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Nikos Panajotopoulos: Heiligmacher

  899 Wörter 3 Minuten
2017-02-01 2017-04-24 01.02.2017 445 × gelesen

Ein kleines griechisches Dorf in Arkadien im Sommer 1940: Die Bewohner erheben sich gegen ihren berühmtesten Mitbewohner, den Asketen und Wundertäter Ioannis Orphanos, den sie durch ihre fanatische Verehrung einst selbst zum religiösen Star gemacht haben. Und das nicht, ohne daraus eigenen Nutzen zu ziehen: Denn das Dorf hat sich zu einer angesehenen Pilgerstätte mit vielen Besuchern entwickelt. Als Orphanos plötzlich nicht mehr „mitspielen“ und das Dorf verlassen will, kehrt sich die Verehrung in brutalen Hass um. Um das aktuelle Gesellschaftsthema des modernen Starkults - verpackt in gleich zwei spannende Lebensbeichten - geht es unter anderem im neuen, jetzt im Reclam Verlag Leipzig in deutscher Sprache erschienen lesenswerten Roman „Heiligmacher“ von Nikos Panajotopoulos.

In der Nacht zum 10. Juli 1940 beichtet der Asket Orphanos, der nach dem Angriff der Dorfbewohner auf ihn dem Tode nahe ist, in dem abgelegenen Schafspferch des Joldassis dem achtzehnjährigen Antonios Efstathiou die Geschichte seines Lebens. Diese Begegnung mit dem sterbenden Orphanos reißt den jungen Mann jäh aus seinem Leben, muss er doch, plötzlich als „Mörder des Heiligen Orphanos“ beschuldigt, selbst fliehen und untertauchen. Er verlässt für immer den Ort genau in jene Richtung, aus der Orphanos einst gekommen war. Erst sechzig Jahre später, als der Märtyrer Orphanos heilig gesprochen werden soll, bricht Efstathios Antoniou, wie er sich inzwischen nennt, als alter Mann sein Schweigen. In einem Schreiben an „Eure Eminenz“ schildert oder besser gesagt beichtet er, was er damals von Orphanos über die Geschehnisse in jenem Dorf erfahren hat. Panajotopoulos lässt ihn jedoch nicht einfach nur berichten, vielmehr kommentiert er auch das einst Gehörte. Um es vorweg zu sagen: So wenig wie Antonios Efstathiou der Mörder von Orphanos war, so wenig war Orphanos ein Heiliger. Quasi aus dem Nichts ist er eines Tages als elternloser Junge im Dorf aufgetaucht, erzählt Orphanos. Als die Frau, die ihn aufgenommen hat, von ihrem Mann zu Tode geprügelt wird, setzt der Junge - nachdem ihm in Träumen Johannes der Täufer erschienen ist - seine Hoffnung auf Gott, lernt Lesen und Schreiben anhand des Alten Testaments. Menschenknochen, die er zufällig in einer Hütte findet, werden in der Fantasie der Dorfbewohner zu den geheiligten Gebeinen des Märtyrers Damaskinos - und machen den Jungen zu einem „Erwählten der göttlichen Gnade“.

Als solcher muss sich Orphanos nicht mehr um sein Wohlergehen sorgen, darum kümmert sich das Dorf. Denn schließlich kann es nicht von ungefähr kommen, dass die Weizenfelder, Olivenhaine und Honigwaben plötzlich reiche Ernte tragen, Milch in Strömen fließt. Zwar gibt es, wie Orphanos später kurz vor seinem Tode beichtet, ganz einfache Erklärungen für einige wundersame Ereignisse wie das Heilen eines Kindes. Auch die Tatsache, dass Orphanos fast zeitgleich am Gipfel und Fuße des Berges gegenwärtig sein konnte, war alles andere als ein Wunder. Doch wieso mit der Wahrheit herausrücken, dachte sich Orphanos, den manchmal das schlechte Gewissen drückte. Schließlich ging die Ausweitung seines Ruhmes nur mit wohltätigen Folgen für das Dorf einher: Die Einsiedelei auf dem Berg entwickelte sich im Laufe der Jahre zu einem gut gehenden Kloster - bis heute. Videos und Bücher informieren über die Wunder Orphanos’, und der Kloster-Parkplatz bietet Platz für 50 Reisebusse. Ideenreich, spannend und mit feinem Humor erzählt Nikos Panajotopoulos in seinem Roman „Heiligmacher“ die beiden Lebensbeichten von Orphanos und von Antoniou/Efstathiou. Indem er die Geschichte Orphanos’ in einer griechischen Dorfidylle der Vergangenheit ansiedelt, entführt er den Leser in eine andere, ihm zunächst fremd anmutende Welt. In dieser Welt hat jeder und alles eine Geschichte: die Personen, die Panajotopoulos’ Roman bevölkern ebenso wie auch Plätze und Gebäude wie der Pferch, in dem der schwerverletzte Orphanos letzte Zuflucht findet, oder die Mauer des Jotopoulos.

Wenngleich heute „Stars“ jeglicher Art nicht durch Lynchen vom Podest gestürzt werden, so sind gewisse Parallelen zum modernen Starkult in dem Roman „Heiligmacher“ nicht zu übersehen. „Wir haben dich zu dem gemacht, was du bist. Du hast gar nirgends hinzugehen“, muss sich der Asket und Wundertäter Orphanos von den Dorfbewohnern am Schluss sagen lassen. Panajotopoulos’ erster in deutscher Sprache erschienene Roman „Die Erfindung des Zweifels“ (Reclam Verlag Leipzig, 2002) - nicht minder lesenswert als „Heiligmacher“ - ist eine utopische Satire über die Nutzung der Gentechnik als Nachweis von künstlerischer Begabung: In einer imaginierten Zukunft, in der das Ergebnis eines Gentests über die Karriere eines Künstlers entscheidet und Talentsuche und Kritik überflüssig macht, erlebt ein „Autor der alten Schule alle Höhen und Tiefen einer Schriftstellerexistenz. Nikos Panajotopoulos wurde in Athen geboren, wo er heute auch lebt. Während seines Studiums der Ingenieurwissenschaften beschäftigte er sich auch mit dem Theater. Zwischen 1989 und 1992 arbeitete er als Redakteur für verschiedene Zeitungen, Zeitschriften und für das Fernsehen. Er schrieb Drehbücher, in den vergangenen Jahren ausschließlich für das Kino. 1996 wurde er beim 37. Filmfestival von Thessaloniki für sein Drehbuch zum Film „Apontes“ ausgezeichnet.

Nikos Panajotopoulos: Heiligmacher.
Roman. Reclam Verlag Leipzig. Gebunden. A
us dem Griechischen übersetzt von Birgit Hildebrand.
287 Seiten.

Nikos Panajotopoulos wurde am 15.04.1963 in Athen geboren. Wärend seines Ingenieurstudiums beschäftigte er sich auch mit dem Theater. Von 1989 bis 1992 arbeitete er als künstlerischer Redakteur bei verschiedenen Zeitungen, Zeitschriften und beim Fernsehen. Seither beschäftigt er sich berufsmäßig mit dem Drehbuch. Seit 1995 isr er für das Kino tätig, wo er bereits fünf Drehbücher für größere Filme geschrieben hat. Für eins davon, “Apontes” (Abwesende, Regie: Nikos Grammatikos), erhielt er den Drehbuchpreis beim 37. Filmfestival in Thessaloniki 1996. Nebenbei unterrichtet er Drehbuch an einer privaten Filmschule. Er publizierte Erzählungen und Romane. Bei Reclam Leipzig erschien 2002 der Roman “Die Erfindung des Zweifels”.

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