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Vassilis Papas: Frühmorgens am Felsrand

  630 Wörter 2 Minuten
2017-01-29 2017-04-24 29.01.2017 502 × gelesen

„Einem Fisch gleich schwimmt / eine weiße Wolke am Himmel. / Und die Sonne ein Köder, bei dem sie anbeißt. / Morgens am Rand des Felsens, die Stille ein aufgehängtes Bild. / Landschaft noch ohne Frühstück / gerade erst beginnt der Tag, an seiner Gitarre zu zupfen. / Ich betrachte diesen Garten / die Palme zusammen mit der Tanne / betrachte diesen Ort...“ – heißt es in Vassilis Papas‘ Gedichtzyklus „Frühmorgens am Rand des Felsens“, der neben weiteren Gedichten aus anderen Sammlungen des Dichters in dem vom Romiosini Verlag herausgegebenen griechisch-deutschen Gedichtband „Frühmorgens am Felsrand“ erschienen ist.

Die „Poetik des Raums“, die Bindung an Orte und Räume – wie an den Ort der Geburt, den Ort der Rückkehr, den Ort der Erinnerung oder den Ort der Dinge –, kennzeichnet, wie Antonis Kalfas in seinem Vorwort schreibt, die Dichtung des nordgriechischen Dichters, der 1954 in der in Zentral-Makedonien liegenden Stadt Edessa geboren wurde, in Florenz italienische Philologie studierte und heute in seiner Geburtsstadt lebt und arbeitet. Gedichte von ihm wurden – wie auch Prosastücke, Theaterstücke, Essays und Übersetzungen – in verschiedenen Zeitschriften und Zeitungen veröffentlicht. Edessa spielt eine besondere Rolle für Vassilis Papas‘ Werk – besonders auch in dem Gedichtzyklus „Frühmorgens am Rand des Felsens“, „wird doch“, so Kalfas, „der Stadt in ihrer dreifachen Beständigkeit begegnet – und zwar in geographischer, historischer und anthropologischer Hinsicht“.

Förmliche Angaben zur Umwelt, Flora und Fauna der Region bilden, wie Kalfas weiter schreibt, „den notwendigen Untergrund der Erinnerung, so dass diese in die Lage versetzt wird, die handfeste Wirklichkeit ins Leben zurückzurufen“. Hagia Sopia (eine einheimische Kirche), Mavrovouni, Kopranos, Manufakturen, Wassermühlen, der Hügel 606 vor den Toren Edessas, Bela Voda (weißes Wasser auf Grund der Specksteinvorräte des Berges Kaimaktsalan), die Ostrovo-Hügel: Das edessäische Landschaftsbild, das in „Frühmorgens am Rand des Felsens“ immer wieder eine Rolle spielt, stellt für Antonis Kalfas das gewichtige Element dar, „aus dem sich die poetische Substanz herauskristallisiert“. Doch Vassilis Papas macht den Leser seiner Gedichte, die von Theo Votsos aus dem Griechischen übersetzt wurden, nicht nur mit seiner Heimatstadt vertraut: Auch Athen, Thessaloniki, Sofia, Prag und Newstead Abbey, das im Wald von Sherwood unweit von Nottingham gelegene Schloss, das Lord Byron von der Familie seines Vaters erbte, sind Orte, zu denen Papas den Leser mitnimmt. „Schlaf friedlich, Athen. / Die Schicht hält Nachtwache an deinem Steuer. / Auf der Pireos, der Athinas und der Stadiou / die mit zwei Scheinwerfern zum Himmel hinauffährt. / Fünf Uhr im Morgengrauen / und der Platz leiert vergessen auf seinem Plattenspieler. / Indes die Nadel durch die Stille Rillen zieht, / sprudelt hervor eine Musik / voll mit Kratzern und Dellen“ heißt es in Vassilis Papas‘ Gedicht „Omonia“ aus dem Zyklus „Schriftstücke“. Aus der Sammlung „Paragraph 1,2“ stammt folgender Text: „In Hohlspiegeln beobachte ich die Zukunft. Ich empfange die Ereignisse, wie die Fahrzeuge in einer blinden Kurve. Und doch, ich wünschte dich zu empfangen. Schon von weitem deine Metalle zu erkennen, zu erhorchen deinen wahrscheinlichen Untergrund, indes er in der Sonne leuchtete oder funkelte. Ansichtig zu werden deiner bitteren Gedanken, geronnene Bewässerungsflüssigkeit in den Venen, und du dort durchsichtig, ein anatomisches Modell.“ Und Vassilis Papas‘ Zyklus „Tinte für kleine Gesten“ beginnt folgendermaßen: „Er hisste die weiße Fahne und plötzlich ergab sich uns, der Winter. Er legte seine Munition nieder, ein lebloser Körper. Schmerzhafte und friedliche Landschaft molk Schnee, trank Tropfen von Regenwasser, einlagernd den Frühling, den Sommer.“ Auch Geschichtsthemen und dem Dialog mit der Literatur räumt Papas in seinen Gedichten Platz ein. Der Ort des Gedichts bei Vassilis Papas, so Antonis Kalfas, „sind die Orte des Menschen, sind die Orte des Lebens in dessen ganzer Vorstellbarkeit“. Nachdem seine Texte bereits ins Englische, Schwedische und Italienische übersetzt worden sind, kann nun auch der deutsche Leser auf eine poetische Entdeckungsreise durch das Werk des nordgriechischen Dichters gehen.

Vassilis Papas: Frühmorgens am Felsrand.
Gedichte (griechisch-deutsch). Romiosini Verlag Köln.
162 Seiten. 16,80 Euro. ISBN 978-3-929889-86-4.