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Petros Markaris: Live

  511 Wörter 2 Minuten
2017-01-11 2017-04-24 11.01.2017 516 × gelesen

Die gute Nachricht gleich vorweg: Er hat ihn überlebt! Den Schuss, der ihn am Ende von "Nachtfalter" niedergestreckt hatte. Und er ermittelt weiter, zunächst zwar sehr lethargisch und noch miesepetriger als sonst, doch dann geht er in gewohnter Manier im alten Mirafiori auf Spurensuche durch das Athen jenseits von Akropolis und weißen Rosen. Die Rede ist von dem griechischen Kommissar Kostas Charitos, Leiter der Mordkommission von Athen, ein Alltagsheld mittleren Alters mit Macken (sein einziges Hobby ist das Lesen von Wörterbüchern) und Vorlieben (ein Croissant am Morgen, Souflaki am liebsten immer und gefüllte Tomaten meist als Waffenstillstands-Zeichen seiner Frau Adriani in den ehelichen Krisen), mit Problemen (schwierige Fälle und sein Chef Nicholas Gikas) und einem Galgenhumor (Rettung aus manch misslichen Situationen) - eine literarische Figur des in Istanbul geborenen und heute in Athen lebenden Autors Petros Markaris (Jahrgang 1937). Nach "Hellas Channel" und "Nachtfalter" liegt jetzt mit "Live!" der dritte "Fall für Kostas Charitos" in Romanform in deutscher Übersetzung vor.

Geht es in "Hellas Channel" unter anderem um zwei tote Albaner, die mit einem Scheinwerferständer zum Schweigen gebrachte Fernsehjournalistin Karajorgi und einen frisch aus der Haft entlassenen Kinderschänder, so steht in "Nachtfalter" eine bei einem Erdbeben zu Tage geförderte männliche Leiche im Mittelpunkt, die Kostas Charitos von seinem Inselurlaub mit nach Athen bringt - und die ihn nicht nur in die Athener Halbwelt führt, sondern fast, wie bereits eingangs erwähnt, ins Grab bringt. Glücklicherweise nur fast. Und so kann der noch krank geschriebene Charitos in "Live" wieder tätig werden - allerdings nicht offiziell als Leiter der Mordkommission, denn zum einen sitzt infolge der Krankheit Charitos’ dort bereits sein potentieller Nachfolger, und zum anderen ist der Fall eigentlich kein richtiger Fall.

Der erfolgreiche Bauunternehmer Jason Favieros erschießt sich in einer Live-Sendung vor laufender Fernsehkamera. Wie kommt ein Mensch dazu, seinen Abgang so spektakulär zu inszenieren? Diese Frage lässt Kostas Charitos, der zuhause die Live-Sendung verfolgt hat, nicht mehr ruhen. Ganz privat, aber tatkräftig unterstützt von Angeliki Kalafati, genannt Koula, der Sekretärin seines Chefs Gikas, nimmt er die Ermittlungen auf. Diese führen ihn unter der prallen Sonne Athens und im Schatten der Vergangenheit zu den Baustellen für das Olympische Dorf, in Firmen hinter Glas- und Stahlfassaden und in Reihenhäuschen der Vororte - immer vor Augen, dass auch sein Kommissarsjob auf dem Spiel steht.

Mit großer Lust am Fabulieren, mit Witz und Ironie erzählt Petros Markaris die realistisch anmutenden Kriminalgeschichten, die voll von ganz unterschiedlichen, nicht nur schwarz-weiß gezeichneten Figuren sind und den griechischen Alltag nicht im bekannten klassisch-antiken, sondern im Außenstehenden eher unbekannten modernen Athen lebendig widerspiegeln. Da geht es meist bei Hitze und Smog im Schritt-Tempo durch die vom Verkehr verstopften Straßen. Das kleinbürgerliche Milieu des Kommissars samt Frau und Tochter mit den Alltagssorgen stellt Markaris einer Gesellschaft gegenüber, die skrupellos auf ihre Vorteile bedacht ist und sich im schönen Schein des Luxus sonnt.

Bevor Markaris Kriminalromane schrieb, hat er Theaterstücke verfasst und sich einen Namen gemacht als Drehbuchautor von Theo Angelopoulos, als Fernsehautor und als Übersetzer von Brecht, Wedekind, Kroetz, Bernhardt, Schnitzler und Goethe; zuletzt übertrug er Faust I und II in Versform ins Griechische.

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