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Frank Teichmann - Die griechischen Mysterien - Quellen für ein Verständnis des Christentums

  1.700 Wörter 6 Minuten
2017-03-25 2017-04-24 25.03.2017 296 × gelesen

Als der byzantinische Kaiser Theodosius gegen Ende des 4. nachchristlichen Jahrunderts befahl, die Mysterienstätte von Eleusis als unzeitgemäß gewordene heidnische Institution schließen zu lassen, bekam er von dem damaligen Statthalter Griechenlands eine unerwartete Anrwort. Dieser erklärte dem Kaiser frei heraus, dass ein solches Unterfangen auszuführen ganz unmöglich sei, denn man habe ihm versichert, wenn es die Mysterien von Eleusis nicht mehr gebe, würde den Griechen mit einem Male ihr Leben auf der Welt nicht mehr lebenswert erscheinen.

Wen diese Antwort noch heute überrascht, der hat offenbar keinen Begriff von der Bedeutung der griechischen Mysterienstätten für die gesamte Kultur der Hellenen. Von dort empfing man nicht nur alle wichtigen Dinge für die Einrichtung und Durchführung eines religiösen Kultes, wo immer und wann immer dieser auch gefeiert wurde. Es fanden dort außerdem noch andere, offenbar überaus wichtige Dinge statt, welche die sonst so öffentliche, demokratische und zuweilen sogar redselige Kultur Griechenlands die gesamte Zeit ihres Bestehens über noch bis in die Zeiten kulturellen Abstiegs niemals der Öffentlichkeit preisgegeben hat. Die Mysterien von Eleusis oder von Samothrake umgab eine Aura oder vielmehr ein Mantel, man möchte fast sagen, ein Panzer undurchdringlichen Geheimnisses. Wer auch nur versehentlich etwas aus den Mysterien ausplauderte, hatte damit schon sein Todesurteil gesprochen. Einen schlaglichtartigen Endruck von dieser für heutige Begriffe unerbittlichen Strenge vermittelt der antike Bericht von den ahnungslosen Griechenlandreisenden, die unfreiwillig in die Mysterienprozession von Athen nach Eleusis geraten waren, sich durch ihre Fragen verrieten und ohne Umschweife hingerichtet wurden. Der Komödiendichter Aristophanes, dem vorgeworfen wurde, er parodiere in seinen Stücken geheime Vorgänge aus den eleusinischen Mysterien, entging nur deshalb knapp dem Tode, weil er nachweisen konnte, nicht in Eleusis eingeweiht worden zu sein.

Die wenigen Zeugnisse und bruchstückhaften Hinweise, die wir heute zumeist aus christlichen Quellen über das Innere der Mysterienstätten haben, sind bei weitem nicht ausreichend, um sich ein leichtes Bild von den dortigen Vorgängen zu machen. Was bei der Recherche und der Interpretation dieser Dokumente aber vor allem beachtet werden muss, ist die kluge, weil unverfängliche Bemerkung des Aristoteles, in den Mysterien gehe es nicht um ein Wissen (mathein), sondern um eine Erfahrung (pathein). Das bedeutet nämlich nichts anderes, als dass jede äußerliche Beschreibung der dort sichtbaren Dinge solange unverständlich oder sogar irreführend sein muss, solange man nicht die besondere seelische Verfassung kennt, in der diejenigen waren, die in die Mysterien eingeweiht wurden. Selbst ein damaliger Zeitgenosse hätte ohne entsprechende Vorbereitung nicht verstanden, was dort eigentlich vor sich geht - und schon dies mag ein wichtiger sachlicher Grund dafür gewesen sein, der Außenwelt nichts von den dortigen Vorgängen zu eröffnen.

In der Literatur der letzten Jahre tauchen immer wieder Versuche auf, die Mysterienerlebnisse auf den Einsatz psychogener Drogen zurückzuführen, was vor allem durch die überkommene Nachricht von der Verabreichung eines kykeon genannten Trankes wahrscheinlich gemacht werden soll. Das grundsätzliche Problem solcher Deutungen ist jedoch, dass man dabei keine klare Vorstellung vom Bewusstsein der Griechen zugrundelegt, sondern das eher verschwommene Bild einer gutgläubigen Masse, die nicht zwischen Illusion und Wirklichkeit unterscheiden kann und sich durch den Hokuspokus einer machtgierigen Elite offenbar jahrhundertelang an der Nase herumführen ließ – eine Projektion, deren Herkunft aus den soziologischen Verhältnissen der Medienwelt des 20. Jahrhunderts unübersehbar ist.

Blickt man sich vor Ort um, wird man eines Besseren belehrt: Als der Athener Sokrates, traditionell gern als der wohl rationalistischste aller Griechen gerühmt, der nichts für wahr gelten ließ, das er nicht selbst als wahr erkannt hatte, sich vor dem Athener Gericht wegen der Anschuldigung verteidigen musste, er verführe mit seinem subversiven Fragen die Jugend, begründete er sein Tun damit, dass ihm Apollon immer wieder im Traum und auf alle mögliche Weise erschienen sei und ihn aufgefordert habe, der Stadt Athen durch sein insistierendes Fragen zu helfen, und er schließt ab: „Mir aber ist dieses, wie ich behaupte, von dem Gotte auferlegt zu tun, durch Orakel und Träume und auf jede Weise wie nur je göttliche Schickung einem Menschen etwas auferlegt hat zu tun.“

Diese lebendige, schicksalsprägende Beziehung zu den Göttern, selbst bei dem wohl kritischsten aller Griechen, ist das verschüttete oder zumindest an den Rand gedrängte Grundproblem aller modernen Geschichtswissenschaften, denn je mehr über die Beziehung der Griechen zu ihren Göttern publiziert wird, desto weniger findet man auch einmal die Frage behandelt, was es mit der Realität dieser Götter eigentlich für eine Bewandtnis gehabt haben könnte, wenn sie denn nicht der illusionäre Schaum halluzinogener Drogen sind Diese unangenehme Frage vermeiden nicht nur die Atheisten unter den modernen Geschichtswissenschaftlern, sondern auch diejenigen, die aufgrund ihres religiösen Bekenntnisses eigentlich kein grundsätzliches Problem mit der Existenz übernatürlicher Wesen haben sollten.

Der vor wenigen Monaten verstorbene Ägyptologe und Kulturwissenschaftler Frank Teichmann hat in seinem letzten, bis auf die beiden Abschlusskapitel noch vollendeten Werk über die griechischen Mysterien versucht, diese so zentrale wie rätselvolle Institution der hellenischen Kultur aus ihrer Zeit und dem Bewusstsein der damaligen Menschen heraus verständlich zu machen. Das Buch ist der Nachfolger seines acht Jahre zuvor erschienenen Bandes über die altägyptischen Mysterien, welcher die Ägyptologenzunft immerhin erstmals dazu veranlasste, auf einem öffentlichen Kongress die Frage nach den spirituellen Hintergründen der ägyptischen Kultur ernsthaft zu diskutieren. Ungeachtet der schmalen Ergebnisse dieses Kongresses bleibt die Frage virulent, wenn die Forscher sich auch zumeist im Allgemeinen darüber einig sind, dass die Menschen der Antike nicht dieselbe Seelenlage wie der heutige Mensch hatten.

„So unbestritten dieser Unterschied der Seelenlage eines alten Griechen im Vergleich zu uns auch ist, so wenig werden die Konsequenzen daraus gezogen. Denn wenn wir die Welten, die dem Griechen besonders wichtig gewesen sind und von denen sein Dasein abhing, nicht mehr wahrnehmen können, weil uns die Organe dafür fehlen, dann wird es schwierig für uns, seine Kultur überhaupt zu verstehen. Und genau das ist gegenwärtig zu erleben. [...] Durch die Vorherrschaft der Naturwissenschaften in unserer Zeit hat man sich immer mehr daran gewöhnt, nur die Sinnesseite der Welt als real gelten zu lassen und all das zu bezweifeln, was den Sinnen nicht zugänglich ist. Forscher, die diesem Trend unreflektiert folgen, werden daher immer unsicher, wenn in alten Texten von Göttern, Geistern oder Engeln die Rede ist. Man ‚glaubt’ sie dann nicht mehr ernst nehmen zu können, ohne sich zu fragen, ob diese Erlebnisse den früheren Menschen nicht etwa genauso real erschienen sind wie uns irgendein Sinneserlebnis.“

Während sich in der Gegenwart die Berichte von Menschen häufen, die von Begegnungen mit Engeln und den verschiedenartigsten Geist- und Naturwesen erzählen, tut sich die Naturwissenschaft und die von dort her geprägten Geisteswissenschaften schwer, einen wissenschaftlichen Zugang zu diesen Phänomenen zu finden. Teichmann orientiert sich bei seiner Arbeit an den Werken und Perspektiven Rudolf Steiners, der im ersten Viertel des 20. Jahrhundert eine Geisteswissenschaft zu begründen versuchte, welche sich zur Aufgabe setzt, übersinnliche Phänomene und Erfahrungen mit wissenschaftlichem Bewusstsein aufzusuchen, zu erfassen und zu verarbeiten. Während die Ergebnisse von Steiners Forschungen in den Produkten der anthroposophischen Medizin und Landwirtschaft heute schon zum traditionellen Bestand der modernen Reformkultur gehören, sind die dort entwickelten Perspektiven zur Geschichtsforschung weitgehend unbekannt.

Teichmann eröffnen sich jedoch durch diesen Hintergrund neue Zugänge zu der Frage, auf welchen Wegen man von den verborgenen Dingen der Vergangenheit wissen kann, und er kann damit konkret auch die Stellen neu ins Auge fassen, an denen die Griechen selbst von vergangenen Ereignissen berichteten wie es Homer jedesmal tut, wenn er am Beginn der Ilias und der Odyssee nicht seine persönlichen Erinnerungen oder Dokumente erwähnt, sondern die Musen anruft: „...denn ihr seid Göttinnen und seid zugegen bei allem und wisst alles – Wir aber hören nur die Kunde und wissen gar nichts.“ Bis weit in vorgriechische Zeiten ausgreifend betrachtet Teichmann so nach einer allgemeinen Charakteristik der antiken griechischen Kultur zunächst noch einmal die Eigenart der altägyptischen Mysterien in ihrer Beziehung zum Lauf der Sonne durch die Tag- und die Nachtseite der Welt. Denn gerade von dort her bekommen viele Details des vorderasiatischen Artemiskultes von Ephesus, den er mit Steiner als einen frühen Mysterienkult betrachtet, auf überraschende Weise ihren Sinn. Darüber hinaus schildert ein eigenes Kapitel, inwiefern sich wichtige Motive der Philosophie Heraklits von Ephesus aus diesen Hintergründen heraus verstehen lassen, nicht ohne Seitenblick auf die modernen Versuche Eugen Finks und Martin Heideggers, dem Denken Heraklits in die Tiefe ihres Ursprungs zu folgen. Vor allem aber die innere Linie, die von der Mysterienstätte über die Zeit der griechische Philosophie zu dem führt, was man über Johannes und Maria in Ephesus weiß, wird von Teichmann detailliert und überzeugend herauszuarbeiten versucht.

Die zweite Hälfte des großformatigen, reich mit eigenen Aufnahmen des Verfassers ausgestatteten Bandes widmet sich Eleusis als „Blüte“ sowie Samothrake als „Frucht“ des griechischen Mysterienwesens. Auch hier wendet der Autor immer wieder zum einen den Blick nach Ägypten zurück und zum anderen hin auf das Denken der berühmten greiechischen Denker, die mit den Mysterien offenbar eng verbunden waren – bei Eleusis Platon und bei Samothrake Aristoteles. So kann Teichmann bis in viele Einzelheiten hinein die Gründe dafür aufzeigen, inwiefern die Geburt und rasante Entwicklung der griechischen Philosophe keineswegs eine Gegenbewegung zu den Quellen der griechischen Kulte darstellt, sondern – wie zuvor schon bei Sokrates gehört - eine letztlich von den Mysterienstätten aus bewusst angeregte Entwicklung.

Wer sich in die lebendige, immer wieder zu eigenen weiterführenden Gedanken anregende Lektüre des Werkes eingelesen hat, wird es am Ende des Bandes besonders schmerzlich empfinden, dass Teichmann die beiden letzten Kapitel – über die Beziehung des frühen Christentums zu den Mysterien sowie über die Wiederentdeckung der antiken Mysterien im deutschen Idealismus – nicht mehr selbst hat ausarbeiten können. Seine Frau hat jedoch aus ihren Erinnerungen an die Kurse und Vorträge ihres Mannes über diese Themen eine Skizze der darin angelegten Grundgedanken zu geben versucht. Mit diesen Besonderheiten ist der Grundcharakter dieser Arbeit, vielleicht aller Arbeiten Teichmanns auf dem Gebiet der Kulturgeschichte zugleich wohl am besten bezeichnet: Überall sind es neue, noch lange nicht zuende gegangene Denkwege, zuweilen nur als Plan oder Skizze, jedoch stets mit der Zuversicht begonnen, dass andere Menschen kommen und diese Gedanken weiterdenken können. Wer sich auf der Basis wohlfundierter Kenntnisse auch einmal den Geheimnissen und Rätseln der griechischen Kultur zuwenden will und dabei keine Angst vor ungewohnten Zugängen hat, dem sei Teichmanns sorgfältig hergestelles Buch rundum empfohlen.

Frank Teichmann, Die griechischen Mysterien. Quellen für ein Verständnis des Christentums.
Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2007
280 S. mit 247 Abb. und Register
ISBN 978-3-7725-0911-7

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