Neueste | Meistgesehene
Neueste | Meistgelesene



Kurt Roeske: Die verratene Liebe der Medea

  1.678 Wörter 6 Minuten
2017-02-14 2017-04-24 14.02.2017 713 × gelesen

Medea, die Frau, die ihren Mann maßlos liebt und schließlich maßlos hasst und um seinetwillen ihre Kinder tötet, die gegen eine patriarchalische Gesellschaft aufbegehrt, die als Fremde ihre Ausgrenzung nicht erträgt: Kaum eine andere Gestalt der griechischen Mythologie lebt in immer neuen Inszenierungen auf der Bühne und immer neuen Bearbeitungen in der Literatur weiter. “Immer neue Facetten werden an ihr entdeckt. Man kann sich mit ihr identifizieren oder von ihr abgestoßen fühlen“, stellt Kurt Roeske fest. Und: Medea, die Frau, die ihre Kinder tötet, lebt “mitten unter uns“; immer wieder sorgen Berichte über Kindstötungen durch Mütter für Schlagzeilen in den Medien.

Erstmals hat der griechische Dichter Euripides Medea zur Hauptfigur eines Dramas gemacht, das, so Kurt Roeske, “wie jedes große Kunstwerk, zu immer neuen Deutungen angeregt hat und anregt“. In seinem im Würzburger Verlag Königshausen & Neumann jetzt erschienenen Buch “Die verratene Liebe der Medea“ stellt Kurt Roeske nicht nur den Text der euripideischen Tragödie und Hilfen zu seinem Verständnis vor, sondern mit Texten von Seneca, Franz Grillparzer, Jean Anouilh, Hans Henny Jahnn, Mattias Braun, Christa Wolf und Neil LaBute auch Beispiele aus der Rezeptionsgeschichte.

Wie schon mit seinen bisherigen Büchern “Attika im Spiegel antiker Zeugnisse“, “Nachgefragt bei Sokrates“ und “Die späte Heimkehr des Odysseus“ will sich der Autor auch mit seinem jüngsten Werk nicht an den klassischen Philologen wenden, “sondern an den interessierten Laien, den Amateur im besten Sinne des Wortes, den Liebhaber der Antike und der Literatur - und die Liebhaberin“, wie es in der Einleitung des Buches heißt. Es gehe ihm bei seinen aus dem Unterricht am Gymnasium und in der Volkshochschule hervorgegangenen Büchern nicht darum, die Wissenschaft zu bereichern, vielmehr darum, “ihre Ergebnisse zu vermitteln - auch das freilich nur partiell“, stellt Roeske fest. Um es gleich vorweg zu sagen: Dies gelingt dem Autor, der 1933 in Potsdam geboren wurde und nach seinem Studium und mehrjähriger Tätigkeit als Lehrer für Griechisch Leiter eines Gymnasiums in Wiesbaden, der Deutschen Schule Athen (von 1979 bis 1986) und eines Gymnasiums in Mainz war, auf eine sehr lebendige Art und Weise.

In “Die verratene Liebe der Medea“ – lavierte Federzeichnungen von Evelyn Hermann-Schreiber ergänzen nicht nur die Ausführungen, sondern interpretieren sie - macht Roeske den Leser zunächst mit dem vermutlich um 485 auf der Insel Salamis geborenen und 406 gestorbenen Tragödiendichter Euripides und seiner Zeit sowie dem Dionysostheater vertraut: “Im 4. Jahrhundert wurde Euripides zum meistgespielten Tragödiendichter.

In Kolonien - Siedlungen, die von Auswanderern gegründet worden waren - war er schon zuvor bekannter und beliebter als in Athen. Euripides war zweimal verheiratet. Er hatte drei Söhne.“ Sein “Medea“-Stück setzt inmitten der tiefen zwischenmenschlichen Krise ein, in der sich Jason und seine Frau Medea befinden: Die Fahrt der Argonauten unter Jasons Führung, sein Kampf um das goldene Vlies und seine Liebe zu Medea sind zu Beginn der Tragödie Vergangenheit, all dies wird im Prolog zusammengefasst.

Euripides` Interesse gilt vor allem seiner Titelfigur. “Haus und Heimat, den Vater hat sie verlassen um des Mannes willen, der ihr nun Unrecht zufügt“, beschreibt Roeske die Situation, in der sich Medea befindet, nachdem Jason sie verlassen hat, um die Tochter des Königs Kreon zur Frau zu nehmen. “Hass beherrscht sie und der Gedanke an den Tod, ihren eigenen, den ihrer Kinder, Jasons, des ganzen Hauses, in das Jason hineinheiratet.“ Medea gehe es, so Roeske, nicht nur um sich selbst, vielmehr setze sie sich kritisch mit den herrschenden Verhältnissen auseinander, revoltiere gegen die ungleiche Wertung von Mann und Frau: “Wenn sie sich gegen die Missachtung, die sie von Jason erfährt, zur Wehr setzt, so tut sie das im Namen aller entrechteten Frauen.“ Den Vertreter einer Denkweise, deren Ziel die Nutzenmaximierung sei, sieht der Autor in Jason: “Die Jasons sterben nicht aus, in der Politik nicht und im Privatleben nicht“, schreibt Roeske. Habe Medea zuerst ihre Kinde töten wollen, um Jason zu strafen, so müsse sie, nachdem Kreon und seine Tochter durch sie gestorben sind, sie aus Liebe töten, “als Mutter, die sie vor dem Zugriff ihrer Feinde rettet“. Medea, die erst von Liebe, dann von Zorn beherrscht ist: Für Roeske hat Euripides Medea weitgehend entmythisiert.

Im weiteren Verlauf seines Buches zeigt er, wie der römische Dichter und Philosoph Lucius Annaeus Seneca oder der französische Dramatiker Jean Anouilh Medea gesehen haben: “Um die Welt, um Jason und Medea, Taten, Strafe und Buße geht es bei Seneca, um den Einzelnen und den Staat bei Anouilh.“ Franz Grillparzer ordne die Geschichte von Jason und Medea in einen metaphysischen Zusammenhang ein. “Ist die Medea Grillparzers den Menschen ein Gräuel und ein Schrecken, so ist die Medea Hans Henny Jahnns Schlimmeres noch: Sie ist verachtet wir ein Tier.“

Dagegen ist für Christa Wolf Medea im Recht: “Die Medea Christa Wolfs verweist auf ein Leben, das der Natur, der Wahrheit, der Liebe zugewandt ist“, stellt Roeske fest. Medea und Jason - das ist, so Roeske, “die Geschichte von Frau und Mann, Recht und Unrecht, Liebe und Kalkül, Autonomie und Abhängigkeit, fremd und einheimisch, vom Einzelnen und der Gemeinschaft, von Chaos und Ordnung, vom Traum des großen Glücks und der Realität bescheidenen Lebens“. Medea lebt weiter, in immer neuen Facetten, stellt Roeske abschließend in seinem fesselnd geschriebenen Buch fest. Erklärungen von antiken Namen und Begriffen sowie Literaturhinweise komplettieren das Werk.

Ähnlich aufgebaut und nicht weniger spannend zu lesen wie “Die verratene Liebe der Medea“ ist auch Kurt Roeskes im Jahre 2005 erschienenes Buch “Die späte Heimkehr des Odysseus“, das die Texte von Homers Odyssee in Auszügen vorstellt und zugleich eine Anleitung zu ihrem tieferen Verständnis gibt. Roeske führt zunächst zurück zum Ursprung dieses zweitältesten Werks der griechischen und zugleich der europäischen Literatur, das im ersten Teil die Zeit vom Ende des trojanischen Krieges bis zur Ankunft des unter dem Schutz der Göttin Athene stehenden Odysseus in der Heimat Ithaka behandelt und im zweiten Teil die Ereignisse in Ithaka schildert.

Roeske weist durch Beispiele aus der bis heute anhaltenden Rezeptionsgeschichte aber auch auf die anhaltende Wirkung des Originals hin. Nicht nur Medea, sondern auch der Mythos von Odysseus biete immer wieder Anlass zu Deutungen und neuen Sichtweisen: “Im Hellenismus beginnen Gelehrte, den Homertext zu kommentieren. Der römische Dichter Vergil schafft in der ,Aeneis’ das Nationalepos in bewusstem Rückgriff auf die Ilias und die Odyssee. Das christliche Mittelalter deutet Szenen der Odyssee allegorisch“, schreibt Roeske. Dantes “Göttliche Komödie“ ist, so der Autor, Homer verpflichtet. Homer bleibt, so Roeske, “lebendig bis ins 20. Jahrhundert - bis zu James Joyce, zu Nikos Kazantzakis und Jannis Ritsos, zu Durs Grünbein und Reiner Kunze“. Auch dieses Buch wird durch lavierte Federzeichnungen von Evelyn Hermann-Schreiber bereichert Pläne und Zeichnungen hat Evelyn Hermann-Schreiber den beiden weiteren Büchern von Kurt Roeske beigesteuert: “Nachgefragt bei Sokrates - Ein Diskurs über Glück und Moral“ stellt Sokrates vor und bemüht sich um ein möglichst genaues Verständnis der Verteidigungsrede, die ihn sein Schüler Platon - Apologie Platons - vor Gericht halten lässt. “Sokrates war kein angepasster Bürger Athens, er war im Gegenteil unbequem, ein Querdenker, ein Aufklärer, ein Verunsicherer. Die Polis hatte gewiss gute Gründe, in ihm eine Gefahr für den Bestand der Demokratie zu sehen. Manches von dem, was er tat, war nicht leicht zu verstehen. Hätte er nicht darauf verzichten können, seine Richter zu provozieren? Er fordert heraus, auch uns Heutige, und gerade das macht die Beschäftigung mit ihm interessant und wertvoll“, schreibt Roeske. Damals wie heute aktuell: Fragen nach Gott, Freiheit und Autonomie, Glück und Moral, Endlichkeit und Tod.

Als einen “kulturhistorischen Reisebegleiter“ nennt Roeske im Untertitel sein Buch “Attika im Spiegel antiker Zeugnisse“, das im Jahre 2003 von der Fischer & Fischer Medien AG herausgegeben wurde. Nachdem er zuerst allgemein auf Athen und die Athener, die Landschaft, das Essen, die Häuser und den Umgang untereinander eingegangen ist, nimmt Roeske den Leser mit auf einen interessanten Spaziergang durch Athen: Verweilstationen sind unter anderem das Stadion, der Tempel des olympischen Zeus, das Dionysostheater, das Theater des Herodes Atticus, die Akropolis, der Aeropag und die Agora. “Wer die Antike in Athen sucht, braucht vor allem Fantasie, die Gabe sich zurückzuversetzen in die Zeit, da die Stadt ein Zentrum des politischen und kulturellen Lebens und noch ein Hort der Philosophie war, und er braucht die Fähigkeit, die Stätten wieder mit Leben zu erfüllen. Dieses Buch will helfen, die Fantasie anzuregen“, schreibt Roeske in seinem Vorwort. In der Tat: Dies gelingt ihm mit diesem Buch. Antike Themen lassen sich jedoch nicht nur lesend entdecken, sondern auch durch zwei bei Königshausen & Neumann erschienene CDs, bei denen Kurt Roeske als Moderator mitwirkt: Unter dem Titel “Ende gut alles gut“ präsentieren die Schauspielerin Brigitte Goebel als Sprecherin und die Harfenistin Silke Aichhorn Szenen aus Homers Odyssee. Allen drei Akteuren gelingt mit Musik, Sprache und klassischer Philologie ein virtuoser Brückenschlag.

Die Zeiten überdauert haben auch die “Metamorphosen“ des römischen Dichters Ovid, der vor 2000 Jahren lebte. Darin geht es um Liebe, die scheitert, um Hochmut, der zu Fall kommt, und immer wieder um Verwandlungen - in Baum und Strauch, Berg und Quell und das widerhallende Echo. Hermann Breitenbach hat die “Metamorphosen“ übersetzt, Benjamin Britten hat sich von Ovid anregen lassen und sechs Geschichten von Pan, Phaeton, Bacchus, Niobe, Narziss und Arethusa vertont. Brigitte Goebel als Sprecherin und Kurt Roeske als Moderator haben die Texte gemeinsam mit der Musik von Oboist Christian Petrenz auf der CD “Narziss und Echos Goldmund“ wunderschön festgehalten.

Kurt Roeske: Die verratene Liebe der Medea.
Text, Deutung, Rezeption der Medea des Euripides. Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg. 190 Seiten, ISBN: 978-3-8260-3657-6.

Kurt Roeske: Die späte Heimkehr des Odysseus.
Homers Odyssee. Texte und Deutungen. Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg. 186 Seiten. 19,80 Euro (35,20 sfr). ISBN: 9783826030970.

Kurt Roeske: Nachgefragt bei Sokrates.
Ein Diskurs über Glück und Moral. Text und Interpretation der Apologie Platons. Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg. 250 Seiten, ISBN: 9783826028342.

Kurt Roeske: Attika im Spiegel antiker Zeugnisse.
Ein kulturhistorischer Reisebegleiter. Fischer & Fischer Medien, Frankfurt am Main. 434 Seiten, mit 31 s/w-Abbildungen, Broschur, ISBN 3-935895-83-6.

Kurt Roeske, Brigitte Goebel und Silke Aichhorn: Lebendige Antike. Ende gut alles gut. Odysseus und Penelope.
Szenen aus Homers Odyssee. CD. Spielzeit etwa 60 Minuten. ISBN: 978-3-8260-3587-6.

Kurt Roeske, Brigitte Goebel, Christian Petrenz: Lebendige Antike. Narziss und Echos Goldmund.
Verwandlungsgeschichten von Ovid und vertont von Benjamin Britten, ISBN: 978-3-8260-3086-4.