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Armand Marie Leroi: Die Lagune oder Wie Aristoteles die Naturwissenschaften erfand

  959 Wörter 3 Minuten
2019-02-27 2019-02-27 27.02.2019 15 × gelesen

Während die Insel Lesbos in der letzten Zeit fast nur noch im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise erwähnt wird, wissen nur sehr wenige, welche Bedeutung die Insel für die Entwicklung des naturwissenschaftlichen Denkens hat. Damit ist nicht die betörende Liebeslyrik der Lesbierin Sappho aus der Frühzeit der griechischen Dichtung gemeint sondern es geht um Aristoteles, den geistigen Riesen am Beginn des abendländischen Geisteslebens. Denn nach seinem erzwungenen Fortgang aus Athen, wo er seit seinem achtzehnten Lebensjahr zwanzig Jahre − d.h. vierzig Semester! − lang in Platons Akademie studiert hat, und einem kurzen Aufenthalt in Assos, heute an der türkischen Küste gerade gegenüber von Lesbos, flüchtete er vor den herandrängenden Persern auf die vorgelagerte Insel, wo er sich zusammen mit seinem treuen Freund, dem aus Eresos auf Lesbos stammenden Tyrtamos, von Aristoteles «Theophrast» genannt, der Naturforschung zu widmen begann.

Dieser Umstand ist mit dem populären Titel «Die Lagune» gemeint, denn er bezieht sich auf die heute Kolpos Kalloni genannte, von Süden weit in die Insel hereinragende und aufgrund ihrer Lebensbedingungen außergewöhnlich artenreiche Bucht, in der sich im Frühling und Herbst unzählige Vogelarten auf ihrem Weg zwischen Afrika und Europa versammeln. Der Neuseeländer Armand Marie Leroi, Dozent für evolutionäre Entwicklungsbiologie am Imperial College in London, präsentiert in diesem, von der Times als «must read» qualifizierten und nun auch auf Deutsch erhältlichen Buch die Ergebnisse einer langjährigen Beschäftigung mit dem Erfinder der Biologie als Wissenschaft, seinen Voraussetzungen, seinen Motiven, seinen Methoden, seinen Ideen, seinen Fehlern und seinen Errungenschaften.

Wie sein Vorgänger «Der Tanz der Gene. Von Zwittern, Zwergen und Zyklopen» (München 2004) zehrt das Buch von der lebendigen Art, wie der Autor sein Thema auf immerhin über einem halben Tausend Seiten erkundet, und von der Verbindung zwischen persönlichen Erlebnissen, ausgedehntem Fachwissen und immer neuen Ansätzen, die fünf zoologischen Schriften des Aristoteles «Über die Teile der Tiere», «Über die Bewegung der Tiere», «Über die Fortbewegung der Tiere», «Über die Entstehung der Tiere», sowie die «Tiergeschichte» zu analysieren, erkunden, zu verstehen, zu beurteilen und auszuwerten. (Dabei sei nur am Rande erwähnt, dass die Schrift über die Bewegung der Lebewesen im Herbst 2018 in einer neuen Edition erscheinen wird, die einen erst kürzlich entdeckten Überlieferungszweig berücksichtigt.)

Während die derzeit maßgebliche Aristoteles-Biographie von Carlo Natali dazu tendiert, die naturwissenschaftlichen Arbeiten des Philosophen herunterzuspielen, als seien sie nicht viel mehr als vom Hörensagen gesammelte Fabeln, zeigt Leroi den ganzen Umfang der aristotelischen Forschungen: Insgesamt über 400 Arten sind da in einer Reihe von Anhängen aufgelistet, von denen Aristoteles aufgrund der detaillierten Beschreibung innerer Organe viele sogar selber seziert haben muss. Leider fehlt der eigentlich nötige Hinweis darauf, welche dieser Tierarten denn nun in der Lagune zumindest heute nachweisbar sind, so dass man dem populären Titel auch gerecht werden und zumindest nahelegen kann, welche Lebewesen der Philosoph denn auch tatsächlich auf Lesbos beobachtet und studiert haben könnte.

Leroi greift in den über 100 Kapiteln alle wesentlichen Fragen und Probleme der aristotelischen Biologie auf, von der Frage nach der Gliederung der Arten (Taxonomie) über die Aspekte der methodologischen Gesichtspunkte bis hin zu den aristotelischen Grundkonzepten und -begriffen wie den Form/Stoff-Dualismus, die Vier-Ursachen-Lehre, den Zweck- und den Seelenbegriff. Gerade bei den mehr philosophischen Gesichtspunkten zeigen sich allerdings auch deutliche Schwächen, die nicht nur dem Problem der griffigen, zuweilen saloppen Veranschaulichung solcher Aspekte geschuldet sind. So ist ein Vogel kein «fliegender Werkzeugkasten», wenn man den Ursprung des Organbegriffes aus dem griechischen Wort organon=Werkzeug erläutern möchte. Und es ist nicht konsistent, wenn auf der einen Seite die wissenschaftliche Forschung ohne Blick auf den praktischen Nutzen als «Snobismus» bezeichnet wird, wenige Seiten später jedoch Aristoteles zugestimmt wird, dass die rein erkenntnisorientierte Forschung viel genauer und umfassender beobachtet als der eingeengte Blick auf vordergründigen praktischen Nutzen. Immerhin hat Leroi die intellektuelle Redlichkeit, im Anhang des Buches zu erwähnen, dass sein prominentester Lehrer der aristotelischen Philosophie, Allan Gotthelf (1942-2013), «bestimmt mit so einigem in diesem Buch nicht einverstanden gewesen» wäre (S. 511).  

So regt das Buch gerade an den zu flapsig vereinfachenden Stellen zum eigenen Nachdenken an, insbesondere dort, wo die fast unvermeidliche Überheblichkeit moderner, insbesondere darwinistisch orientierter Biologen angesichts sachlicher Fehler oder (heute) leicht widerlegbarer Erklärungsversuche hervortritt. Immerhin wird der Autor durch Aristoteles immer wieder zu Grundfragen wie dem Zweck lebendiger Wesen oder dem Ursprung des Lebens geführt.

Bezeichnend hierfür ist eine Fußnote, in welcher Leroi das berühmte Argument des englischen Mathematikers und Astronomen Fred Hoyle aufgreift, der meinte, dass die Wahrscheinlichkeit der Entstehung lebendiger Strukturen durch Zufall vergleichbar ist mit der Wahrscheinlichkeit, dass ein Tornado, der über einen Schrottplatz fegt, eine Boeing 747 aus den dort herumliegenden Materialien hervorbringt.  Um dieses Argument zu widerlegen, fügt Leroi in das Referat des Arguments den Zusatz „[durch natürliche Auslese]“ ein, um danach erklären zu können, Auslese sei eben kein Zufall, sondern „ein festgelegter, kreativer Prozess“ (S. 97). Boyle meinte jedoch gar nicht die Entwicklung der Arten auf der Basis bereits existierenden Lebens, sondern das Auftreten des Lebens selbst, das Darwin mit seiner Theorie der biologischen Entwicklung auch gar nicht zu lösen vermeint hatte.

Da die zumeist kurzen Kapitel nicht strikt aufeinander aufbauend sind, kann der Leser das Buch immer wieder von neuem zur Hand nehmen und in eine neue Facette der aristotelischen Naturforschung eintauchen, nicht als trockenes Referat, sondern als lebendiges Gespräch mit einem Autor, der unablässig zu eigenem Urteil und Nachdenken über scheinbar Bekanntes aufruft. Vor allem aber wird man hingewiesen auf die dem Alltagsmenschen gewöhnlich verborgenen und staunenswerten Phänomene der Natur, von denen man noch heute beim Gespräch mit den Fischern von Lesbos so manches erfahren kann.

Prof. Dr. Roland Halfen

Armand Marie Leroi
Die Lagune oder Wie Aristoteles die Naturwissenschaften erfand.
Aus dem Englischen von Susanne Schmidt-Wussow und Manfred Roth
Theiss Verlag / Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2017.
ISBN 9783806235845, Gebunden, 528 Seiten, 38.00 EUR.