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Klaus Gallas und Ulf-Dieter Klemm: Griechenland - Begegnung mit Geschichte, Kultur und Menschen

  769 Wörter 3 Minuten
2017-02-01 2017-04-24 01.02.2017 492 × gelesen

Klaus Gallas und Ulf-Dieter Klemm beleuchten facettenreich die Vielfalt der griechischen Kultur und Geschichte abseits von Klischees. Auf Entdeckungsreise zwischen Antike und Gegenwart.

Aléxis Sorbás, Sirtáki, Oúzo: So manches Klischee prägt im Ausland hartnäckig das Bild von Griechenland, das darüber hinaus noch immer vor allem als Land der Antike wahrgenommen wird. Allenfalls Ereignisse wie die Olympischen Spiele im vergangenen Jahr, die Frankfurter Buchmesse 2001, bei der die griechische Literatur Schwerpunktthema war, oder die Nobelpreisverleihung an die griechischen Lyriker Jórgos Seferis (im Jahre 1963) und Odysseas Elytis (1979) lenken den Blick für kurze Zeit auf die griechische Realität. Dabei ist das etwa zweieinhalb
Flugstunden von Deutschland entfernte Mitgliedsland der Europäischen Union, das jährlich von Millionen Touristen besucht wird, reich an einer faszinierenden, vielschichtigen, lebendigen Kultur. Einen kleinen, aber sehr facettenreichen Einblick in diese Kultur und das griechische Alltagsleben geben Dr. Klaus Gallas und Dr. Ulf-Dieter Klemm in ihrem im Stuttgarter Konrad Theiss Verlag erschienenen, lebendig geschriebenen und reich bebilderten Buch „Griechenland. Begegnung mit Landschaft, Kultur und Menschen“.

Neben den wichtigen Themenbereichen wie Geschichte („Von der Gründung des griechischen Nationalstaats zur EU-Mitgliedschaft“), Archäologie (Methoden der Archäologie werden ebenso vorgestellt wie einzelne Grabungsstätten) und Mythologie („Die griechischen Gottheiten und ihre ,Geschichten‘“), deren Bedeutung sich bis in die heutige Zeit auswirkt, widmen sich die beiden Autoren in diesem äußerst informativen und lesenswerten Buch auch Themen aus den Bereichen Kunst und Kultur, Volkskultur, Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und Umwelt.

Der Maler El Greco, der Komponist Mikis Theodorákis, der Filmregisseur Theódoros Angelópulos, die Schauspielerin und spätere Kulturministerin Melina Merkoúri sind international bekannte griechische Kulturschaffende. Unter dem Titel „Last und Lust der Tradition“ stellt Ulf-Dieter Klemm, einst Kulturreferent an der Deutschen Botschaft in Athen und zurzeit Deutscher Botschafter in Mosambik, weitere interessante Vertreter der griechischen Literatur, Bildenden Kunst, Musik, des Theaters und Films vor.

Seine einleitenden Hintergrundinformationen – wie zum Beispiel über die Unterschiede zwischen Alt- und Neugriechisch, die mit der griechischen Staatswerdung im 19. Jahrhundert verbundenen Auseinandersetzungen über die kulturelle Identität oder der Sprachenstreit zwischen Anhängern der Hochsprache (Katharéwussa) und Verfechtern der Volkssprache (Dhimotiki) – tragen zum besseren Verständnis der künstlerischen Arbeit in Griechenland bei.

Natürlich lässt sich auf wenigen Buchseiten nicht die gesamte künstlerische und musikalische Tradition des Landes oder das literarische Schaffen darstellen, doch Ulf-Dieter Klemm gelingt ein prägnanter Überblick, der im Kapitel „Literatur“ von Aléxandros Papadiamántis (sein Roman „Die Mörderin“ sowie die Erzählungen „Die Heilige Nacht auf dem Berg“ und „Die rosenfarbenen Strände“ sind auch auf Deutsch erschienen), Strátis Myrivílis („Das Leben im Grabe“, „Die Lehrerin mit den Goldaugen“, „Die Madonna mit dem Fischleib“) und Ilías Venésis („Äolische Erde“) über die bedeutenden Lyriker Kostís Palamás, Konstantínos Kavafis, Jórgos Seféris und Odysséas Ely´tis bis zu Ioánna Karystiáni („Die Frauen von Andros“, „Schattenhochzeit“), Pétros Márkaris („Hellas Channel“, „Nachtfalter“, „Live!“) und Nikos Thémelis („Jenseits von Epirus“) reicht und zu weiteren Entdeckungen anregt.

Zum besseren Verständnis der heutigen griechischen Kultur und des griechischen Wesens tragen die beiden Beiträge von Klaus Gallas, freier Publizist in München und Autor zahlreicher kunsthistorischer Bücher zu Griechenland und dem östlichen Mittelmeerraum, über Ikonen und ihre Verehrung und die griechisch-orthodoxe Religion bei. Schließlich ist die orthodoxe Religion, so Gallas, mit ihren Riten ein elementarer Bestandteil des Griechentums. Gallas: „Bei aller Kritik an der Kirche, die heutzutage in Griechenland geäußert wird, bleibt festzuhalten, dass die Griechen ohne die Integrationskraft ihrer Kirche die Jahrhunderte währende Fremdherrschaft der Türken und der Venezianer als Volk mit eigener Sprache und eigenem Brauchtum kaum überlebt hätten."

Weitere interessante Beiträge von Gallas stellen einige Beispiele der Volkskultur – Feuertanz, Blutopfer und Phalluskult –, die griechische Küche und die griechische Tanztradition vor. Ulf-Dieter Klemm widmet sich der „vielschichtigen Beziehung“ von Deutschen und Griechen, dem „Ruhrgebiet“ Athens namens Láwrion, wo im 5. und 4. Jahrhundert v. Chr. bis zu 20000 Menschen damit beschäftigt waren, aus dem felsigen Grund Erdgestein zu fördern, zu schmelzen und das gewonnene Metall zu trennen, um Silber zu gewinnen und zwar reines Münzsilber, und dem Thema „2000 Jahre Umweltprobleme. Von Platon bis Psittália“. Passend zum zurückliegenden Jahr der Olympischen Spiele in Athen beschäftigt sich Professor Manfred Lämmer, Leiter des Instituts für Sportgeschichte in Köln, unter dem Titel „Ewiges Olympia?“ mit der olympischen Idee der Neuzeit. Als einen „verlässlichen Reisebegleiter für die Vorbereitung gleichermaßen wie für die Nachbereitung des Abenteuers Griechenland“ bezeichnet Dr. Klaus Steinbach, Präsident des Nationalen Olympischen Komitees für Deutschland, das Buch in seinem Vorwort. Damit hat er Recht. Der geneigte Leser des Buches wird schnell feststellen, dass die griechische Kultur nicht nur Aléxis Sorbás, Sirtáki und Oúzo bedeutet, sondern eine Entdeckungsreise wert ist.

Klaus Gallas/Ulf-Dieter Klemm
Griechenland. Begegnung mit Geschichte, Kultur und Menschen.
Konrad Theiss Verlag Stuttgart.
320 Seiten. 230 meist farbige Abbildungen. 17x24cm.
Gebunden mit Schutzumschlag
ISBN 3-8062-1714-9.