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Arn Strohmeyer: Faszination Kreta - Impressionen von einer alten und doch jungen Insel

  461 Wörter 2 Minuten
2017-02-12 2017-04-24 12.02.2017 436 × gelesen

Auf Kreta, namentlich auf der Südflanke, unversehens im Regen und obendrein im Wirbel von Saharastaub zu stehen, das kann durchaus faszinierend sein. Bis Libyen sind es nur knapp 400 km. Die Nähe zu Afrika und zum Orient hat die Insel zur Wiege europäischer Kultur werden lassen. Ohne Rückblicke auf ihre bewegte Vergangenheit kommt Arn Strohmeyer bei seiner Liebeserklärung an Kreta demzufolge auch nicht aus. Ihre exponierte Lage habe die Insel gewissermaßen zum Sprungbrett im Gezerre der Mächtigeren werden lassen. Und so sei das Los, permanent fremden Interessen ausgeliefert gewesen zu sein, an den Inselbewohnern nicht spurlos vorüber gegangen. Dennoch habe ein harter Kern es über die Jahrhunderte hinweg vermocht, auf sich selbst zu beharren. Um Auskunft darüber geben zu können, worin für ihn das authentisch Kretische besteht, hat Arn Strohmeyer auf nicht ausgetretenen Pfaden die Insel bis in ihre letzten Winkel ergründet, seine über Jahrzehnte durch zahllose Begegnungen gesammelten Eindrücke verdichtet und diese mit Bekenntnissen anderer - vorzugsweise von Nikos Kazantzakis - abgeglichen. Dass ihm, dem Kreta-Enthusiasten, der legendäre Psarantonis in dessen von der deutschen Wehrmacht geschundenem Bergdorf Anogia dennoch ein Interview ausschlug, resultierte keineswegs aus Vorbehalten gegenüber dem Germanos, sondern ergab sich schlicht und einfach aus der Uneitelkeit des Sängerstars. Als erstem wurde Strohmeyer Zugang gewährt zu der Briefhinterlassenschaft des Alexandros Venetikos, jenes nicht weniger legendären Fremdenführers von Phaistos, dem Henry Miller bleibenden Dank dafür zollte, weil er ihn Bescheidenheit und Demut gelehrt hatte. Nicht nur Freunde dürfte sich unser Autor damit machen, dass er den seit 2006 geplanten Ausbau des Hafens von Timbaki zu einem Umschlagplatz für Containerschiffe ablehnt. Der Ausverkauf Griechenlands im Interesse einiger weniger Leute wird offenbar erst von einer Minderheit gebrandmarkt. Vor einem solchen Megaprojekt wäre, so ist dem letzten der elf Kapitelchen des Buches zu entnehmen, selbst ein Alexis Sorbas zurück geschreckt, der, zur Kultfigur geworden, ja gar kein Kreter war und auch in seiner rauen, aber herzlichen Seele wenig gehabt habe, was dem Charakter und der Mentalität der Männer dieser Insel geähnelt hätte. Nicht was im Ideellen, sondern was im tatsächlichen Hier und Heute seiner Meinung nach mit kretischem Charakter absolut unvereinbar sei, darauf stößt Strohmeyer in Floria, wo die Inschrift „Gefallen für Großdeutschland“ und das Relief mit drei nach allen Seiten Handgranaten werfenden Gebirgsjägern eine Gedenkstätte für gefallene deutsche Soldaten des Zweiten Weltkriegs „zieren“. Ein Beispiel für Unwahrhaftigkeit, was die eigne Rolle während des Kriegseinsatzes betrifft, hatte Arn Strohmeyer in einer gesonderten Publikation (Dichter im Waffenrock. Erhart Kästner in Griechenland und auf Kreta 1941 bis 1945. Mähringen 2006) vor Augen gestellt. Mit „Faszination Kreta“ hat er sich nun ein Stück Wirklichkeit von der Seele geschrieben, das bequemem Sich-Unbeteiligt-verhalten und schlichtem Darüberwegschauen keinen Raum lässt.

Arn Strohmeyer, Faszination Kreta.
Impressionen von einer alten und doch jungen Insel.
Verlag Dr. Thomas Balistier. Mähringen 2010,
145 S. ISBN 978-3-937108-19-3

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