbaren“
(Athen, Ellinika Grammata, 2008)

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