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Wolfram Hoepfner: Der Koloß von Rhodos und die Bauten des Helios

  710 Wörter 3 Minuten
2017-02-01 2017-04-24 01.02.2017 642 × gelesen

Schon in den ältesten Listen der Sieben Weltwunder ist der Koloß von Rhodos aufgeführt. Mit einer Gesamthöhe von über 30 Meter und einem Gesamtgewicht von etwa 400 Tonnen muss die vom Bildhauer Chares von Lindos, Schüler des berühmten Lysipp, um 300 v. Chr. entworfene Riesenstatue des Sonnengottes Helios alle Kolosse, von denen es viele gab, übertroffen haben.

Nur etwa 66 Jahre hatte der Koloß aus Bronze, Eisen und Steinen gestanden: Das Erdbeben von 226/225 v. Chr. ließ ihn in den Knien einknicken. Da am Ort selbst bis in die Gegenwart jede Suche nach dem Koloß vergeblich war, wird seit Jahrhunderten über Gestalt, Ort der Aufstellung und Konstruktion der größten Statue der Antike gestritten. Neue Theorien dazu und zum Heiligtum des Helios stellt Wolfram Hoepfner, Professor für Klassische Archäologie an der Freien Universität Berlin und Spezialist für Architektur und Städtebau, in dem Buch „Der Koloß von Rhodos und die Bauten des Helios“ vor, das in der Reihe Zaberns Bildbände zur Archäologie im Verlag Philipp von Zabern in Mainz erschienen ist.

„Nicht ein Finger oder Daumennagel dieses Weltwunders ist gefunden worden. Das wertvolle Material wurde dem Koloß von Rhodos zum Verhängnis. Die am Boden liegenden, mehrere Jahrhunderte bestaunten Trümmer wurden in schlechten Zeiten als Altmetall verkauft und dann eingeschmolzen“, schreibt Wolfram Hoepfner in der Einleitung zu diesem interessant geschriebenen, spannend zu lesenden Buch. Der Autor geht von der Theorie aus, dass es von dieser berühmten Statue schon in hellenistischer Zeit und vor allem in der Kaiserzeit verkleinerte Nachbildungen gegeben haben muss. Hoepfner: „Denn verstreut über Museen und Fundplätze in der alten Welt finden sich Statuetten und Abbildungen des Sonnengottes. Dieser hier erstmals beschriebene Typus des Helios kann nichts anderes als der berühmte Koloß, eines der Sieben Weltwunder, sein.“

Nach Ausführungen zu griechischen Kolossen im Allgemeinen und ihren Problemen räumt der Autor in dem reich bebilderten Buch auf mit dem Irrtum vom breitbeinigen Riesen. Auch wenn der Koloß von Rhodos stets als breitbeiniger Helios mit Strahlenkranz, bekleidet mit einem Lendentuch, mit einer Fackel in der erhobenen rechten Hand und einem Schiff zwischen den Beinen, auf allen möglichen Souvenir-Gegenständen dargestellt wird, habe es eine solche Figur nie gegeben. Für Hoepfner hat der Koloß des Helios, der Hauptgott der Insel Rhodos, aufrecht am Molenkopf des Kriegshafens gestanden und alle, die sich zu Schiff der Stadt näherten, begrüßt: „Vom Sonnenlicht umfunkelt, wuchs die Statue aus grünlicher Bronze, mit vergoldeten Haaren und Strahlen von punktförmiger Gestalt zu riesenhafter, beeindruckender Größe. Die größte Statue der Antike war eine technische Meisterleistung.“ Die Ausführungen zu den verwendeten Materialien und der Konstruktion faszinieren denn auch, Vergleiche mit der Ingenieurskunst neuzeitlicher Kolosse wie das Monument auf der Wilhelmshöhe in Kassel, die Bavaria in München oder die Freiheitsstatue in New York unterstreichen die Leistung. Wobei es dem Autor, wie er selbst betont, nicht darum geht, „eine der größten Statuen der Geschichte zu verherrlichen“. Die Riesenstatue des Helios sei weniger ein Höhepunkt griechischen
Kunstschaffens auf dem Gebiet der Skulptur, als ein kulturhistorisches Phänomen, „das uns überdeutlich vor Augen führt, wie nach Alexander dem Großen für eine von Selbstbewusstsein und Innovationen geprägte Epoche keine Aufgabe zu groß und keine Lösung zu kompliziert war“.

Doch Hoepfner gibt in diesem Buch nicht nur dem berühmten Koloß ein Aussehen, er stellt auch einen Plan des antiken Rhodos vor, erörtert neue Theorien zum Heiligtum des Helios, in dem der „Wagen des Helios“, das berühmteste Werk des Bildhauers Lysipp, aufgestellt war, und macht den Leser mit einem Klubhaus der Sonnenanbeter bekannt, einem Vereinslokal für die Verehrer des Helios. Welch bedeutendes Kunstzentrum Rhodos in der Antike war, stellt Natascha Königs in einem Beitrag vor. Die Nike von Samothrake, die heute im Louvre in Paris bewundert werden kann, wurde ebenso von rhodischen Künstlern gerabeitet wie die berühmte Gruppe des Laokoon, heute in den Vatikanischen Museen in Rom. Weitere Beiträge stammen von Ulrich Gehrig („Der Helios von Hannover“), Katharina Vogl und Henrike Sachse („Bronzeguss in der Antike“), Gerhard Zimmer („Bronzeguss in Rhodos zurZeit der Errichtung des Kolosses“) und Juliane Berndt („Die Liste der Sieben Weltwunder“).

Wolfram Hoepfner: Der Koloß von Rhodos und die Bauten des Helios.
Neue Forschungen zu einem der Sieben Weltwunder. Mit Beiträgen von Ulrich Gehrig. Natascha Königs, Henrike Sachse und Katharina Vogl, Gerhard Zimmer und Juliane Berndt.
Verlag Philipp von Zabern Mainz.
107 Seiten. 72 Farb-, 32 Schwarzweiß- und 42 Strichabbildungen.