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Bettina Otto: Der Heros von Phaistos

  949 Wörter 3 Minuten
2017-01-29 2017-04-24 29.01.2017 683 × gelesen

Siron, ein Sklave im Palast von Phaistos, der durch die einflussreiche Priesterin Hebe in die Mysterien eingeweiht wird, Keyx, ein Palastkind, das sich unter falschem Namen auf die gefährliche Suche nach seiner Herkunft macht, Moira, Amazonin und Sklavin eines thessalischen Fürsten, die sich nach einem Überfall auf das Schiff von König Aison auf eine kleine, von Verbannten bewohnte Insel unweit der kretischen Küste rettet: Das sind drei zentrale Personen in dem atmosphärisch dicht und spannend geschriebenen historischen Romans “Der Heros von Phaistos“ von Bettina Otto, der den Leser in das minoische Kreta um 1450 v. Chr. entführt. Aus dem Blickwinkel dieser drei Menschen und ihrer Lebensgeschichten, die sich im Laufe des Geschehens miteinander verflechten, zeichnet die Autorin das Bild einer in den Strudel umwälzender Veränderungen geratenen Gesellschaft, die in künstlerischer, politischer und religiöser Hinsicht eine Sonderstellung im östlichen Mittelmeer einnahm.

“Stellen Sie sich das Mittelmeer als eine Arena vor, umgeben von Rängen, über deren Brüstung sich dicht gedrängt die Völker lehnen: Die Ägypter mit ihrem Pharao Thutmosis III., der soeben den Thron bestiegen hat, unter ihm wird es Ägypten zur Großmacht bringen, die Hethiter mit ihrem König, eine Macht, die in Kleinasien entstanden ist, die Mykener mit ihrem Herrscher, der sich immer selbstbewusster in die Weltpolitik einmischt, und schließlich Troja mit seinem König, der den Zugang zum Schwarzen Meer und damit den Handel mit den Völkern des Nordens kontrolliert“, schreibt Bettina Otto in ihren Anmerkungen zum historischen Hintergrund ihres Romans.

Zum Zeitpunkt des geschilderten Geschehens neigt sich infolge der sich verändernden Machtbalance in der Ägäis sowie durch die Abgehobenheit und Erstarrung der regierenden Kaste in den großen Palästen Kretas die Jahrhunderte währende minoische Kultur ihrem Ende zu.

Der Untergang dieser Hochkultur auf Kreta gibt der Wissenschaft noch immer Rätsel auf. “Eindeutig widerlegt ist aktuell nur, dass eine einmalige Naturgewalt ihn verursacht hat - etwa ein Vulkanausbruch oder eine große Flut”, stellt die Autorin fest. Und sie unterstreicht die fiktive Grundlage ihres Romans, “dass ein Zusammenwirken der verschiedensten Einflüsse zum Vergehen dieser einmaligen Kultur geführt hat“. Ihr Wunsch sei es, “mit diesem Roman den Leser für diese wunderbare Kultur zu gewinnen und für das zu sensibilisieren, was wir ihr verdanken“, schreibt Bettina Otto (Jahrgang 1956). Und das gelingt der Autorin, die Germanistik und Geschichte studierte, freiberuflich als Hebamme arbeitete und heute als psychologische Beraterin in der Gegend von Tübingen tätig ist in ihrem Buch auf unterhaltsame Weise.

Zum Inhalt: Im Palast von Phaistos residiert die Hohepriesterin Sinope, mächtigste Herrscherin der Ägäis. “Ich habe meinem Roman eine Herrschaftsform auf Kreta zu Grunde gelegt, wie sie mir anhand der archäologischen Funde plausibel erscheint. Es herrscht zwar Matrilinearität (die Generationslinie setzt sich über die Frau fort), aber kein Matriarchat, denn neben weiblichen finden sich auch männliche Gottheiten in den überkommenen Abbildungen. Vieles deutet darauf hin, dass eine Frau auf dem Thron saß und die wichtigen Entscheidungen traf“, schreibt Bettina Otto. Der Sklave Siron, den das Heimweh zu seiner am Berg Ida lebenden Familie plagt, begegnet beim Verputzen und Bemalen der Palastwände der Priesterin Hebe. Diese Begegnung verändert sein Leben, denn die Priesterin, die Gefallen an Siron findet, nimmt ihn unter ihre Fittiche: Als Savati, Geschorener, gerät er mitten hinein in eine für ihn bis dahin fremde Welt, in der es darum geht, die einmal gewonnene Macht zu halten und zu verteidigen.
Das Palastkind Keyx, dessen ganze Verwandtschaft bei einem Erdbeben ums Leben gekommen sein soll und das ahnt, dass es einer von der Hohepriesterin erbittert verfolgten Sippe entstammt, muss nach einem dummen Jungenstreich aus dem Palast fliehen und fällt in die Hände von Räubern.
Gegen die Hoffnungslosigkeit der Todgeweihten, die offenbar Schuld auf sich geladen und die Göttin erzürnt haben, kämpft Moira vom ersten Augenblick an, als es sie auf die Insel der Verbannten verschlägt. “Ein seltsamer Glaube ist das. Bei uns Amazonen wird Schuld durch Opfer und Gebete gesühnt, und wenn es schlimme Vergehen sind, wird die Schuldige davongejagt. Aber sie kann gehen wohin sie will und ein neues Leben anfangen“, revoltiert sie gegen die Resignation der Inselbewohner. Und mit der Zeit kann sie das Vertrauen des “Weißhaarigen“ namens Kydon gewinnen, der mit den umwälzenden Ereignissen auf Kreta in unheilvoller Verbindung steht. Während Moira dank ihrer Aktivitäten - unter anderem stellt sie aus Erde Gefäße her und baut einen Brennofen - Hoffnung bei den namenlosen Todgeweihten weckt, lernt Siron das von den Sippen der Priesterinnen geprägte Palastleben kennen. Detailliert schildert die Autorin das Leben in den abgeschirmten Palastmauern, die Gebräuche und Feste zu Ehren der Göttin, die Intrigen.

“Unsere Magazine leeren sich, wir können kaum noch die Not der Armen lindern. Ein Hagelschlag im Frühling, ein trockener Sommer - die Göttin möge es verhüten - und wir haben die Bauern vor den Toren der Paläste und Villen stehen“, warnt die Priesterin Hebe die Hohepriesterin Sinope. Doch es bekommt einem nicht gut, wenn man sich gegen die Hohepriesterin stellt, das hat einige Jahre zuvor die Priesterin Skyra erfahren müssen. Alle, die Skyra unterstützt haben, die dann bei einem Erdbeben ums Leben kam, sind bestraft worden. Eine Zäsur am Ende des 12. Kapitels - weiter geht es im nächsten Kapitel dann fünf Jahre später - stört den Handlungs- und Lesefluss etwas: Siron hat zwei Jahre in den Steinbrüchen und eine tödliche Krankheit überlebt. Keyx kehrt unter seinem falschen Namen nach Kreta zurück und trifft Pelagia wieder, mit der er einst im Palast gespielt hat und die jetzt als neunte Priesterin die Lücke füllen soll, die durch den Tod der Priesterin Skyra entstanden ist. Auf der Insel haben die Todgeweihten dank Moira Lebensmut gewonnen. Geschickt verknüpft Bettina Otto die unterschiedlichen Handlungsstränge ihres von vielen und auf geheimnisvolle Weise miteinander verflochtenen Personen bevölkerten Romans, dessen dramatische Handlungen in den Stierspielen gipfeln.

Bettina Otto: Der Heros von Phaistos.
Verlag Dr. Thomas Balistier, Mähringen.
430 Seiten.
ISBN 978-3-937108-13-1

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