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Yasar Kemal: Der Sturm der Gazellen & Die Ameiseninsel

  565 Wörter 2 Minuten
2017-01-31 2017-04-24 31.01.2017 453 × gelesen

Nur auf den ersten Blick gleicht die menschenleere Insel in der Ägäis, an der Musa der Nordwind, ein ehemaliger Offizier und heimatlos gewordener türkischer Staatsbürger, mit seinem Ruderboot angelegt hat, einem Paradies. Denn die Insel hat - ebenso wie ihre künftigen Bewohner, die aus allen Winkeln des alten osmanischen Reiches dort stranden - ihre Vergangenheit. Die Auswirkungen des im Vertrag von Lausanne 1923 festgeschriebenen „Bevölkerungsaustauschs“ zwischen Griechen aus der Türkei und Türken aus Griechenland auf die betroffenen Menschen thematisiert Yasar Kemal, meisterhaft und berührend erzählt, in seiner Insel-Roman-Trilogie. Er greift damit weit in die Geschichte zurück und befasst sich mit einem wichtigen Thema der Gegenwart: dem Verhältnis von Türken und Griechen. Nach dem ersten Band „Die Ameiseninsel“ schildert der im Unionsverlag Zürich nun erschienene zweite Roman „Der Sturm der Gazellen“, die weitere Besiedlung der Insel durch Flüchtlinge, Heimatlose und Vertriebene, die zumeist sehr erschöpft, verstört und verzweifelt ankommen.

Ob Grieche, Türke, Kurde oder Armenier, ob Christ, Alevit, Muslim oder Atheist: Auf der von Musa dem Nordwind zusammen mit den unerlaubt verbliebenen Griechen Lena und Vasili „verwalteten“ Insel versuchen sich die Gestrandeten - geeint durch ihr Schicksal als Entwurzelte und Opfer eines Krieges - friedlich und menschenwürdig einzurichten: Da ist Veli der Treffer, der ein hervorragender Fischer war und bald schon wieder mit seinem eigenen Boot zum Fischen hinausfährt. Oder der kurdische Sagenerzähler Uso, der den Inselbewohnern türkische Märchen zum Besten gibt, der Tierarzt Cemil, der die Pflege der herrenlosen Bienenstöcke übernimmt, und Musa Kazim Agaefendi, ein alevitischer Bey, der seine berühmte Pferdezucht auf Kreta zurücklassen musste und dessen drei Töchter ihre Mitgifttruhen nicht öffnen, weil der Vater mit der baldigen Rückkehr nach Kreta rechnet.

Jeder hat Geschichten zu erzählen - düstere und bestürzende Geschichten von Krieg und Zerstörung, vom Verlust geliebter Menschen - und Geheimnisse zu verschweigen. Die aus ihrer Heimat in Anatolien, Kurdistan, Mesopotamien oder Kreta vertriebenen Menschen berichten von ihrem verlorenen Zuhause, leben ihren Alltag, träumen von einer schönen Zukunft, geben sich vergessenen Sagen hin. Ihre Berufe nutzt der Autor zu teilweise poetischen Exkursen über die Bienen- und Pferdezucht, den Fischfang und die Volksmusik. Skrupellose Kriegsgewinnler und machthungrige Vertreter der neuen politischen Klasse, die den Inselbewohnern gegenübergestellt werden, lassen immer wieder spüren, wie zerbrechlich die Wiederansiedlung und die damit verbundene Rückkehr zur Normalität ist.

Vielschichtig, bedeutungsschwer und prall erzählt, erinnert der 1923 in einem Dorf Südanatoliens geborene Yasar Kemal, der als „Sänger und Chronist seines Landes“ bezeichnet wird und neben zahlreichen internationalen Preisen 1997 auch den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, an ein Kapitel türkisch-griechischer Geschichte, das viel Leid über die Betroffenen brachte: Nach Angaben des griechischen Generalsekretariats für Kommunikation wurden damals rund 400 000 Moslems, die in Griechenland lebten, und mehr als eine Millionen Griechen, die seit Generationen in der Türkei beheimatet waren, im jeweils anderen Land neu angesiedelt.

Viele von Kemals Romangestalten verkörpern - auch wenn sie menschliche Schwächen haben - Ideale und Werte wie Treue, Menschenliebe, Ehre und Pflichtgefühl. Um ihre Berichte über grausige Erlebnisse erträglicher zu machen, greift Kemal auch zu literarischen Mitteln wie Ironie, Groteske, Komik und Satire. Einmal mehr verbindet Kemal in diesen Inselromanen uralte Traditionen mit den Anliegen der Gegenwart, plädiert für ein respektvolles Miteinander der unterschiedlichen Völker und Kulturen.

Yasar Kemal:
Der Sturm der Gazellen.
Die Inselromane Band II. Roman.
Aus dem Türkischen von Cornelius Bischoff.
Unionsverlag Zürich. Gebunden. 400 Seiten.

Yasar Kemal:
Die Ameiseninsel.
Die Inselromane Band I. Roman.
Aus dem Türkischen von Cornelius Bischoff.
Unionsverlag Taschenbuch. 380 Seiten.