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Klaus Modick: Der kretische Gast

  934 Wörter 3 Minuten
2017-01-11 2017-04-24 11.01.2017 355 × gelesen

In seinem sprachgewaltigen Roman "Der kretische Gast" rollt Klaus Modick mit erzählerischer Leichtigkeit und einem bemerkenswerten Differenzierungsvermögen ein dunkles Kapitel der jüngeren deutsch-griechischen Zeitgeschichte auf.

Kreta 1943: Der Archäologe Johann Martens wird in kunsthistorischer Mission auf das von den Deutschen besetzte Kreta entsandt. Er soll Kunstgegenstände ausfindig machen, die sich als Raubgut für ein von allerhöchster Stelle geplantes germanischen Museum eignen. Vom Wehrmachtsoffizier Hollbach erhält er noch letzte Instruktionen und macht sich dann, mit einem Fotoapparat gewappnet, an die Arbeit. Die wird ihm jedoch unter dem Einfluss seines kretischen Fahrers Andreas, der sich als Mitglied einer Partisanengruppe entpuppt und bisweilen an Alexis Sorbas erinnert, zunehmend unwichtiger. Johann freundet sich mit Andreas an, wird immer stärker von der kretischen Lebensart und nicht zuletzt von Andreas’ Tochter Eleni angezogen. Er, der sich eigentlich aus allem heraus halten und das Ende des Krieges tatenlos abwarten wollte, muss nun Farbe bekennen. Johann wird Zeuge eines grausamen Wehrmachtsverbrechens, an dem auch Leutnant Hollbach beteiligt ist. Wie in Trance und zunächst unbemerkt fotografiert Johann die Szenen des Massakers, und als eine todbringende Razzia der deutschen Besatzer auch das Dorf von Andreas und seiner Familie bedroht, schlägt er sich unwiderruflich auf die Seite der Partisanen.

Hamburg 1975: Auf einem Flohmarkt erwirbt der Student Lukas zwei alte Fotografien. Eines der Fotos zeigt einen schnauzbärtigen Mann in einer seltsamen Tracht, das andere die Ansicht eines Hafens. Auf den Rückseiten der Bilder findet er geheime Botschaften in griechischer Schrift, die er gerne entschlüsseln würde. Er fragt seinen Vater, den uns schon bekannten Friedrich Hollbach, von dem er nur weiß, dass er während des Zweiten Weltkriegs als Soldat in Griechenland war. Doch der hat über diese Zeit das bleierne Gewand des Schweigens gelegt und reagiert äußerst gereizt und abweisend auf die Fragen seines Sohnes. Lukas findet auf anderem Wege heraus, dass die Fotos auf Kreta gemacht worden sind. Und so macht sich der frisch examinierte Lehrer im Sommer 1975 auf den Weg.

Die beiden, gut 30 Jahre auseinander liegenden Handlungsstränge lässt der Autor gegeneinander konvergieren, bis sie sich am Ende in einem großen Showdown miteinander vereinigen. Von der Liebe zwischen Johann Martens und Eleni war bereits die Rede. Der nach zweieinhalb Jahren auf Kreta endgültig zum kretischen Fischer und Gelegenheitspartisanen Jannis mutierte Ex-Archäologe Johann geht sogar so weit, die Dame seines Herzens in guter patriarchalischer Inseltradition zu entführen, um von deren Familie die Zustimmung zur Hochzeit zu erzwingen. Er heiratet Eleni, die ihm sogar eine Tochter namens Sophia schenkt, in die sich - wie könnte es anders sein - 30 Jahre später der Rucksacktourist Lukas Hollbach verliebt. Das Glücksmoment der Katharsis erleben wir in diesem Roman gleich mehrfach: Durch die Lüftung des Geheimnisses der beiden von Lukas in Hamburg erworbenen Fotos entdecken Lukas und Sophia die unheilvollen Bilder, mit denen Martens einst die Sühneaktion der Wehrmacht festgehalten hatte, Lukas kommt so der Vergangenheit seines Vaters auf die Spur, und auch Sophia selbst hat ihr Aha-Erlebnis, erfährt sie doch durch die Begegnung mit Lukas, dass ihr Vater kein anderer als Johann Martens war, der zu allem Überfluss auch noch von Hollbach Senior getötet worden ist. Hätte man es nicht schon seit längerem so oder so ähnlich erwartet, könnte man in der Tat vom furiosen Ende einer Geschichte sprechen, deren Konstellationen an antike Tragödien erinnern. Doch der Roman wirkt zu perfekt, die Geschichte zu konstruiert, die inneren Reaktionen der beiden Protagonisten auf die verführerischen Reize der Insel viel zu gleichförmig, um die Leser erschaudern zu lassen.

Nichtsdestotrotz verfügt "Der kretische Gast" über viele bemerkenswerte Facetten. Modick, der zur Generation der 68er gehört, geht keinem noch so heißen Eisen aus dem Weg: Er behandelt die Verbrechen der Wehrmacht während des Zweiten Weltkriegs und setzt sich mit dem Schweigen der daran beteiligten Soldaten und den Fragen ihrer Söhne und Töchter auseinander. Er geht mit viel Sympathie auf den kretischen Widerstand gegen die deutschen Besatzer ein, glorifiziert ihn aber nicht, sondern weist auch auf die inneren Widersprüche der Partisanengruppen hin. Und er wagt einen bitteren Ausblick auf die von den Großmächten geschmiedete Nachkriegsordnung, die gerade Griechenland mit einem verheerenden Bruderkrieg bezahlen musste. Trotz seines ernsten Hintergrunds liest sich "Der kretische Gast" stellenweise wie ein Abenteuerroman, in dem die großen zeitgeschichtlichen Fragen und die persönliche Tragik der Figuren mit einer fesselnden Geschichte verwoben und effektvoll in Szene gesetzt werden.

Ferner verfügt das Buch über klare Züge eines Entwicklungsromans: Mit ihrer Ankunft auf Kreta setzt bei beiden Protagonisten ein Wandlungsprozess ein, in dessen Zuge sich sowohl Johann als auch Lukas mehr und mehr von ihrer bisherigen Welt distanzieren, um sich in einen Zustand zeitloser Entrückung zu begeben. Dies ermöglicht ihnen der Autor freilich nicht zuletzt durch die hoffnungslos pathetische Mystifizierung Kretas. Bei den Beschreibungen der Insel schöpft Modick zwar von einem schier unerschöpflichen Arsenal sprachlicher Mittel, doch bei aller erzählerischen Eloquenz, bei aller Poesie und Bildhaftigkeit - seine Exkurse in die kretische Kultur und Tradition, in die Sitten, Gebräuche und Mentalität der Menschen driften leider viel zu oft ins Folkloristische ab. Damit setzt er seine sicherlich gut gemeinte Liebeserklärung an Kreta, die der Roman vor allem ist, unnötigerweise der Trivialität aus. Die Passagen, in denen insbesondere die kretische Gastfreundschaft unkritisch überhöht wird, und die wenig überzeugenden Liebesgeschichten sind allerdings die einzigen Ärgernisse eines ansonsten wirklich lesenswerten Buches.

Klaus Modick, Der kretische Gast,
Eichborn Verlag, Frankfurt a.M. 2003,
457 Seiten

Klaus Modick, 1951 in Oldenburg geboren, studierte Germanistik, Kunstgeschichte, Philosophie und Geschichte, ist ausgebildeter Gymnasiallehrer und arbeitete nebenbei als Werbetexter. 1984 veröffentlichte Modick seine erste Novelle "Moos" und ist seitdem als freier Schriftsteller und Kolumnist tätig. Für sein umfangreiches schriftstellerisches Werk wurde er mehrfach ausgezeichnet. Er lebt mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern in Oldenburg.

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