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Ludwig Ross und Ernst Curtius: Griechenlandreisende in neuem Gewand

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2018-08-21 2018-08-21 21.08.2018 88 × gelesen

Im Vergleich zu anderen Europäern waren deutschsprachige Besucher bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts eher selten in Hellas zu Gast. Zwar findet sich schon im 14. Jahrhundert ein gewisser, zwischen 1336 und 1341 bezeugter Ludolf von Sudheim aus Osnabrück, der auf seinem Pilgerweg zum Heiligen Land auch durch Griechenland gereist ist und das in seinem Werk De itinere terrae sanctae liber dokumentiert hat, um nachfolgenden Pilgern eine Orientierung geben zu können. Doch das erfolgte gewissermaßen nur als Beschreibung einer Strecke des Weges, wie auch der fast zwei Jahrhunderte später von Hans Jakob Breuning von Buchenbach immerhin schon in Deutsch verfasste und 1612 in Straßburg gedruckte Reisebericht Orientalische Reyss über Griechenland nur als Etappe auf dem Weg in den Orient berichtete. Spanier, Italiener, Niederländer und seit dem 16. Jahrhundert vor allem Briten und Franzosen waren da bereits häufiger an die Öf-fentlichkeit getreten. 

So finden sich im 17. Jahrhundert bereits eine ganze Reihe britischer und französischer Reiseberichte, während sich bei den Deutschen erst allmählich ein gezieltes Interesse an Griechenland abzuzeichnen beginnt: Neben Ulrich Friedrich Hombergk (gest. 1688), einem hessischen Fähnrich im Heer des Grafen Königsmark, der 1687 Briefe aus Griechenland verfasste, sowie dem deutschen Ingenieur Miller, der eine Ansicht Athens mit der Pulverexplosion des Parthenon wiedergab, wäre hier allein Johann Georg Transfeldt (1648-1698) aus Strasburg in Westpreußen zu nennen, der sich 1675-1676 in Griechenland aufhielt und eine erste altertumskundlich orientierte Schrift mit dem Titel Examen reliquiarum antiquitatum Atheniensum verfasste. Transfeldt war allerdings aufgrund eines leid- und wechselvollen Lebens eher nach Athen verschlagen worden als dass es das Ziel einer geplanten Expedition gewesen wäre. Und der nur bruchstückhaft überlieferte Text könnte auch eher durch die Bekanntschaft mit dem Lyoner Arzt Jacques Spon, dem ersten gelehrten Griechenlandreisenden von Rang, angeregt worden sein, den Transfeldt wahrscheinlich in Athen kennen gelernt hat und für den er später in Aleppo nach antiken Münzen fahndete.

Während Briten und Franzosen im 18. Jahrhundert mit jeweils über einem Dutzend Schriften und Bildern die Mehrheit der dokumentierten Besuche in Griechenland stellen, sind die 1773 unter dem Titel Remarques d’un voyage moderne au Levant in Amsterdam und ein Jahr später auf deutsch in Leipzig publizierten Berichte des hessischen Freiherrn Johann Hermann Riedesel zu Eisenbach ein Markstein für die Reiseliteratur in deutscher Sprache. Goethe fand Riedesels Werke in der Bibliothek seines Vaters Johann Caspar und trug dessen Buch über Süditalien auf seiner italienischen Reise «wie ein Brevier oder Talisman am Busen», ja er nannte ihn gar seinen «Mentor», dessen Namen er lange «aus heiliger Scheu» verschwiegen habe. Riedesel war ein enger und hochgeschätzter Freund Johann Jakob Winckelmanns, dessen 1764 erschienenes Hauptwerk, die Geschichte der Kunst des Altertums, zugleich den Beginn der modernen Altertumsforschung und die Initialzündung für die Griechenlandbegeisterung der deutschen Klassik darstellt. Obwohl Winckelmann mit seiner durchgängigen Betonung der unmittelbaren Begegnung mit antiken Werken eigentlich zum Griechenlandreisenden prädestiniert gewesen wäre, sah er das Land seiner Träume dennoch niemals mit eigenen Augen: «Ich wünschte die Ruinen von Athen gesehen zu haben, allein man muss seinen Wünschen ein Ziel setzen.» Er meinte ein erreichbares Ziel. Doch bevor er seinen erst allmählich reifenden Plan, in Olampia mit eigener Hand den Spaten anzusetzen, realisieren konnte, fiel er auf einer Rückreise nach Deutschland in Triest einem Mordanschlag zum Opfer.

Anders als der Weg nach Sizilien war eine damalige Reise mit dem Segelschiff von Süditalien über das Meer nach Griechenland eine riskante Expedition ins Ungewisse und Ungesicherte, der Sprung in einen weißen Fleck auf der Landkarte, zumal das damals noch von den türkischen Osmanen beherrschte Land hinter einer scharfen kulturellen Grenzlinie lag und man nirgendwo auf freiwillige Unterstützung der Einheimischen und der Behörden bauen konnte. So sollte es noch weitere vierzig Jahre dauern, in denen man keine deutschen Reiseberichte, sondern nur deutsche Übersetzungen französischer oder englischer Werke hatte – wie etwa das 1776 erschienene Travels in Greece von Richard Chandler, Nicholas Revett und William Pars, das noch im selben Jahr von Friedrich Boie und Heinrich Voß ins Deutsche übertragen wurde –, bis am Anfang des 19. Jahrhunderts der kunstsinnige Bankierssohn und spätere Diplomat Levin [später Jakob Ludwig] Salomo Bartholdy nach seinem Studium in Königberg eine ausgedehnte Bildungsreise durch Europa und Kleinasien unternahm, und 1805 in Berlin seine Bruchstücke zur näheren Kenntnis des heutigen Griechenland publizierte.

Zwischen 1810 und 1817 bereiste dann der «erste deutsche Archäologe auf griechischem Boden», Freiherr Haller von Hallerstein (1774-1817) das Gebiet des alten Hellas. Zusammen mit dem Maler Jakob Linckh aus Bad Cannstadt ergruben sie am 22. April 1811 auf der Insel Aigina die ersten Giebelskulpturen des Athenatempels, die heute in der Münchner Glyptothek zu sehen sind. Wie aus Linckhs Tagebuch hervorgeht, verkehrten sie damals mit namhaften britischen Griechenlandfreunden und -forschern wie Lord Byron, Charles Cockerell und John Foster. Ihr «Antikenraub» war allerdings nichts Neues, denn der Engländer Lord Elgin hatte bereits ab 1800 mit einem ausgewählten Team begonnen, antike Skulpturen und Reliefs von der Akropolis hinüber nach England zu verfrachten. Im darauffolgenden Sommer unternahmen Haller, Foster und Cockerell zusammen mit dem estnischen Archäologen und Zeichner Baron Otto Magnus von Stackelberg eine Expedition zum Apollontempel von Bassae in Arkadien, und von Stackelberg veröffentlichte nach jahrelanger Arbeit an den von ihm verfassten Zeichnungen und der Dokumentation der Expedition erst 1829 seinen wirkmächtigen Folioband La Grece. Vues pitturesques et topographiques.

Nach Johannes Bramsens Reise durch die ionischen Inseln … und Griechenland von 1819 – bezeichnenderweise wiederum ein Jahr zuvor auf englisch publiziert – entstand mit dem Beginn des griechischen Freiheitskampfes ab 1821 eine kaum noch übersehbare Fülle an Reisberichten in deutscher Sprache. Viele Deutsche hatten sich damals mit Begeisterung dem sich in Westeuropa ausbreitenden Idealismus eines freien Griechenland angeschlossen und ihre Erlebnisse in Briefen an die Heimat niedergeschrieben. Als dann mit dem Ende der Türkenherrschaft und der Einsetzung des – damals noch unmündigen – Wittelsbachers Otto I. als erstem neuzeitlichen König Griechenlands den Europäern ab 1832 sozusagen der Weg nach Hellas geebnet war und der Wiederaufbau Athens mit Hilfe west-europäischer Architekten in Angriff genommen wurde, stand einer freien Erkundung des Landes und dem lebhaften literarischen Austausch nichts mehr im Wege. Aus dieser Fülle an Literatur seien an dieser Stelle zwei Autoren eigens hervorgehoben, deren Werke unlängst jedem Griechenlandfreund und -wissenschaftler in Neudrucken zugänglich gemacht wurden (siehe die Anzeige des Verlages fines mundi) und die beispielhaft für die enge Beziehung zwischen Deutschland und Griechenland bei der Wiederentdeckung, der Erschließung und der Pflege der berühmtesten antiken Stätten stehen können.

Ludwig Ross (1806-59) reiste nach seinem Studium der Medizin, Ornithologie und klassischen Philologie 1832 aufgrund eines Stipendiums nach Griechenland, wo er kurz darauf Konservator der Altertümer der damaligen Hauptstadt Nauplia wurde. Als er später in Athen zum Oberkonservator der Altertümer und und ersten Kurator der Akropolis von Athen ernannt wurde. Ließ er unter anderem den Niketempel wieder aufbauen. Zugleich war er Vorsitzender der örtlichen Baukommission und ab 1837 auch der erste Professor für Archäologie an der neu gegründeten Athener Otto-Universität. In seinen Erinnerungen schildert der bodenständige, mit genauer Beobachtungsgabe und unabhängigem Urteil begabte Gelehrte die teilweise skurrilen Umstände des damaligen politischen, wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens, von der hölzernen Baracke für die ersten Volksversammlungen in Nauplia – wo den Anwesenden wegen des strengen Rauchverbots ihre Pfeifen von außen durch eigens hinein gesägte Löcher gereicht wurden – über die ersten akademischen «Vorlesungen» – vor einer Handvoll Anwesender in einem bescheidenen Häuschen an der Akropolis – bis zur Herstellung des ersten Metallofens in Athen mit Hilfe eines Schmiedes – von herbeieilende Schaulustigen mit dem Ausruf kommentiert: «Allah ist groß und die Weisheit der Franken ist ohne Ende.»

Der Neudruck seiner Reisen durch die griechischen Inseln unterscheidet sich von anderen Printausgaben durch hohe herstellerische Qualität. Von der Auswahl des Papiers über den gleichmäßigen Druck bis zum schönen und zugleich schlichten Einband mit Leseband: überall spürt man den bewussten – man könnte fast sagen buchkünstlerischen – Umgang mit dem Material, und das alles zu einem fairen und erschwinglichen Preis. Eine Produktion, die vor den kommunikativen und distributiven Möglichkeiten des Internets wahrscheinlich so nicht möglich gewesen wäre, und daher auch zeigen kann, dass der immer wieder beschworene Antagonismus der beiden Medien keineswegs das letzte Wort war. Zwischen teuren Originalausgaben und fehlerhaften Print-on-demand-Nachdrucken bietet dieser Reprint-Verlag etwas für jeden, der sich eine geistig-sinnliche Freude am Buch erhalten hat, sie pflegen oder sogar steigern möchte.

Dasselbe gilt für den gewichtigen Klassiker von Ernst Curtius (1814-1896), sein zweibändiges Peloponessos von 1851/52. Das vielleicht bedeutendste Mitglied der großen Forscherfamilie war nach seiner Ausbildung als Philologe zunächst als Hauslehrer bei dem Philosophen Christian August Brandis in Athen tätig, nach seiner Rückkehr dann Erzieher des preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm und zugleich Dozent an der Universität in Berlin, wo er 1868 Professor der klassischen Archäologie, dann Direktor des königlichen Museums und schließlich Rektor der Universität wurde. 1871 betraute ihn die Regierung mit der Leitung der von ihm angeregten Grabung in Olympia, bei der die berühmten Skulpturen und Reliefs des Zeustempels, der Hermes des Praxiteles und viele andere Werke der Antike wieder ans Licht des Tages kamen.

Was dieses Werk noch heute lesenswert macht, ist nicht nur die unglaublich weit gespannte und detaillierte Gelehrsamkeit des Autors, was die antike Literatur betrifft, sondern seine persönliche Fähigkeit zur geographischen Auffassung und Beschreibung im Kontext der damals aktuellen wissenschaftlichen Erschliessung des Landes. Man erhält keine bloße Zusammenstellung bereits hochgradig abgeklärten Wissens wie etwa in Kirsten-Kraikers Griechenlandkunde, sondern nimmt im Lesen gewissermaßen selbst am Prozess der wissenschaftlichen Erkundung Griechenlands teil, immer wieder durchflochten mit Erörterungen, ob und inwieweit es sich bei dieser oder jenen Ruinen um diese besondere, von den antiken Autoren erwähnte Stadt handeln könnte. Auch hier ist die herstellerische Leistung des Verlages mustergültig, was sich nicht zuletzt an der Kunst zeigt, den neuen Einband so zu wählen, dass er ohne Anachronismus dennoch dem Charakter eines solchen Werkes aus der Mitte des 19. Jahrhunderts gerecht wird. 

Ernst Robert Curtius: Peloponnesos, Erster Band, Historisch- geographische Beschreibung der Halbinsel Peloponnes, Original erschienen bei Verlag von Justus Perthes 1851, 496 Seiten, Verlag: Fines Mundi Verlag, Sprache: Deutsch, Schrifttyp: Latein, Art.Nr.: Mit0052-01, Format: Oktav (23 x 15), Gewicht: 0,89 KG, Preis: 53,00 EUR.

Ernst Robert Curtius: Peloponnesos, Zweiter Band, Historisch- geographische Beschreibung der Halbinsel Peloponnes, Original erschienen bei Verlag von Justus Perthes 1852, 640 Seiten, Verlag: Fines Mundi Verlag, Sprache: Deutsch, Schrifttyp: Latein, Art.Nr.: Mit0052-02, Format: Oktav (23 x 15), Gewicht: 1,08KG, Preis: 71,00 EUR.

Ludwig Ross: Reisen auf den griechischen Inseln des ägäischen Meeres, Erster Band - Syros, Tenos, Delos, Rhenäa, Naxos, Paros, Jos, Thera, Therasia, Anaphe, Kythnos, Keos, Seriphos, Syphnos, Pholegandros, Sikinos und Amorgos. Original erschienen Druck und Verlag der J. G. Cotta’ schen Buchhandlung 1840, 208 Seiten, Verlag: Fines Mundi Verlag, Sprache: Deutsch, Schrifttyp: Fraktur, Art.Nr.: Mit0034-01, Format: Oktav (23 x 15), Gewicht: 0,49 KG, Preis: 33,00 EUR.

Ludwig Ross: Reisen auf den griechischen Inseln des ägäischen Meeres, Zweiter Band - Andros, Syros, Mykonos, Amorgos, Asthypaläa, Nisyros, Knidos, Kos, Kalymnos, Telendos, Leros, Patmos, Samos, Ikaros, Delos, Rhenäa, Gynaros, Belbina. Original erschienen Druck und Verlag der J. G. Cotta’ schen Buchhandlung 1843, 196 Seiten, Verlag: Fines Mundi Verlag, Sprache: Deutsch, Schrifttyp: Fraktur, Art.Nr.: Mit0034-02, Format: Oktav (23 x 15), Gewicht: 0,47 KG, Preis: 33,00 EUR.

Ludwig Ross: Reisen auf den griechischen Inseln des ägäischen Meeres, Dritter Band - Melos, Kimolos, Thera, Kasos, Karpathos, Rhodos, Chalke, Syme, Kos, Kalymnos, Jos. Original erschienen Druck und Verlag der J. G. Cotta’ schen Buchhandlung 1845, 192 Seiten, Verlag: Fines Mundi Verlag, Sprache: Deutsch, Schrifttyp: Fraktur, Art.Nr.: Mit0034-03, Format: Oktav (23 x 15), Gewicht: 0,48 KG, Preis: 34,00 EUR.

Ludwig Ross: Reisen auf den griechischen Inseln des ägäischen Meeres, Vierter Band - Kos, Halikarnassos, Rhodos und Cypern. Original erschienen Druck und Verlag der J. G. Cotta’ schen Buchhandlung 1852, 216 Seiten, Verlag: Fines Mundi Verlag, Sprache: Deutsch, Schrifttyp: Fraktur, Art.Nr.: Mit0034-04, Format: Oktav (23 x 15), Gewicht: 0,50 KG, Preis: 33,00 EUR.

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