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Ioannis Zelepos: Rebetiko - Die Karriere einer Subkultur

  628 Wörter 2 Minuten
2017-01-11 2017-04-24 11.01.2017 575 × gelesen

Leben zwischen „teke“, Taverne und Gefängnis

Bouzouki-Spieler und Rebetiko-Lieder bei den Eröffnungs- und Schlusszeremonien der Olympischen Spiele 2004 in Athen: Das Rebetiko - die häufig auch verwendete Bezeichnung Rembetiko orientiert sich stärker an der Schreibweise im Griechischen - zählt zu den beliebtesten Gattungen der griechischen Musik und stößt seit einiger Zeit auch weit über die Landesgrenzen hinaus vor allem in den Vereinigten Staaten und Westeuropa auf großes Interesse. Die gegenwärtige Lebendigkeit dieser stark mythenbelasteten Musikgattung ist für den ausgewiesenen Rebetiko-Kenner, den 1967 in Hamburg geborenen Ioannis Zelepos, ein Phänomen, dem er sich in seinem gleichermaßen wissenschaftlich und historisch fundiert wie auch lebendig und spannend geschriebenen, im Kölner Romiosini Verlag erschienenen Buch „Rebetiko - Die Karriere einer Subkultur“ nähert.

Zwar stellt Zelepos gleich eingangs fest, dass er mit seinem Buch keine erschöpfende Antwort auf die Frage „Was ist Rebetiko?“ geben kann. Doch es gelingt ihm, überaus interessante Einblicke in die musikalische Struktur des Rebetiko und seine gesellschaftlich-historische Bedeutung zu geben und mit Vorurteilen und falschen Erwartungen aufzuräumen. Legenden und Anekdoten ranken sich um „Koutsavakides“, „Mangas“ und „Rebetes“, ihr Leben zwischen „teke“ („Haschischhöhle“), Taverne und Gefängnis, ihre Kultur und Mentalität. Zelepos erklärt zunächst, eingebettet in den historischen Kontext, die Bedeutung der verschiedenen - darunter auch die oben genannten - Begriffe des als typisch städtische Subkultur in Hafentavernen entstandenen Rebetiko, dessen Wurzeln, so der Autor, „im kulturellen Kontext des osmanischen Reiches“ liegen. Diese spezifisch griechische Musik sei jedoch weder klar orientalisch noch klar westeuropäisch.

Chronologisch zeichnet Zelepos, der Geschichte, Byzantinistik und Neogräzistik studierte, an der Freien Universität Berlin promovierte, selbst Bouzouki spielt und seit 1991 mit verschiedenen Rebetiko-Orchestern in Griechenland und Deutschland auftritt, dann die Entstehung und die geschichtliche Entwicklung des Rebetiko von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis in die heutige Zeit nach. Er spannt dabei den Bogen von der Schilderung der Lebensumstände und der gesellschaftlichen Situation der sich mit dieser Musik beschäftigenden Personen über die Bedeutung einschneidender politischer Ereignisse wie die Kleinasiatische Katastrophe, die Metaxas-Diktatur und der Zweite Weltkrieg bis hin zu der Wirkung auf andere Musikgenres und gibt damit ein wichtiges Stück Zeitgeschichte wider. Dank historischer Aufnahmen von Rebetiko-Größen wie Nikos Mathesis, Markos Vamvakaris, der Sängerin Roza Eskenazy, Vasilis Tsitsanis, Manolis Chiotis und vielen anderen mehr, die aus I. Petropoulos’ Buch „Rebetika Tragoudia“ stammen, wird diese Zeit auch optisch lebendig.

Im weiteren Verlauf analysiert Zelepos die Rebetiko-Lieder hinsichtlich ihres Rhythmus, ihrer Melodie, ihres Textes sowie ihrer Instrumentierung. Er stellt dabei fest, dass ein musikalisches Charakteristikum des ursprünglichen Rebetiko „eine relative Schlichtheit bis hin zum Minimalismus im Bereich der Instrumentierung, verbunden mit einem relativ großen Freiraum für Improvisation“ sei. Ein Zug von Ungebundenheit oder Freiheit finde sich nicht nur in der musikalischen Struktur, sondern auch im textlich-inhaltlichen Bereich, allerdings nicht politisch ausgerichtet, sondern individuell. Zelepos: „Die Inhalte spiegelten die Lebensumstände von Randgruppen wider, die entweder eigenen Gesetzen oder überhaupt keinen Gesetzen folgten, in jedem Fall aber ein Leben im Widerspruch zu etablierten Gesellschaftsnormen führten und insofern frei von deren Beschränkungen waren. Es waren jedoch niemals romantische oder politische Idealbilder der Freiheit, die in Rebetikotexten zuweilen zum Ausdruck kamen, sondern immer die Freiheit derjenigen, die ansonsten in ihrem Leben nicht mehr viel zu verlieren hatten, ob als völlig Verarmte, vorbestrafte Kleinkriminelle, Drogenabhängige, Prostituierte oder auf andere Weise, entehrte’ Frauen etc..“

Besonders reizvoll ist, dass Zelepos immer wieder einzelne Verse von Rebetikoliedern im griechischen Original und in ihrer deutschen Übersetzung zitiert, die sich damit wie ein roter Faden durch sein Buch schlängeln. Und schließlich stellt er einige der gattungsspezifischen Instrumente wie das Bouzouki und seine verschiedenen „Ableger“ (Baglamas, Tzouras, Misobouzouko) vor. Biografische Ausführungen zu Komponisten und Interpreten dieser Musikgattung in alphabetischer Reihenfolge - und mit einer kleinen Liederauswahl versehen - komplettieren das lesenswerte Buch über das Rebetiko und seine vielfältigen Erscheinungsformen.

Ioannis Zelepos: Rebetiko. Die Karriere einer Subkultur
Romiosini Verlag Köln
204 Seiten. 20,35 Euro
ISBN 3-929889-54-4

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