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Pavlos Tzermias - Nikos Kazantzakis - Odyssee

  734 Wörter 3 Minuten
2017-03-25 2017-04-24 25.03.2017 595 × gelesen

Weltweit berühmt gemacht haben Nikos Kazantzakis seine Romane (das autobiographische Werk „Rechenschaft vor El Greco eingeschlossen), die er relativ spät in seinem Leben, nach 1940, verfasst hat. Seine „Griechische Passion“ (der griechische Originaltitel lautet „Christus wird wieder gekreuzigt“) wurde von Jules Dassin unter dem Titel „Celui Qui Doit Mourir“ verfilmt, sein Roman „Alexis Sorbas“ postum von Michael Cacoyannis mit Anthony Quinn auf die Leinwand gebracht. Und nicht zu vergessen: Der umstrittene Film „The Last Temptation of Christ“ von Martin Scorcese. Doch Kazantzakis‘ schriftstellerische Tätigkeit beschränkt sich nicht auf eine literarische Gattung. Neben den Romanen schrieb er unter anderem Erzählungen, Biographien, Reiseberichte, Theaterstücke, journalistische Texte und Schulbücher und verfasste Übersetzungen literarischer, wissenschaftlicher und philosophischer Prosa- und Vers-Werke. Sein monumentales, aus 33333 fünfzehnsilbigen Versen bestehendes Epos „Odyssee“ hielt Kazantzakis, der sich eher als Dichter und Denker denn als Schriftsteller sah, für sein Lebenswerk. Einen großen Teil des Schaffens von Kazantzakis kennt das breite Lesepublikum nicht, sagt der international renommierte Gelehrte Pavlos Tzermias (Jahrgang 1925), Korrespondierendes Mitglied der Athener Akademie, Byzantinist und Neogräzist, Verfasser zahlreicher Bücher und Abhandlungen über Griechenlands Geschichte und Kultur – und profunder Kenner von Leben und Werk Kazantzakis‘. In seinem in der Sedones-Reihe des Verlags Balistier erschienenen lesenswerten Buch „Nikos Kazantzakis‘ Odyssee“ beleuchtet Pavlos Tzermias bestimmte Aspekte und bisher unerforschte Seiten des geistigen Weges von Kazantzakis, der, so Tzermias, „eine faszinierende Odyssee darstellt“. „Über Kazantzakis wurde und wird viel gesprochen und geschrieben. Doch sehr oft wird seine Leistung eindimensional und somit verzerrt dargestellt. In manchem Fall geschieht dies im Zuge einer Mythisierung beziehungsweise Dämonisierung des Dichters und Denkers. Das hängt mit der Polyvalenz seiner Schöpfung zusammen“, stellt Pavlos Tzermias, der sich seit seiner Jugend mit dem am 18. Februar 1883 in Iraklion (Kreta) geborenen und am 26. Oktober 1857 in Freiburg i. Br. gestorbenen Dichter und Schriftsteller befasst, in seinem Vorwort fest. Diese Polyvalenz und die daraus entstehenden Antinomien aufzuzeigen, sei, so Tzermias, ein Hauptanliegen seines Buches. Die formale und inhaltliche Vielfalt der Schöpfung Kazantzakis‘, die beeindrucke und irritiere zugleich, hängt für Tzermias mit seinem bewegten Lebenslauf eng zusammen. „Ich bin Anhänger der Reinsprache (Katharevusa) gewesen, Nationalist, Verfechter der Volkssprache (Dimotiki), Wissenschaftler, Dichter, Sozialist, Religionsfanatiker, Atheist, Ästhet, und nichts von alledem vermag mich zu täuschen“, schreibt Nikos Kazantzakis im April des Jahres 1923 in Berlin – und verdeutlicht verschiedene Entwicklungsphasen, die er durchmachte. Sein Leben war, so Tzermias, neben der Schriftstellerei sehr reich ausgefüllt: juristische Ausbildung in Athen (1902-1906), philosophische Studien in Paris (1907-1909), Tätigkeit als Generaldirektor an dem von dem berühmten griechischen Staatsmann Eleftherios Venizelos neu gegründeten Fürsorgeministeriums, zahlreiche Reisen, Mitwirkung an der liberalen Regierung Themistoklis Sofoulis als Minister ohne Portefeuille (1945), Dienst bei der Unesco (1947-1948). Pavlos Tzermias zeigt in seinem Buch interessante Parallelen und Kontraste zwischen Leben und Werk Kazantzakis‘ wie auch im Vergleich mit anderen Dichtern und Schriftstellern auf – ein eigenes Kapitel ist seiner Freundschaft mit Pantelis Prevelakis gewidmet -, schildert Kazantzakis‘ Ringen, „Stufe um Stufe emporzusteigen und so hoch zu gelangen, wie Kraft und Trotz es führen könnten“, zeigt den Dualismus auf, der sich in der Philosophie Kazantzakis‘ offenbart, der Gegensatz zwischen Materie und Geist, Körper und Seele, Tod und Unsterblichkeit. Pavlos Tzermias spannt den Bogen von der Abhandlung über Friedrich Nietzsche, die Kazantzakis als Jugendlicher verfasst hat und in der es um „die erschreckende Kluft zwischen Moral und Naturwissenschaft“ geht, über die „Griechische Passion“, in der die Gerechtigkeitsfrage eine bedeutende Stellung einnimmt, bis hin zu der Tragödie „Konstantinos Paläologos“, mit der sich Kazantzakis in den Jahren von 1944 bis 1953 befasste und die nach Meinung von Pavlos Tzermias „auch sein eigenes, sein höchstpersönliches Drama“ sei. Bei Kazantzakis „sind Künstler und Denker eins“, stellt Tzermias fest, dies gelte „insbesondere für jene seiner Werke, die sein Ringen mit rechts- und sozialphilosophischen Problemen offenbaren, und verhehlt auch nicht, dass bei Kazantzakis das geistige Abenteuer „manchmal auch eine Irrfahrt“ gewesen sei. Tzermias‘ interessante und hintergründigen Ausführungen räumen auf mit dem lückenhaften und einseitigen, nicht selten auch verzerrten Bild von Nikos Kazantzakis und regen den Leser an, sich nicht nur mit den Romanen des großen Schriftstellers und Kreters zu beschäftigen. Abschließend sei noch auf etwas hingewiesen, das manche Leser in Deutschland irritieren könnte: Der Verlag verwendet in dem Buch die in der Schweiz übliche Schreibweise, die das ß nicht verwendet.

Pavlos Tzermias: Nikos Kazantzakis‘ Odyssee. Unbekannte Aspekte des geistigen Weges eines berühmten Kreters.
Band 11 der Reihe Sedones. Verlag Dr. Thomas Balistier, Mähringen.
158 Seiten. 14,80 Euro.
ISBN 978-3-937108-14-8.