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Anastassis Vistonitis: Sport und Spiele

  618 Wörter 2 Minuten
2017-02-12 2017-04-24 12.02.2017 297 × gelesen

Das Licht kam heute ganz plötzlich.
Durch diese diagonale Öffnung siehst du
den Asphalt voller Müll
und Rauch.

Du stehst im Wald
mit einem Kassettenrekorder,
mit deinen verbrannten Flügeln,
und hebst die schwarze Beute hoch.

An diesen verschmutzten Ufern
läßt die Kälte die Tränen erfrieren.
Das Seegras verfault,
die Himmel verbleichen,
das Meer altert.

Das Meer altert! Altert das Meer? Und wo liegen hier die Symbole?
Anastassis Vistonitis hat sich viel mit dem Meer beschäftigt, diesmal dem Schwarzen mit seinen Wellen, schwarz weil es keine weißen Wellen gibt wie in der Ägäis, verschont in seiner Abgeschlossenheit von den Winden der Sirenen; die "Wellen des schwarzen Meeres" haben auch einer kleinen aber feinen Gedichtsammlung den Titel verliehen, – herausgegeben bei Waldgut in der Schweiz in der Übersetzung von Dadi Sideri. Es war vor ungefähr drei Jahren, als Anastassis Vistonitis an einem Treffen teilnahm: "Poeten übersetzen Poeten", woraus auch diese Übersetzung entstand.
Dabei hat Anastassis Vistonitis nicht von Geburt an mit dem Meer zu tun. Geboren ist er 1952 in Komotini, im Nordosten Griechenlands, im sagenumwobenen Thrakien, da wo Orpheus nach seiner Euridike auf die Suche ging und sie aus lauter Liebe und Sehnsucht für immer verlieren mußte.

(...)
der, den ich geliebt habe, wird mein Schatten,
das Gewand, das mich begleitet.
Sein Licht wird meine Augen verhüllen
daß ich den Drachen der Selene nicht sehe.(...)

Komotini, eine der interessantesten griechischen Städte an der Grenze zu Bulgarien, gar nicht weit von der Türkei, da wo alte und neue Kulturen sich vermischen – ein großer Teil der Bevölkerung ist muslimisch, seit ein paar Jahren Universitätsstadt mit einer pulsierenden Jugend aus allen Gegenden Griechenlands, die studiert und feiert und mit ihren Farben das Leben mobilisiert, diese Provinzstadt hat ihn in seinen ersten Schritten begleitet, dann ging er nach Thessaloniki zum Studium und Werdegang.
Wie ein "vielgereister" sucht nun Anastassis Vistonitis in seinem jungen Leben nach der Menschenseele, er hat vor allem die Menschen studiert, immer offenen Auges, immer ihn, den Menschen in seiner heutigen, müllbeladenen Umgebung, im Rausch der nutzlosen Kamine, in einer ihn nicht erfüllenden Arbeitswelt, da wo er ein Lied singt, "das zerspringt".

(...)
Die Zeit dreht die Kurbel
und beim Quietschen, durch die zerfressenen Zähne,
hörst du Stimmen, Pfeifen, unbekannte Sprachen...

"... vieler Menschen Städte gesehn und Sitte gelernt hat" Anastassis Vistonitis nämlich – als er vor vier Jahren als einziger Grieche im Literatur-Express saß, in dem Zug, der von Barcelona abfuhr, alle Städte Europas durchreiste, um in Berlin zu enden; zurück in Griechenland angekommen schrieb er einen, den besten, Reisebericht, den ich je gelesen habe, in der Zeitung "To Vima", und seitdem schreibt er ebendort über verschiedene Städte Europas anders als üblich in einer Rubrik, die "Literarische Geographie" heißt.
Man kann da z. B. lesen über die Natur, die eine Stadt umgibt und prägt, man kann sofortige Einsicht ins gesellschaftliche und politische Leben der jeweiligen Einwohner bekommen, und vor allem Begegnungen mit den Menschen erleben, sowohl den mitreisenden Literaten im Zug aus aller Herren Länder wie mit Menschen vor Ort, jung und alt, in Amt und Würde oder am Straßenrand und auf dem Bürgersteig. Denn er hat einen schnellen Blick und die ungeheure Gabe des Beobachtens, aber auch die Gabe, die Erfahrung, die andere Menschen für sich gewonnen haben, zu adaptieren, zu verarbeiten, in Frage zu stellen, um eine eigene Meinung daraus zu bilden.
Der Ertrag dieser Reise ist gerade in Griechenland als Buch unter dem Titel "Der Zug der Literatur" erschienen (Kedros-Verlag), während sein literarisches Essay "Die Agonie und der Agon", das das Buch "Wort und Spiele – Sport und Literatur im Griechenland der Neuzeit" (Romiosini Verlag) einleitet, aus Anlaß der Olympischen Spiele 2004 in der Sommer-Nummer der angesehenen literarischen Zeitschrift "Lettre International" auf deutsch erschienen ist in der Übersetzung von Theo Votsos.

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