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Dem Dichter Manolis Anagnostakis zum 80. Geburtstag

  1.348 Wörter 5 Minuten
2017-01-11 2017-04-24 11.01.2017 410 × gelesen

“Innerhalb des poetischen Schaffens erscheint der Dichter mit dem Rücken zum Publikum,
 mit seinem Blick fest ausgerichtet einzig und allein auf das Objekt, d. h. auf die Reaktion,
 die durch das Geschehen hervorgerufen wurde.” J. A.

Obwohl diese Aussage von einem der tiefsinnigsten Kritiker des Dichters Manolis Anagnostakis, Jorgos Arajis, den Nagel auf den Kopf zu treffen scheint, zumindest was den zeitlichen und äußeren Rahmen seiner Dichtung angeht, eben dieses Festhalten am Objekt, bleibt sein Werk eine einzige Herausforderung des Publikums.
Manolis Anagnostakis, 1925 in Thessaloniki geboren, studierte Medizin zunächst an der Universität Thessaloniki und später in Wien, wo er die Fachausbildung für Röntgenologie abschloß. Er hat dann als Arzt in seiner Heimatstadt gearbeitet und seit 1978 in Athen. Als junger Student war M. A. während der deutschen Besatzung im Widerstand aktiv und kam 1943 ins Gefängnis. Während des griechischen Bürgerkriegs wurde er 1948 wegen politischer Betätigung in der Studentenbewegung erneut inhaftiert und 1949 zum Tode verurteilt. 1951 wurde er begnadigt und aus dem Gefängnis entlassen. Seine ersten Gedichte erschienen bereits seit1942 in Zeitschriften. Neben Gedichten (Piimata 1941-1971, “Marginalien” ´68- ´69 und “Das Ziel”, 1970) und Essays publizierte Anagnostakis literaturkritische Beiträge und wirkte zwischen 1944 und 1973 als Herausgeber und Redakteur in verschiedenen Zeitschriften (Piräotische Literatur, Neuer Start, Kritik, Fortsetzung), wie auch als Mitherausgeber der Bände “Achtzehn Texte” (1970), “Neue Texte” (1971) und Neue Texte II” (1971), die nach der Aufhebung der Vorzensur während der Militärdiktatur in Griechenland in eigener Verantwortung der Herausgeber erschienen. “Der Dichter Manussos Fassis. Sein Leben und Werk”, erschien 1987, “Die leise Stimme. Die Lyrik einer vergangenen Epoche im alten Rhythmus eine persönliche Anthologie von M. A.”, 1990.
Als Mitglied der Eurokommunistischen Partei Griechenlands K.K.E (essoterikou) beteiligte er sich am politischen Leben des Landes.

Bei den vielen Adjektiven, mit denen man ihn und seine Gedichte festzunageln glaubte, trotz der eigenen Offenheit, mit der er über seine Meinung, sein Verhalten, sein Schaffen gelegentlich in Essays und Interviews sprach und spricht, trotz der Durchsichtigkeit der historischen Ereignisse, auch trotz der vielen Versuche, diese Dichtung zu erhellen, ist und bleibt Manolis Anagnostakis ein verschlossener Mensch, ein in der Burg der Dichtung eingefangener Idealist, ein in sich zurückgezogener Meister des Worts und der Begriffe.


Schach

Komm, laß uns spielen.
Ich schenke dir meine Königin
(Für mich war sie mal die Geliebte
Jetzt habe ich keine Geliebte mehr)
Ich schenke dir meine Türme
(Jetzt schieß’ ich nicht mehr auf meine Freunde
Sie sind lange vor mir gestorben)
Und dieser König da, der war nie mein
Und überdies, was brauche ich so viele Bauern?
(Sie ziehen vorwärts, blind, gar ohne Träume)
Alles, sogar meine Pferde gebe ich dir
Nur meinen Verrückten da werd’ ich behalten
Der nur auf einer Farbe ziehen kann
Mit Riesenschritten von der einen Seite zur andern
Lachend ob deiner vielen Rüstungen
So wie er plötzlich in in deine Felder dringt
Die festen Positionen durcheinander bringend.

Und die Partie, die nimmt kein Ende.


Ja, er läßt zu, daß man über ihn und seine Dichtung allerlei sagt, und er sagt auch eine Menge dazu. Er reagiert aber weder in Erwiderungen noch in Gesprächen agressiv. Er spricht auch über andere Schriftsteller, vor allem über Prosa, da er ein Dichter ist. Oder über Politik und über das geistige Leben des Landes. Aber er läßt andere über seine Verse sich den Kopf zerbrechen. Er beobachtet alles und läßt dann einen Satz in den “Marginalien” Geschichte machen: “Die provozieren mich, hast du gesagt.”; oder einen Vers die ganze Last der in ihm aufgekommenen Gefühle tragen: “Seitdem sind viele Gedichte geschrieben worden ...”, oder er lächelt verschmitzt, wenn er über “Manussos Fassis”, den selbsternannten Dichter der Dichter, eine Biographie schreibt voller Ironie, ja fast Sarkasmus, die aber mit Vergnügen abgefaßt ist, da er darin sich selbst fassen will, sich selbst auf die Schippe nehmen, die von sich behauptete Unzulänglichkeit durchleuchten, für sich selbst sich zu entdecken versuchen. Denn Manussos Fassis ist Manolis Anagnostakis. Sogar hier immer fest auf dem ihm gebührenden Platz des “politischen und poetischen Ethos” bleibend, auf den Spuren der Dichtung tappend, deren passenden Schlüssel wir umsonst suchen werden, denn: “Die Glühbirnen kommen zur Ruhe, und Du nimmst den Schlüssel, / um ihn mit sicheren Bewegungen und ohne Skrupel in die Grube gleiten zu lassen ... / Ganz tief hinein in die dichten Wasser. / Dann weißt du bescheid: /die Dichtung ist nicht die Möglichkeit zu sprechen, / sondern die beste Wand, um unser Gesicht zu verbergen.

In einem Interview, das er der Zeitschrift “i lexi” im Jahr 1982 gewährt hat, spricht er über sich und die Dichtung allgemein:

- Frage: Sie sagen in den “Marginalien”, daß Sie “oft die Lieder in Ihrer eigenen Kehle erstickt hätten”. Aber auch in Ihren weiteren Gedichten erkennt man einen endlosen Kampf um Verdichtung, oft sogar einen Spott der dichterischen Sprache gegenüber als Ausdrucksmittel.
- Antwort: “Es ist wahr, ich habe sehr wenige Gedichte geschrieben. Wenige sind noch unveröffentlicht. Wenn ich manchmal wieder schreibe, indem ich in wenigen Versen eigene Erfahrungen und Erlebnisse ausdrücke, publiziere ich sie nur dann, wenn ich meine, daß sie einen “allgemeinen Zustand” beschreiben. Dann gebe ich sie in die Öffentlichkeit, aber mehr als eine “Geste für Kommunikation”. Nein, es ist nicht wahr, daß ich die dichterische Sprache als Ausdruckmittel verspotte.Vielleicht verspotte ich meine persönlichen Möglichkeiten als Dichter, da sie sehr begrenzt sind; obwohl hier das Wort “Mißtrauen” richtiger wäre!”

- Frage: Ihre Dichtung strahlt ein Gefühl von Niederlage und Enttäuschung aus. Welche war die schlimmste “Niederlage” Ihrer Generation?
- Antwort: “Ich glaube, daß die Geschichte Griechenlands 1946 - 50 und etwas später noch nicht geschrieben worden ist, bzw. daß sie noch nicht mit jedem Ausdrucksmittel “illustriert” wurde: nicht die Ereignisse, sondern das Klima, die Atmosphäre, der Alltag. Ich glaube, daß die Zeit des Bürgerkriegs die härteste, die tragischste, die schlimmste in Griechenland gewesen ist, ich würde noch mehr Adjektive benutzen wie: die am meisten entwürdigende, die unehrlichste; im Gegensatz zur deutschen Okkupation, die trotz ihrer Dramatik eine Zeit des Hochgefühls, der Hoffnung war. Die Besatzungszeit war eine bunte Tafel, wo das Schwarz mit dem Rot, dem Blau und mit allen Farben harmonierte. Die Farbe des Bürgerkriegs ist das absolute Schwarz von einem Ende zum anderen, und das Gedächtnis vermag nirgendwohin einen fröhlichen Blick zu werfen. Wenn es aber so ist, von welcher Niederlage oder Enttäuschung spricht man? Denn ich nehme das Etikett “Dichtung der Niederlage”, oder wie auch immer sie genannt wurde, nicht an. Die Dichtung jener Zeit oder über jene Zeit ist als ein Dokument eine der erschütterndsten Zeugenaussagen - ich wage es zu sagen - auf weltweiter Ebene.”

- Frage: Was meinen Sie mit dem Vers: Die sprechen sollten sind alle jung gestorben:? Meinen Sie bestimmte Personen, oder gilt der Vers als ein allgemeiner Protest?
- Antwort: “Ja, mit diesem Vers wollte ich das allgemeinere Empfinden über den Verlust der besten Menschen während der Besatzung, der Résistance und des Bürgerkriegs ausdrücken. Sie wurden nicht nur körperlich vernichtet, sondern auch moralisch und politisch, aber hauptsächlich menschlich. Ich glaube, daß das Zermalmen, die Zerstückelung unserer Generation so absolut war, daß es immer noch gilt: nicht mehr, “wie man besser leben soll, sondern ob man überhaupt überlebt”, denn ich glaube auch, “daß das Leben vorwärts geht” (Jannis Ritsos), aber nicht immer mit Fanfaren und Trommeln.”

Wir wollen, solang der Schlüssel seiner Dichtung verloren bleibt, sie nicht mit Gewalt öffnen. Doch das Lesen und Wiederlesen dieses eher schmalen Werks ermöglicht uns vielleicht, ihm etwas näher zu kommen. Und es lohnt sich!

2005 wurde der Dichter 80 Jahre alt, wie auch Mikis Theodorakis, der u. a. seinerzeit einige der schönsten Gedichte unter dem sehr bezeichnenden Titel “Balladen” vertont hatte. Unter demselben Titel erschienen zweisprachig, griechisch und deutsch, seine Gedichte 1941-1971 und Das Ziel 1983 (Romiosini 1987). Er wurde 1986 mit dem griechischen Staatspreis für Dichtung geehrt und 1997 zum Dr. h. c. der Universität Thessaloniki ernannt. Im Jahre 2000 wurde er von der Athener Akademie für sein Gesamtwerk prämiert. Anagnostakis wurde mit den Jahren leiser, ja er schwieg fast. Denn, wie er ehemals sagte: “Wie Nägel müssen die Worte eindringen. Ich habe bald verstanden, daß Tun und Schweigen genauso wirksame Ausdrucksmittel sind.”


BALLADEN
Manolis Anagnostakis
Köln:
Romiosini Verlag 1987
ISBN 3-923728-34-4

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