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Christoph U. Schminck-Gustavus: Der blaue Mantel - Von Dachau nach Sibirien

  434 Wörter 2 Minuten
2017-02-12 2017-04-24 12.02.2017 413 × gelesen

Einige wenige griechische Überlebende des Konzentrationslagers Dachau hat der Bremer Rechts- und Sozialgeschichtler Christoph U. Schminck-Gustavus aufgesucht, um unwiederbringliche Erinnerungen festzuhalten. Die Befunde sind verstörend. Dass einer, der dieser Hölle entronnen ist, sein Auskommen - offenbar ohne je eine Wiedergutmachung erhalten zu haben - mit einer monatlichen Rente von „zwölf Fetzen (immer noch in Drachmen gerechnet, würde 120,- DM entsprechen) bestreiten muss, das ist das eine. Die auch nach so vielen Jahren nicht überwundenen und niemals zu überwindenden Verletzungen, die qualvoll vergegenwärtigt werden, das ist das andere. Da mag der, der aus dem einstigen Land der Wäckerle, Eicke, Deubel, Loritz, Weiß - und wie die Oberschergen in Dachau alle geheißen haben angereist ist, bei seinen Befragungen noch so behutsam vorgehen, die Bitternis, die er auslöst, ist unermesslich. Um so mehr rühren die Gesten an, mit denen dieBefragten ihre Dankbarkeit dafür bezeugen, dass sie nicht dem Vergessen überantwortet bleiben.

Im Kapitel „Funktionshäftlinge“ seiner umfangreichenGesamtdarstellung der Geschichte des Konzentrationslagers Dachau 1933-1945 (unterm Titel »Das wahre Dachau« bei S. Fischer 2007 in Frankfurt am Main erschienen) kommt der Prager Historiker und einstige Dachauhäftling Stanislav Zámecník zu der Einschätzung:?Himmlers Versuch, die Streitigkeiten zwischen den Nationalitäten anzuheizen, verfehlte bei den ausländischen Häftlingen seine Wirkung.?Wenn man den Aussagen folgt, die der ?General? Markos Vaphiadis unserem Autor gegenüber macht, trifft diese Einschätzung zumindest in Hinblick auf Nikos Sachariadis (bis 1956 Generalsekretär der KP Griechenlands, danach nach Sibirien - zuletzt in den äußersten Norden nach Sourkout - verbannt, wo er sich 1973 das Leben nahm) nicht zu. In Dachau sei er Kollaborateur der Nazis gewesen und dort im blauen Mantel eines ermordeten Juden herumgelaufen. Eine Tragödie ohne Ende, so bezeichnet Mikis Theodorakis in seinem Nachwort zum vorliegenden Buch die Haltung derer, die von ihrem Hass auf Sachariadis nicht lassen können. Ihm, der schon 1970 gelegentlich eines Aufenthalts in Jalta vor höchstem Thron wegen des Umgangs mit exilierten Landsleuten laut geworden war, gelten beide Führer, sowohl Sachariadis wie auch Vaphiadis, als Patrioten, die dem griechischen Volk mit ihrem„OXI, ihrem NEIN, gegen Mussolini und Hitler vorangegangen sind.

Unter welchen Voraussetzungen es möglich war, Dachau zu überleben, ohne seine Selbstachtung eingebüßt zu haben, das belegen die Aussagen von Dimitrios Sotiriadis. Ihm ist im Blick zurück einzig wichtig:„Das alles darf ja nicht vergessen werden. Die jungen Leute, die die Zeit nicht erlebt haben, sollen wissen, wie das war.“Womit zugleich die Intention dieses schmalen Buches umschrieben ist, das eine wache Öffentlichkeit auch hierzulande verdient, nachdem ihm im Jahre 2004 die griechische Version (beim Athener Verlag Philistor) bereits vorausgegangen ist.

Christoph U. Schminck-Gustavus, Der blaue Mantel. Von Dachau nach Sibirien –
Zeugnisse griechischer KZ-Häftlinge 1943-1993.
Donat Verlag, Bremen 2008,
144 S., ISBN 978-3-938275-45-0

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