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Ein literarischer Streifzug durch griechische Landschaft

  5.977 Wörter 21 Minuten
2017-03-03 2017-04-24 03.03.2017 536 × gelesen

Geistig verödet, wer seine Wurzeln kappt, sinngemäß so hat sich Günther Grass letztens in Sachen Griechenland zu Wort gemeldet. Also dann lassen Sie mich zur Begrüßung ein Blümelein überreichen, das auch auf griechischem Boden Wurzeln geschlagen hat.

Επί πάντων των ορέων
ησυχία βασιλεύει.
Επί των κλαδίσκων πλέον
ούτε φύλλον δεν σαλεύει.
Τα πτηνά ταίρι ταίρι
κοιμώνται σιγά κ’ ευτυχή
Ω, καρτέρει, καρτέρει,
και συ θα κοιμάσ’ εν βραχεί.

Das ist, - wem sage ich‘s? - Goethes „Über allen Gipfeln ist Ruh“, in der Übersetzung von Georgios M. Bizyenos (1850 – 1896). Der Übersetzer, dieser Georg, stammt, wie sein Name verrät, aus Bizye, einem mit heilenden Quellen gesegneten Städtchen im europäischen Teil der Türkei. Dort wurde er als Armeleutekind geboren, gestorben ist er in Athen als Professor für Psychologie. Dieses Fach hatte er in Deutschland studiert, drei Semester auch hier in Leipzig bei Wilhelm Wundt, von dem Max Klinger eine Porträtbüste geschaffen hat (wie aus diesem Reclam-Taschenbuch zu erfahren ist). Vielleicht ist der hochberühmte Gelehrte, dem es die Psychologie verdankt, zu einer eigenständigen Wissenschaftsdisziplin geworden zu sein, ja sogar mit seinem griechischen Schüler hier in diesen Räumen gewesen.
Bizyenos hat seinen Doktor in Göttingen gemacht. Daran erinnert eine erst unlängst an dessen einstiger Unterkunft angebrachte Gedenktafel. Die Dissertation zum Thema „Das Kinderspiel in Bezug auf Psychologie und Pädagogik“ hat ein Leipziger Verlag gedruckt, 1881, die Verlags- Sortiments- und Commissions-Buch- und Musikalien-Handlung Heinrich Matthes in der Schillerstrasse 5. In die griechische Literaturgeschichte eingegangen ist Bizyenos als derjenige, der die Kurzgeschichte zur Geltung gebracht hat. Es mussten allerdings über hundert Jahre vergehen, um herauszufinden, dass diese Kurzgeschichten auch auf Deutsch einen Effekt machen. 2003 ist die Meisternovelle Moskow-Selim erschienen, „übersetzt mit Unterstützung des Griechischen Ministeriums für Kultur“. Und das ist Antikriegsliteratur erster Garnitur. Beschrieben wird, wie ein gläubiger Muselmane im Bewusstsein aufwächst, die Russen, das sind die Erzfeinde. Kein Halten gibt es für ihn, als sein Sultan die Fanfaren blasen lässt. Selbst Grabsteine hätten sich damals freiwillig zu Rekruten gemeldet, heißt es in diesem Text. Unser Muselmane hat Glück, er wird lediglich verwundet und gerät in Gefangenschaft. Von den Christgläubigen erfährt er da mitmenschliche Zuwendung, wie er sie von den eigenen Glaubensbrüdern in dieser Weise noch nie erlebt hat. Also jammert er nach Rückkehr in sein heimatliches Dorf bei jeder Misshelligkeit los: „Ach, wenn doch nur die Russen kämen, dann würde alles viel besser.“
So skurril das klingt: erst kürzlich hat der legendäre Manolis Glezos verlangt, Griechenland solle sich aus der Brüsseler Umklammerung lösen und sich unter den Schutzschirm Moskaus stellen. Was eigentlich nur besagt, dass die europäische Identität aus Athener Sicht eben nicht unbedingt identisch ist mit der aus hiesiger Sicht.
Der Antikriegsgeschichte Moskow Selim folgte wenig später die Taschenbuchausgabe zweier weiterer Erzählungen. Die eine davon ist die Beschreibung einer Harzreise. Bizyenos ist auf den Spuren Heines und Goethes von Clausthal-Zellerfeld aus auf den Brocken gewandert. Die Übersetzung von „Über allen Gipfeln ist Ruh“ hat er in seine Harzreise eingebaut und dabei kurzerhand den Kickelhahn mit dem Brocken ausgetauscht. Auf einer Glastafel im Goethehäuschen oben auf dem Kickelhahn, dem Hausberg von Ilmenau, sind rund zwei Dutzend Übersetzungen von „Über allen Gipfeln ist Ruh“ zu lesen. Die griechische Version, die dort steht, stammt von Nikolaos G. Politis (1852-1921). Wem von beiden die griechische Erstübersetzung zuzuschreiben ist, war bei der Klassikstiftung Weimar leider nicht in Erfahrung zu bringen.
Mir ist das Goethehäuschen von klein auf vertraut. Ilmenau ist meine Heimat. Als kleiner Junge bin ich nach dem Krieg allerdings die 861 m auf den Berg da „nauf“ gestiefelt, um Heidelbeeren oder Bucheckern zu sammeln, und nicht, um Gedichte auswendig zu lernen, schon gleich gar nicht auf Griechisch oder Neugriechisch. Eingeprägt hat sich mir immerhin, was Goethe in Zusammenhang mit „Wandrers Nachtlied“ in einem Brief vom 6.9.1780 an Charlotte von Stein schreibt, nämlich dass Kickelhahn „in einer wohlklingendern Sprache“ Alecktrüogallonax heißt (aus griech. altektryón für Hahn und lat. gallus für Gockel). Und natürlich verfolge ich das ganze Drumherum, ob dieses Alecktrüogallonax mit zu den Wortfindungen gehört, die eher für die Augen der Herzogin Anna Amalia als für die der Freifrau von Stein bestimmt waren, von der es heißt, dass ihr fremde Sprachen fremd gewesen sind.
Mir ist das Goethehäuschen Beispiel dafür, dass Literatur lebendig zu werden beginnt, wenn man sich aus der Bücherei heraus und zum Dichterort hin bewegt. Genau darum soll es im Folgenden beim Streifzug durch die griechische literarische Landschaft gehen. Ich starte auf Kreta, steuere danach Athen an und komme auch wieder auf Leipzig zurück. Denn was wäre Leipzig ohne seine Griechen? Das sind, wie das hiesige Amt für Statistik ausweist, per 31.12.2011 ganze 573 Personen mit griechischem Pass gewesen, dazu kommen 113 Personen, die den deutschen und den griechischen Pass haben. Wie viele Griechen im Laufe der Zeit zu waschechten Leipzigern geworden sind, das hat offensichtlich noch nie jemand gezählt.
Nach Kreta ging eine Reise erst im letzten Oktober, und zwar nach Kamilari, ein 45o-Seelen-Dorf ziemlich am Ende der Achse Heraklion - Matala. Matala an der Südspitze der Insel, wo Zeus als Stier mit der Europa auf seinem Rücken europäischen Boden betreten hat, um sich danach mit ihr in die Zeus-Höhle am Rande der Lasithi-Hochebene zu verkrümeln, dann freilich nicht mehr als Stier. Wir hatten in Kamilari die besten Wirtsleute, die man sich denken kann, Thanassis & Judith Ktistakis, sie, eine gebürtige Deutsche, ist seit langem eine waschechte Griechin. Aus dem Kretaführer im Bücherregal war zu erfahren, dass im benachbarten Ort Themos Kornaros (1.5.1909 Sivas – 10.12. 1970 Athen) zur Welt gekommen ist. Dieses Dorf mit schönem, rundum von Tavernen gesäumtem Platz, lädt ein zum Verweilen. Auf die Frage, το σπίτι του ποιητή Κορνάρου, που είναι; kam in fließendem Deutsch die Antwort: Jaja, da müssen Sie dort hinauf gehen, nur ein paar Schritte. Natürlich gabelte sich irgendwo die Straße, aber zu guter Letzt gerieten wir dann doch an eine freundliche Dorfbewohnerin, die mit uns aufs gesuchte Grundstück vordrang: ein bäuerliches Anwesen mit Wohnhaus und Nebengebäuden, alles gediegen aus Naturstein errichtet, vorteilhaft oben auf einem Hügel gelegen, allerdings seit ewigen Zeiten unbewohnt und alles total verfallen, der Garten total verwildert, ein ganz und gar trauriger Anblick.
Dieser Besuch gab dann daheim Anlass, sich den Kornaros vorzunehmen. Er ist mit einer Erzählung vertreten in einer Prosaanthologie, dem ersten Titel aus der neugriechischen Literatur bei Reclam nach 1945. Vorgefunden hatte ich bei meinem Verlagseintritt 1963 den Publikationsvorschlag einer Französin, die neugriechische Erzählungen aus dem Französischen ins Deutsche übersetzen wollte. Mit Marika Mineemi war jedoch eine Exilgriechin zur Hand, die an der Uni Leipzig Neugriechisch unterrichtet hatte und in Berlin am Akademieinstitut von Johannes Irmscher an einem größeren Arbeitsvorhaben zur Résistanceliteratur beteiligt war. Also wurde sie die Herausgeberin dieses Büchleins.
Zuletzt war ich auf den Namen Kornaros gestoßen bei Eberhard Rondholz, dem langjährigen Redakteur des WDR in Köln. Er hat ein Griechenlandporträt veröffentlicht, das sich wohltuend abhebt von den inzwischen zur Mode gewordenen Negativdarstellungen. Kornaros wird darin erwähnt als der Mann, der Falk Harnack in Athen geholfen hat, von der Wehrmacht weg und zu den Partisanen zu kommen. Falk Harnack hat nach 1945 eine Zeitlang bei der DEFA gearbeitet, hat da u.a. Arnold Zweigs „Das Beil von Wandsbek“ verfilmt und war danach in Westberlin tätig. Er selber hat sich mit 40jähriger Verspätung auf einer Tagung des Goethe-Instituts Thessaloniki geoutet, Deserteur gewesen zu sein. Über den Widerstand gegen Hitler in Athen ist im Allgemeinen relativ
wenig bekannt. In diesem Zusammenhang sei auf ein neues Buch hingewiesen, auch wenn Athen darin nur einen Nebenschauplatz darstellt: die Biografie über Melitta Schiller. Sie, als promovierte Flugzeugingenieurin und Testpilotin in Nazideutschland so etwas wie ein Superstar, war die Frau von Alexander Schenk Graf von Stauffenberg, der - wie Falk Harnack - in Athen stationiert war, nach dem 20. Juli 1944 u.a. im KZ Buchenwald interniert war, doch mit dem Leben davon kam und nach dem Krieg eine Zweitprofessur für Alte Geschichte an der Maximiliansuniversität München innehatte. Melitta von Stauffenberg hatte erreicht, für „deutschblütig“ erklärt zu werden, ihre Großeltern väterlicherseits besaßen in Leipzig in der Katharinenstraße eine Handelsniederlassung.
Wie sich zeigt, lassen sich von Kornaros aus vielfältige Fäden weiterspinnen. Er hatte 1933 debütiert mit einer Reportage über den heiligen Berg Athos. Dort hatte er sich umgetan nach der Methode Günter Wallraffs und danach Alkoholismus, Drogenabhängigkeit und Pädophilie ins Licht der Öffentlichkeit gerückt. Kein Wunder, dass sein Buch sofort nach Erscheinen verboten wurde. Trotzdem erscheint von Zeit zu Zeit ein Nachdruck. Eine Übersetzung ins Deutsche gibt es davon nicht.
1943 war Kornaros in die Fänge der Gestapo und in die berüchtigte Athener Folterhölle nach Chaidari geraten. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass Falk Harnack gemeinsam mit Dimitrios Hadzis den Verlag Volk und Welt auf dieses Buch aufmerksam gemacht hat. Die Reportage ist ein bleibendes Zeitdokument auch deshalb, weil man darin erfährt, wie es den aus Rhodos abtransportierten Juden bei ihrem Zwischenaufenthalt in Athen ergangen ist. Das war im August 1944, im September begann die Wehrmacht abzurücken.
Wenn man auf Kornaros zu sprechen kommt, dann darf man Jakovos Kambanellis nicht übergehen. Thematisch verwandt mit „Leben auf Widerruf“ von Kornaros ist das Buch, das Kambanellis über seine Haftzeit im KZ Mauthausen geschrieben hat. Ihm stand ein Falk Harnack offensichtlich nicht zu Gebote. So ist die deutsche Übersetzung erst mit 45jähriger Verspätung erschienen (fünf Jahre nach der englischen Übersetzung). Aber wenigstens hat Kambanellis diese Ausgabe noch erlebt, bevor er mit 88 Jahren am 29.3.2011 in Athen verstorben ist. Er gilt als Erneuerer des griechischen Theaters der Nachkriegszeit. Der Berliner Theaterregisseur Heinz-Uwe Haus (er hat sich einen Namen gemacht u.a. mit Brecht- Inszenierungen in Griechenland und auf Zypern) hatte Reclam eine Auswahl von Kambanellis-Einaktern zur Übersetzung vorgeschlagen. Dazu konnte sich der Verlag allerdings nicht durchringen.
Über das Zustandekommen oder Nichtzustandekommen neugriechischer Editionen bei Reclam nur so viel: In Leipzig wurden alles in allem pro Jahr 45 Neuerscheinungen herausgebracht, hinzukamen 65 Nachauflagen, in erster Linie die Schultexte. Ins Verlagsprogramm ließ sich bestenfalls aller drei bis vier Jahre ein neugriechischer Titel aufnehmen. Mein Lektoratsbereich umfasste außer der alt- und neugriechischen sowie der römischen und neulateinischen Literatur noch die arabischen und die asiatischen Literaturen mit Indien, China, Japan usw. Eine systematische Edition neugriechischer Literatur war da nicht zu leisten. In neugriechischer Literatur „baden“ konnte ich eigentlich erst, als ich nach 30 Jahren Reclamdasein unfreiwillig Frührentner geworden war. Und wenn dann bei Reisen ein Dichterort am Wege lag, wurde dort halt gemacht.
Martinengo heißt eine der Venezianischen Bastionen, die Heraklion am südwestlichen Stadtrand vorgelagert ist. Dort befindet sich mitten auf freiem Feld das Grab von Nikos Kazantzakis (1833 - 1957). Er war mit einigen Büchern sowohl auf den Index des Vatikans geraten, als auch von der griechisch-orthodoxen Kirche exkommuniziert worden, folglich blieb ihm ein Grab auf geweihter Erde versagt. Das Wort, das Sophokles seiner Antigone vor 2500 Jahren in den Mund gelegt hat, „nicht mit zu hassen, nein, mit zu lieben bin ich da“, diese Botschaft ist eben doch bis auf den heutigen Tag über weite Strecken auf der Strecke geblieben. Das Grabmal von Kazantzakis ziert ein schlichtes Holzkreuz. Was darunter auf einer Steinplatte steht, dieses „Ich hoffe nichts, ich fürchte nichts, ich bin frei“, sagt eigentlich nicht mehr und nicht Heraklion. Inschrift auf dem Kazantzakis-Grabmal weniger als: Wanderer, der Du hier vor diesem Kreuz stehst, solange du lebst, bist du deinen Hoffnungen und Ängsten unterworfen und folglich nicht frei. Doch lass Dich nicht schon zu Lebzeiten Deiner Ängste und Hoffnungen wegen zu einem toten Mann machen. Und kalkuliere immer ein - das Folgende ist allerdings kein Zitat frei nach Kazantzakis, sondern original Erich Loest, der aus eigenem Erleben weiß: „Die schlechteste Freiheit ist besser als der beste Knast.“ Erich Loest hat in seinem Roman „Ins offene Messer“ Athen zum Ort der Handlung gemacht, Athen in den Jahren der Militärdiktatur von 1967 bis 1974. Verhandelt wird darin das Thema Allmacht des Staates und Zivilcourage des einzelnen, durchgespielt mit am Beispiel von Theodorakis, wobei mit ihm kein anderer gemeint ist als Wolf Biermann. Das ist auch heute noch eine spannende Lektüre.
Der spannendste Ort im Leben von Kazantzakis war zweifellos das Dorf Prastova, südlich von dem wunderschönen Kardamili in der Mani, wo er sich als Bergwerksbetreiber versucht hat, die Episode, mit der er dann durch seinen „Alexis Sorbas“ den Durchbruch erreichte. Während der Kriegszeit hat Kazantzakis auf Ägina gelebt. 1946 hat er Griechenland verlassen, um zu Lebzeiten nie wieder zurückzukehren. Sein Wohnsitz war dann Antibes. Gestorben ist er mit 74 Jahren nach einer Chinareise in Freiburg im Breisgau. Zu seinen Lebzeiten hätte man Kazantzakis übrigens sogar hier in Leipzig über den Weg laufen können. An seine Frau schreibt er: „Leipzig ist hässlich und ganz geschäftig und laut. Einzig drei phantastische Bilder, eins von Lenbach und zwei von Böckhlin, versöhnen mit dieser Stadt“. Da fragt sich der Laie denn doch: „Nun sag, wie hast du’s mit der Literatur?“ Die Literatur hat nämlich das glatte Gegenteil: „Nun trat mir die Stadt selbst, mit ihren schönen, hohen und untereinander gleichen Gebäuden entgegen. Sie machte einen sehr guten Eindruck auf mich, und es ist nicht zu leugnen, dass sie überhaupt, besonders aber in stillen Momenten der Sonn- und Feiertage etwas Imposantes hat.“ Das ist ein weiteres Mal Goethe, in „Dichtung und Wahrheit“. Kazantzakis als Übersetzer des „Faust“ kannte sich bei Goethe bestens aus. Ob seine Äußerung über Leipzig eine Replik auf „Dichtung und Wahrheit“ ist, muss offen bleiben. Leipzig Anfang der 1920er Jahre gehörte jedenfalls zu den reichsten Städten Deutschlands und dürfte zwischenzeitlich um einiges imposanter geworden sein als zu Goethes Tagen.
Auch vor Leipzigs Haustür in Röcken ist Kazantzakis gewesen. In Paris hatte er über Friedrich Nietzsche und seine Bedeutung für die Rechtsgeschichte promoviert. Verständlich, dass er sehen wollte, wo der Mann herkam, mit dem er sich herumgeschlagen hatte. Wohler gefühlt als in Leipzig hat er sich über den Berg bei Oberwiesenthal weg, auf tschechischer Seite, in Boži Dar / Gottesgab. Da ist Kazantzakis zweimal für je ein Jahr gewesen, übrigens auf Zureden von Egon Erwin Kisch. Und was ihm der Aufenthalt bedeutet hat, verrät die unterm Datum vom 31. Mai 1932 deutsch verfasste Eintragung im Gästebuch seiner Wirtsleute: „Hier, in diesem begnadeten Haus von Herrn Filipp Kraus, habe ich zwei von den schönsten, ruhigsten und fruchtbarsten Jahren meines vielgereisten Lebens erlebt. Hier habe ich das größte Werk meines Lebens, die „Odyssee“ geschrieben. Hier haben meine Seele, mein Geist und mein Körper die höchste Harmonie erreicht. Dankbar bin ich der ganzen Familie Kraus. Dankbar bin ich den ewigen Tannen, dem gesunden, rohen Wind, dem mackellosen (sic) Schnee und den Erdmüttern, den Kühen mit ihrer heiligen Milch und den zweien schönäugigen Rehen, die dreimal vor mein Fenster kamen. Gott sei immer und immer mit dem ruhigen guten Haus des Herrn F. Kraus! Glück und Gesundheit und Liebe und Reichtum auf den vier Seelen, die das Haus beleuchten! Auf Wiedersehen! Dr. Nikos Kazantzakis, Grieche“. Ein Kreter, gewissermaßen ein Orientale, im Erzgebirge - das ist dann schon ein bisschen verkehrte Welt.
Kazantzakis kam, wie gesagt, in einem Januar nach Leipzig. Was kann man da Besseres tun, als in ein Museum zu gehen. Damals stand das Bildermuseum noch an der Stelle, wo jetzt das Gewandhaus aufragt. Und noch zu Zeiten fuhren die Straßenbahnen 10, 11 und 28 von der Goethestraße geradeaus weiter durch die Schillerstraße. An dieser Ecke ging es demgemäß besonders geschäftig und laut zu. Dennoch - es ist ein oft zitiertes Aper?u von Jannis Ritsos: In ein Museum geht nur, wer sich nicht in ein Bordell traut. Ritsos war kein Kulturbolschewist. Er lästert über Leute, die - sagen wir - in Mykene verzückt vorm Löwentor stehen bleiben, aber den Blick über den Zaun des Grabungsgeländes hinweg dann doch lieber bleiben lassen. Auf jemanden wie Kazantzakis trifft das freilich nicht zu. Was er über Mykene zu sagen hat, ist völlig unpathetisch. Bei ihm heißt es: „Hier ist die berüchtigte Metzgerei“ und hier ist gleichzeitig der Beweis dafür, dass „das Leben lebenslänglich“ ist, wo eben auch Ehebruch, Gattenmord und Tod vorkommen, wie das schon Aischylos in seiner Orestie wusste. Und das sagt er weiterhin: „Mehr als der Wein und mehr als die Liebe kann die Kunst den Menschen verlocken und narkotisieren. Sie, die Kunst, wertet die Pflicht um, versucht, das Vergängliche in Ewiges und menschliches Leid in Schönheit zu verwandeln. Was tut es schon, dass Troja zu Asche wurde und Priamos und sein Söhne fielen? Um wieviel ärmer wäre des Menschen Seele geblieben, wenn Troja glücklich fortbestanden hätte, ohne Homer die Gelegenheit gegeben zu haben, das Gemetzel in unsterbliche sechzehnsilbige Verse zu verwandeln? Eine Statue, ein Vers, eine Tragödie, ein Gemälde, das sind die großartigen Trophäen für uns Menschen. Sie sind aber zugleich am großartigsten und am gefährlichsten für das tägliche Leid des Menschen. Man verachtet ihretwegen die Sorgen um das tägliche Brot, sogar die Sorge um die Gerechtigkeit und vergisst, dass diese doch die Wurzeln sind, die jene unsterbliche Blume nähren.“
In den alltäglichen Dingen des Lebens die Welthaltigkeit sichtbar machen, das ist die große Kunst, die Jannis Ritsos (1. Mai 1909 in Monemvasia - 11. November 1990 in Athen) beherrschte. Das πολλά τα δεινά κ ουδέν ανθρώπου δεινότερον πέλει, das ist bei ihm zutiefst verwurzelt, nicht so sehr in der Lesart von Friedrich Hölderlin (Vieles Gewaltige lebt, nichts ist gewaltiger als der Mensch), sondern eher in der Lesart „Vieles Ungeheuerliche lebt, nichts ist ungeheuerlicher als der Mensch“. Ritsos war ein Feingeist, alles andere als ein Umstürzler, und er ist dennoch ärgsten Repressionen ausgesetzt gewesen. Im Mai 1984 hier in Leipzig haben wir ihn an zwei Tagen hochgestimmt erlebt. Ein Museum hat er da nicht betreten. Sein Besuchsprogramm war randvoll. Selbst einen Abstecher zur Thomaskirche musste der große Bach-Verehrer seiner Tochter Eri überlassen. Sein Besuch galt der Universität. Über diesen Besuch hat das Gründungsmitglied unseres Vereins Prof. Jürgen Werner einen Bericht verfertigt, daraus das Folgende: „Im Mai 1984 lasen im Gohliser Schlößchen Ritsos-Übersetzer und –Nachdichter aus seinem Oeuvre; anschließend bedankte sich der Dichter mit einer temperament- und geistvollen Rede über Poesie und Literaturwissenschaft sowie mit der Rezitation eines Gedichtes ‚Irini‘ (Frieden) in griechischer Sprache; dies tat er mit einem Nuancenreichtum, um den ihn mancher berufsmäßige Sprecher beneiden konnte. Einen Tag später wurde Ritsos im Alten Senatssaal der Universität in Anwesenheit des griechischen Botschafters mit der Ehrendoktorwürde der Alma mater lipsiensis ausgezeichnet, «in Würdigung seines reichen lyrischen, epischen und dramatischen Schaffens, das einen gewichtigen Beitrag zur Weltliteratur darstellt; in Anerkennung seiner unbeugsamen politischen Haltung auch in dunkelsten Zeiten der Geschichte; in Hervorhebung seiner vielfältigen Aktivitäten im Dienste der Freundschaft zwischen den Völkern». (Leipzig war, nach Saloniki und Birmingham, das dritte Neogräzistik-Zentrum, das Ritsos zum Dr. h.c. machte). Auch hier stattete der Dichter seinen Dank ab, ich zitiere Auszüge: ‚Heute ist ein großer Tag für mich. Und es ist ein eigenartiger Zufall: Die Universität Leipzig wurde 1409 gegründet, und ich wurde 1909 geboren, das heißt, 500 Jahre nach der Gründung der Universität ist der Tag meiner Geburt. Und in diesem Jahr, da Sie den 575. Jahrestag der Gründung der Leipziger Universität feiern, feiere ich meinen 75. Geburtstag, das heißt, ich bin in gewisser Weise ein Altersgenosse der Leipziger Universität, nur eben 500 Jahre jünger. Wenn wir aber die griechische Tradition dazurechnen, die, ob ich will oder nicht, nicht nur in meinem Empfinden, sondern auch in meinen Adern kreist, kann ich sagen, dass ich zwei bis drei Jahrtausende älter bin als die Universität Leipzig… Vergessen wir nicht, dass an dieser Universität ein Lessing, ein Leibniz, ein großer, ein sehr großer Goethe studiert haben. Den Titel eines Ehrendoktors haben hier wirklich große Dichter erhalten wie mein Freund Pablo Neruda, und ich betrachte es als große Ehre, das in der Liste der Ehrendoktoren ihrer Universität auch mein Name stehen wird.‘“
Das neogräzistische Potential, das sich an der Uni bot, hatte der Verlag von Anbeginn genutzt. Eine „Geschichte der griechischen Revolution vom Jahre 1821 bis zur Thronbesteigung des Königs Otto I.“ aus der Feder von Dr. Theodor Kind veröffentlichte das Literarische Museum, so hieß der Reclamverlag ursprünglich, im Jahre 1833. Die Begeisterung für das junge Polen und für das befreite Griechenland muss damals hier in Leipzig eine große gewesen sein. In den 1920/30er Jahren gab es mit Karl Dieterich einen Lehrstuhlinhaber für Byzantinistik und Neugriechisch, dem Reclam zwei Bändchen mit Erzählungen zu verdanken hat, zum einen von Andreas Karkawitzas (gewissermaßen der Emile Zola auf Griechisch) und zum anderen von Dimitrios Vikelas. (Und das ist jetzt mehr für slawistisch Interessierte bestimmt: Vikelas ins Deutsche übersetzt hat August Boltz, der ansonsten als Lermontow-Übersetzer ausgewiesen ist). Außer dass Vikelas Erzählungen geschrieben und auch Shakespeare übersetzt hat, war er zu seiner Zeit eine wahrhaft prominente Person. Nicht Pierre de Coubertin, sondern er war der erste Präsident des 1894 in Paris gegründeten Internationalen olympischen Komitees. Ihm blieb es auch vorbehalten, 1896 den ersten deutschen Vertreter (Willibald Gebhardt) in dieses Komitee zu holen, als das für Franzosen nach dem verlorenen Krieg von 1871 immer noch ein Problem darstellte.
Das Zusammenwirken von Universität und Reclamverlag in Sachen Neogräzistik erlebte mit dem Besuch von Ritsos zweifellos eine Sternstunde. Nun beginnt dessen Biografie natürlich nicht mit der Verleihung des Dr. h. c. in Leipzig. Geboren wurde er auf Monemvasia. Die Insel und die Stadt gleichen Namens spielten in byzantinischer Zeit eine bedeutende Rolle. Dieses Thema, und - nebenbei gesagt - auch was Monemvasia mit dem berühmten Malvasier zu tun hat, der Wein, der vor Zeiten vorzugsweise den Tafeln gekrönter Häupter vorbehalten blieb, dürfte durchaus nicht nur für Historiker von Interesse sein. Monemvasia ist heute eine Museumsstadt mit einem Fluidum ähnlich dem auf Mont St. Michel in der Normandie. Letztens bei einer Fernsehreportage geriet ausgerechnet Monemvasia ins Blickfeld. Gezeigt wurde ein Mann vorgerückten Alters mit schlimmen Hämatomen im Gesicht. Kein Tourist von der Art, hier lassen wir jetzt mal die Sau raus, sondern ein Holländer, der in Monemvasia seinen ständigen Wohnsicht hat und für einen Deutschen gehalten worden war. Das ist eine traurige Geschichte, die sich auch nicht bagatellisieren lässt, wenn man dagegen hält, dass bisher kein Deutscher als Terroropfer in Griechenland zu Tode gekommen ist, sondern ein Grieche hier in Deutschland.
Das Geburtshaus von Ritsos in Monemvasia ist im Gegensatz zum Bauernhaus von Kornaros ein Bürgerhaus, eine Villa, herausgehoben am Hang oberhalb des Stadttores auf einer Freifläche inmitten eines ansonsten dichtgedrängten Häuserkonglomerates. Anfang der 1990er Jahre war dieses Haus allerdings genauso wie das von Kornaros heute ein Haus des Verfalls: die Eingangstür zugemauert, der Putz bröckelte ab, die schmiedeeiserne Balkoneinfassung verrostete, im kleinen Garten hinter dem Haus war alles öde. Und das hatte dann schon Symbolgehalt. Für Ritsos bedeutete sein Geburtsort ein Ort der Vergänglichkeit: früher Tod der Mutter, Verlust des Vermögens durch die Spielleidenschaft seines Vaters, Tod des Vaters, Tod der geliebten Schwester, Erkrankung an TBC. Umso unwirklicher wirkte die Ritsos-Büste auf dem freien Platz vor dem Haus. Michalis Kassis hat einen Kopf geschaffen, das schmale Antlitz eines Mannes von Ende 30/Anfang 40, durchgeistigt, mit aufwärts, in die Ferne gerichtetem Blick, ziemlich heroisch, eine Idealgestalt. Bei einem späteren Besuch war das Haus in erneuertem Zustand zu sehen. Der Tourismusverband ist inzwischen um den berühmten Sohn der Stadt bemüht. Ritsos hat als seine letzte Ruhestätte nicht den Friedhof 1. Klasse in Athen gewählt, wo man am Eingang links gleich auf das pompöse Schliemann-Monument trifft und wo sich im weiten Areal auch die Gräber der beiden Nobelpreisträger Seferis und Elytis finden lassen. Die Ritsos-Grabstätte befindet sich auf geweihtem Boden vor den Mauern seiner Vaterstadt. Bei einem Gang dorthin, es war Mai, Ritsos‘ Geburtstag fiel auf den 1. Mai, waren auf dem sehr sorgsam gepflegten Friedhof außer frischen Blumen auf seinem Grab auch eine frische Apfelsine in Augenschein zu nehmen, eine doch etwas besondere Grabspende.
Vom Krimiautor Petros Markaris gibt es als Buch bei Hanser (2010) und als Dokumenarfilm bei 3sat eine Athen-Reportage. Beschrieben werden die Stationen entlang der S-Bahn, von Piräus, dem einen Ende, bis Kiphissia im Norden zum anderen Ende. Ein Halt ist auch Patissia. Man bekommt gesagt, dass in Ano Patissia die etwas wohlhabenderen Leute wohnen, während Kato Patissia als Arbeiterviertel gilt. Woran Markaris nicht erinnert: In Kato Patissia, in der Koraka 39, im 4. Stockwerk eines Mietshauses, hat Jannis Ritsos bis zu seinem Tod gewohnt. Von der Dachterrasse blickte man auf einen Schulhof herab. Da ging es, zumindest zeitweise, ziemlich laut zu, wie ich selber bezeugen kann.
Bei seinem Leipzig-Besuch war ein Pressendruck vereinbart worden. Ritsos gehörte zu den Doppelbegabungen wie Jean Cocteau, wie Günter Grass, er war Dichter und Zeichner. Zwei Radierungen von ihm sollten als Originaldrucke einer bibliophilen Ausgabe seines Poems „Das ungeheure Meisterwerk“ beigelegt werden. Gedruckt wurden die insgesamt 350 Blatt an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst. Zum Signieren mussten die Drucke zu Ritsos befördert werden. Und als wäre das damals die selbstverständlichste Sache von der Welt gewesen, durfte der Lektor mit dem Segen seines Chefs Dr. Hans Marquardt und mit einem Packen Büttenpapier im Handgepäck dann per Interflug nach Athen reisen. Für‘s Signieren waren 14 Tage verabredet, es blieb also Zeit für weitere Autorenbesuche: bei Mikis Theodorakis, Antonis Samarakis, Odysseas Elytis und bei der Witwe von Giorgos Seferis (29.2. bzw. 13.3.1900 - 20.9.1971). Ein Anruf von Ritsos bei ihr hatte mir das Entree verschafft. Die Entfernung zwischen Kato Patissia und Kolonaki, wo am Gegenhang des Olympiastadions die Seferis-Villa steht, war halbwegs zu Fuß zu bewältigen, aber dazwischen lagen Horizonte. Geplant war die Übersetzung einer Essay-Auswahl. Asteris Kutulas, Germanist aus der Leipziger Schule von Claus Träger, hatte eine Auswahl vorgelegt, sie fand Zustimmung, das war erst einmal das Wichtigste. Aber normalerweise erhielten wir für ein solches Projekt nicht die gesamtdeutschen Rechte, sondern immer nur die Übersetzungsrechte für die DDR. Das war das eine Problem, und das zweite: mit Devisen zum Erwerb der Übersetzungsrechte war der Verlag auch nicht sonderlich gesegnet. Die Lösung bestand darin, dass der Suhrkamp-Verlag unsere Ausgabe in Lizenz genommen hat. Rot als Farbe des Schutzumschlags für ein Buch ihres Mannes, das dürfte Maro Seferiadis jedoch nicht sonderlich gefallen haben. Weshalb? Das erschließt sich aus der Erklärung, mit der Seferis am 28. Oktober 1969 an die Öffentlichkeit gegangen ist: „Schon vor längerer Zeit habe ich den Entschluss gefasst, mich aus der Politik des Landes herauszuhalten. Ich habe schon früher versucht, es zu erklären – es bedeutet keineswegs, dass mir unser politisches Leben gleichgültig wäre. Dennoch fühle ich, seit Monaten, in mir selbst und in meiner Umgebung gebieterischer die Verpflichtung, ein Wort zu unserer gegenwärtigen Lage zu sagen. Was ich in aller gebotenen Kürze zu sagen hätte, wäre dies: Zwei volle Jahre sind vergangen, seit uns ein Regime aufgezwungen wurde, das so ganz und gar im Gegensatz zu den Idealen steht, für die unsere Welt, für die so glanzvoll auch unser Volk im letzten Weltkrieg gekämpft hat. Es ist ein Zustand der erzwungenen Lähmung, bei der all die geistigen Werte, die wir mit soviel Qual und Mühsal lebendig erhalten haben, im sumpfigen Morast zu versinken drohen. Gewiss, ich könnte verstehen, dass für manche Menschen derartige Schäden nicht allzu viel zählen. Doch ist das leider nicht die einzige Gefahr. Ich habe es gelernt und erfahren, dass in Diktaturen der Anfang leicht scheint, dass aber am Ende unabwendbar die Tragödie wartet. Es ist dieses tragische Ende, das uns quält, bewusst oder unbewusst, wie bei den uralten Chören des Aischylos. Je länger die Anomalie dauert, desto weiter schreitet das Verhängnis fort. Ich bin ein Mensch ohne jegliche politische Bindung, und ich spreche, das darf ich sagen, ohne Befangenheit. Ich sehe vor mir den Abgrund, in den uns die Unterdrückung führt, die auf dem Land lastet. Dieser unnatürliche Zustand muss beendet werden. Es ist nationales Gebot. Nun kehre ich in mein Schweigen zurück. Ich bitte Gott, er möge mich davor bewahren, noch einmal sprechen zu müssen.“
So ganz aus der Zeit fällt diese Erklärung ganz offenkundig ja auch heute nicht trotz der Unterschiede zwischen der Diktatur der Militärs von damals und der Diktatur der Banken gegenwärtig. Veranlassung für Seferis, wieder das Wort zu ergreifen, bestünde zur Genüge. Er stand sein Leben lang im diplomatischen Dienst und hat über diese Variante des Broterwerbs gesagt: „Du musst zur Mumie werden, um das auszuhalten.“ Ebenso hermetisch-resignativ und eher abweisend wie diese Mitteilung wirkte das Haus in der odos Aghras 20, allerdings lediglich von außen. Im Inneren tat sich ein ringsum abgeschirmter, sonnenheller Garten auf, in der Mitte ein dekorativer Bronzetisch mit allerlei edlem Schnickschnack darauf als Blickfang. Dort gab es eine Fotografierecke.
Und da ins geplante Buch ein Porträtfoto auf die Rückseite des Schmutztitels kommen sollte, kramte Maro Seferis aus einem Schreibtischfach Fotos heraus, auf denen in ebendieser Fotografierecke Berühmtheiten zu sehen waren: u.a. Ezra Pound und Henry Miller, beide gehörten zum Seferis-Kosmos ebenso wie Paul Valéry, Paul Claudel, Pierre Jean Jouve, T.S. Eliot und Edward Morgan Forster. Außer dem gewünschten Foto offerierte Maro Seferiadis noch einen Aschenbecher, zum Bewundern, gewissermaßen eine Reliquie. Olivenbauern hatten Seferis zu seinem 70. Geburtstag dieses Präsent überreicht: ein Monster, geschnitzt aus der Wurzel eines Olivenstamms, ein absoluter Fremdkörper in dieser Umgebung, aber ein Symbol dafür, dass Seferis nicht dem Elfenbeinturm verhaftet geblieben ist.
Als letzter Teil einer Tetralogie im antiken Theater kam jedesmal ein Satyrspiel auf die Bühne, die symbolische Fortsetzung des Wettstreits zwischen Apoll mit der Harfe und Marsyas mit der Flöte und mit dem blutrünstigen Ende, dass der edle Apoll als Sieger dieser Geschichte dem beklagenswerten Satyrn bei lebendigem Leibe die Haut abzieht. Also folgt nun nach Bizyenos, Kornaros, Kazantzakis, Ritsos, Seferis noch Thomas Nicolaou (7.7.1937 – 8.9.2008). Er, ein gewitzter Bursche, wohnte eine Zeitlang in Leipzig-Gohlis, „wo es einem wohl is(t)“. Und um ihn nicht zu übergehen: Georgios Aridas wohnte ebenfalls dort. Er hat für Reclam eine Sammlung von Volksmärchen und eine Sammlung von Volksliedern herausgegeben, beide Ausgaben hat Fotis Zaprasis mit Federzeichnungen versehen.
Thomas Nicolaou war zunächst der Herausgeber einer Anthologie neugriechischer Lyrik. Es war überhaupt kein Problem, Pablo Neruda zu einem Vorwort für dieses Büchlein zu gewinnen, das eine Ritsos-Gedichtzeile als Titel hat. Auf einen halbseitigen Brief hin kamen postwendend im Mai 1968 von der Isla Negra zwei Seiten Vorwort, worin es heißt: „Meinem Bruder Jannis Ritsos, allen, die da in den griechischen Kerkern leiden und kämpfen, unser bestes Wort.“ Das Engagement für ein freies Griechenland war damals weltweit und - das sei im Rückblick nicht vergessen - genauso weltweit waren bekanntlich auch die Sympathien für ein frühlingshafteres Prag. Diese Lyrikanthologie war in einer Auflagenhöhe von 10 Tsd. Exemplaren erschienen. Um hierzu einen anderen Titel in Beziehung zu setzen: Sophokles‘ „Antigone“ ist in den vierzig Jahren bis 1989 in 23 Auflagen mit insgesamt 425 Tsd. Exemplaren herausgekommen. Das ist eine stolze Zahl, zum anderen aber auch eine Zahl, die beklommen machen konnte in Zeiten, als es noch keine Reiseerlaubnis in dringenden Familienangelegenheiten gegeben hat, und das Gebot, du sollst deinen toten Bruder mit deinen eigenen Händen begraben, auf bedrucktem Papier stand.
Thomas Nicolaou war auch Herausgeber und Mitübersetzer der 1979 erschienenen Reclam-Edition von Jannis Ritsos, „Milos geschleift“ mit Illustrationen von Giacomo Manzù, Nachdichtungen von Heinz Czechowski, Margarete Hansmann und Hubert Witt und Nachworten von Günter Kunert zu Jannis Ritsos sowie von Fritz Cremer zu den Zeichnungen von Manzù. Als Lektor war man bei Reclam kein Einzelkämpfer. Die Titelgebung des Bandes ging auf den langjährigen Germanistiklektor Hubert Witt zurück. Titelfindungen gehören mit zu den sensibelsten Entscheidungen im Verlag. Anders als im Originaltitel das Substantiv ο αφανισμός της Μήλου (Der Untergang von Milos) nimmt das Verb „geschleift“ den Inhalt des Gedichtes präziser auf, intensiviert die Aussage, ist poetischer und nicht zuletzt auch werbewirksamer. Dieses Buch zählt zu den wichtigsten Titeln unter meiner Regie, und es bescherte mir das, wovon man als Lektor nur träumen konnte: mehrfache ausgedehnte Besuche im Atelier des Bildhauers Fritz Cremer und, ausgestattet mit Empfehlungsschreiben von ihm, eine Reise zu Giacomo Manzù. Vor der Fahrt von Rom nach Ardea natürlich der Gang zum Petersdom, um die Porta della morte zu sehen, an der Manzù über 7 Jahre gearbeitet hatte. Der Gekreuzigte ist da als Partisan und Pontius Pilatus als faschistischer General dargestellt. Für unser Buchprojekt war Manzù zu gewinnen gewesen, weil es von ihm bis dahin nur illustrierte Bücher in kleinster Auflage zu exorbitanten Preisen gegeben hat. Ein Buch mit einer Auflage von 5,5 Tsd. Exemplaren war für ihn etwas Besonderes. Zudem gingen eine Teilauflage an den Hanser-Verlag und eine Sublizenz fürs Taschenbuch an den Heyne-Verlag München. Und die Kombination, dass sich deutsche Verlage gemeinsam mit einem Italiener für einen griechischen Dichter engagierten, das war für Manzù durchaus von Belang.
Thomas Nicolaou hatte den ersten Kontakt zwischen Reclam und Ritsos vermittelt, später engagierte er sich stärker für den Verlag Volk und Welt. Eine unverhoffte Begegnung mit ihm gab es anlässlich einer Präsentation Βιβλια Τέχνης - Τέχνη για Βιβλία (Buch-Kunst / Kunst-Buch) des Reclam-Verlages Leipzig in den Goethe-Instituten Athen und in Thessaloniki im Jahre 1992, als die Nicolaous erst seit kurzem wieder auf heimischem Boden ansässig waren. Ein späterer Besuch in Ambeliko (ein Dorf unweit der Meteora-Klöster) bescherte mir das Erlebnis von gelebter Literatur, ganz nach einem Gedicht von Kostis Palamas (deutsch von Heinz Czechowski):

Die Väter
Verlasse den Garten, den du erbst,
nicht wie du empfangen ihn wirst. Grab tiefer
die Erde, mach fester den Zaun und vermehre
das Grün, und den Boden mach fruchtbarer noch.
Und dort, wo es wild wüchsig wuchert, beschneide
die Zweige. Ja, scheue dich nicht, von der Quelle
das Wasser zu tragen. Und wenn du gelernt hast,
die Arbeit und das Gesunde zu lieben,
verbrenn dann den Weihrauch, besprich, dass sie weichen,
die Geister. Und pflanze mit allem, was grün
und aufstrebend wächst, das Lebendige an.

Thomas Nicolaou hatte das lange Jahre unbewohnte Elternhaus wieder bewohnbar gemacht und einen Neubau daneben gesetzt, den Abhang zur Schlucht hinunter mit Stützmauern befestigt, terrassiert und bepflanzt, Wasserspeicher aufgestellt, um Trockenperioden überstehen zu können, und die bösen Geister hatte er auch besänftigt. Jedenfalls verriet er, wie dem bösen Blick zu begegnen sei, indem man mit der Rechten an die Wurzel des Lebens fasst und mit dem geballten Kraftstrom von dort über die Linke mit gegabeltem Zeige- und kleinem Finger das Böse abwehrt. 2008 stand im Rizospastis zu lesen, dass er am 8. September d.J. verstorben war. Der Heimatverein Ambeliko gab allerdings nicht den 8., sondern den 11. 9. als Todestag an. Schon über seinen Geburtstag existierte keine Gewissheit. Der 7. Juli war dem Flüchtlingskind bei seiner Registrierung in Dresden willkürlich und nicht nach der Gepflogenheit zugeteilt worden, dass der Namenstag ausschlaggebend sein sollte (für alle, die Thomas heißen, jeweils der erste Sonntag nach Ostern). Gewürdigt worden ist er vor allem als Übersetzer ins Deutsche. Er kann auf über 50 Übersetzungen verweisen, darunter Werke von Ritsos, Elytis, Samarakis, Alki Zeï, Kotsias, Walassis.
Einer, der sich ebenfalls als Übersetzer einen Namen gemacht hat, sei abschließend noch erwähnt: der Lyriker Alexandros Issaris (geb. 1941 in Serres). Für sein übersetzerisches Werk (Thomas Mann, Tonio Kröger; Klaus Mann, Ludwig. Novelle über den Tod von Ludwig II. von Bayern; Robert Musil, Die Verwirrungen des Zöglings Törleß. Das verzauberte Haus; Arthur Schnitzler, Flucht in die Finsternis. Novelle; Rainer Maria Rilke, Brief an einen jungen Dichter; Max Frisch, Andorra; Thomas Bernhardt, Beton.Roman; Peter Handke, Die Angst des Tormanns beim Elfmeter; die Texte von Bachs Matthäus-Passion, von Haydns Oratorium Die Schöpfung, die Libretti zu Beethovens Fidelio und Wagners Tristan und Isolde, von Wilhelm Müller, Die Wintereise, von Gustav Mahler die Lieder) ist er mehrfach ausgezeichnet worden. Ein Gedicht aus seiner Feder soll diesen literarischen Streifzug beschließen:

Johann Sebastian Bach
In Gottes Hand hat er sich begeben
des Firmamentes Schwingungen zu erlauschen
und Kathedralen wölbt er auf
die Eitelkeit der Welt zu bannen.
Kunstvoll die Bögen, die ins Ohr uns dringen
und in Alabaster gefügt die Strukturen,
die die Bögen der Erwartung stützen.
Menschen in großer Zahl werden gepeinigt von Furcht
aber wenn er ihnen naht
kehren sie sich nach innen und lächeln
als wandelten sie in Gärten aus Kristall
oder über Meerestiefen einer wuchernden Stille.
Engel umarmen Kindlein, um sie miteinander
auszusöhnen unterm Gebraus des „Gepriesen sei im Himmel.“
Statuen versinken in Fluten
und treten wieder hervor
erschreckt vom Blendlicht des Mittags. Er webt Musik
bewegt das Schiffchen im Einklag mit den Lebenden
 - ein Furioso strahlenden Bläserklangs -
um mit dem Langschwert die Zeit zu zertrümmern.

Was vermag die schöne Literatur in Zeiten existenzieller Bedrängnisse? - Könnte Literatur das Gegeneinander abblocken und ein Miteinander befördern, dann wäre das allein schon ein unschätzbarer Gewinn.