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Thanassis Lambrou: Labyrinth

  1.426 Wörter 5 Minuten
2018-08-21 2018-08-21 21.08.2018 44 × gelesen

Wir möchten Ihnen den Dichter Thanassis Lambrou vorstellen in Begleitung seines Dichterfreundes Durs Grünbein, seines Verlegers Ingo Držečnik vom Elfenbein Verlag und des Schauspielers Stefan Butt, der Gedichte aus dem Band „Labyrinth“ rezitieren wird. Dieses Buch ist vor etwas mehr als einem Jahr veröffentlicht worden, die erste Übertragung, sie stammt von Herbert Speckner, aus dem bis jetzt fünf Bände umfassenden lyrischen Werk von Thanassis Lambrou.

Zu seiner literarischen Tätigkeit gehört auch ein äußerst umfangreiches Werk mit Übertragungen aus der deutschsprachigen Literatur, das Dichtungen aus einem Zeitraum von vierhundert Jahren umfasst:

Genannt seien die Sprüche von Angelus Silesius; dann Gedichte, immer reich kommentiert, von Friedrich Hölderlin, Rainer Maria Rilke, Georg Trakl – und aus der Gegenwart Texte und Gedichte von Hans Magnus Enzensberger und Durs Grünbein. Hinzu kommt, zum ersten Mal in griechischer Sprache herausgegeben, der Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe.

Der Anlass, die deutsche Sprache und das Land kennenzulernen, war für Thanassis Lambrou die Beschäftigung mit Hölderlins Roman „Hyperion“. 

Mit seinen Übersetzungen möchte Thanassis Lambrou dazu beitragen, der griechischen Leserschaft die wesentlichsten und tiefsten Inhalte einer anderen Literatur als innere Hilfe für die Gegenwart anzubieten.

In Athen gibt es den Perispomeni Verlag, der sich ausschließlich den Übertragungen deutschsprachiger Literatur widmet. Wenn man sich das Programm ansieht, sind dort die eben genannten Dichter zu finden und weitere wie Novalis, Hugo von Hofmannsthal und Gottfried Benn und aus der Philosophie, um nur einige zu erwähnen, Meister Eckhart, Fichte, Hamann und Schelling. Der Perispomeni Verlag, so heißt es in seiner Ankündigung, ist der „einzige Verlag heute in Griechenland, der sich ernsthaft bemüht, die weitgehend unbekannte deutschsprachige Literatur bekannt zu machen. Auf diese Weise möchte der Verlag die lange und fruchtbare griechisch-deutsche geistige Tradition weiterführen und vertiefen“.

In Deutschland ist es der Berliner Elfenbein Verlag, der innerhalb seines Programms, und das ist heute eine Besonderheit im deutschen Verlagswesen, eine Reihe mit griechischen Dichtungen führt – hier sind es Werke aus dem 20. und 21. Jahrhundert. Erwähnt seien Dichtungen des Nobelpreisträgers Odysseas Elytis und Jannis Ritsos – wunderschön gestaltete Ausgaben.

Thanassis Lambrou, in Lamia geboren, studierte zunächst in Thessaloniki Rechtswissenschaften, dann in Freiburg Philosophie, Klassische Philologie und Kunstgeschichte. In Berlin ist er mehrere Jahre als Botschaftsrat tätig gewesen.

In dem Werk „Labyrinthos“, zu dem Durs Grünbein ein umfangreiches Nachwort verfasst hat, und das in besonders schöner Weise mit einem Widmungsgedicht für den Freund schließt, geht es um Persönlichkeiten aus den Bereichen der Kunst, Philosophie, Wissenschaft und Religion – eine Versammlung bedeutendster Geister aus einem Zeitraum von 3 500 Jahren. Es sind Repräsentanten, nicht nur aus dem europäischen, sondern auch aus dem asiatischen und amerikanischen Geistesleben – also wirklich eine Weltversammlung. Erstaunlich und auch rätselhaft, wie der Dichter diese vielen, so unterschiedlichen Individualitäten hat darstellen können – eine bewundernswerte Vertiefung in die Menschheitsgeschichte. Oft kann bei diesen Darstellungen an Raphaels Fresko „Schule von Athen“ gedacht werden – auch dort sind Gestalten aus verschiedenen Zeiträumen zusammengeführt, miteinander im Gespräch oder in einem gemeinsamen Handeln.

Der Band beginnt mit dem Monolog eines Dichters aus der frühesten irischen Zeit, um 1 500 vor der Zeitenwende – Amergin, der mit vielen „Ich bin“-Worten von seiner Welten umfassenden Einigkeit sprechen kann.

In späteren Zeiten äußern sich so noch die Weisen Empedokles und Konfuzius.

Doch es ereignen sich Veränderungen: Im 2. nachchristlichen Jahrhundert sagt der römische Kaiser Hadrian: „Ich richtete mein Gebet an die Sonne und die Mutter Erde. / Was hat es gebracht?“

Schließlich sagt im 13. / 14. Jahrhundert der türkische Dichter Yunus Emre: „Ich bin nichts als eine offene Wunde.“

Eine lange, tiefsinnige Darstellung gibt Thanassis Lambrou von dem Weg des „Ich bin“ einer Allverbundenheit über das „Ich bin nicht mehr“ bis zu dem „Ich werde – oder ich möchte wieder sein“.

Im 20. Jahrhundert sagt in überraschender Weise der griechische Dichter Angelos Sikelianos, der in Delphi Festspiele für einige Jahre einrichtete und durch eine neue Gemeinschaft zu einer Völkerverständigung beitragen wollte: „Das Feuer der Schönheit durchfuhr mich – ein gewaltiger Blitz. / Mein ganzes Leben ein heiliger Hymnus, / eine einzige Heimkehr zur Wurzel der Dinge.“

Aber solche Worte stellen eine Ausnahme dar. Im letzten Gedicht von „Labyrinthos“ wird die Sehnsucht nach der entschwundenen All-Einheit und die Hoffnung, sie wiederzuerlangen, ausgesprochen: „Erklär mir, Liebe, wie ich die in der Herzjagd der Welt / verlorengegangene Seele wiederfinde, / wie ich lieben kann / alle Geschöpfe und Dinge, / den großen Atem der Welt / wie ich den Blick richten muss, um zu sehen / in den Flüssen die hell aufstrahlenden Götter.“

In ihrem Buch „Wegbereitung – Der Spur folgen, beharrlich, bei Tag und Nacht – Aufgabe, Möglichkeit und Reichtum des Menschen“ sagt die Autorin Veronica Gradl:

„Was würde aus der Weltliteratur, wenn niemand mehr Interesse an ihr hätte? Sie würde, zusammen mit ihren phantastischen Räumen und aller Wissenschaft, aus den Buchseiten verschwinden – und mit ihr auch die Fähigkeit, sie lesend wiederzuentdecken. Die Bücher selber wären sinnlos noch da, während der Boden verschwände, auf dem unsere Gedanken gehen – dazu auch der Himmel, in dem unser ‚inneres Jenseits’ wohnt. SEELE müsste verschwinden, wenn sie keine ‚Welt aus Anteilnahme’ mehr in uns haben könnte. Wir sollten uns in aller Sorgfalt bewusst machen, wie tief und formend das ‚Gedankenerbe’ aus Jahrtausenden in alles eingearbeitet ist, was wir heute ‚alltäglich’ benützen.“

Und diese „Welt aus Anteilnahme“ an den Entwicklungen der gesamten Menschheit begegnet uns in der Dichtung von Thanassis Lambrou.

In dem Gesprächsbuch „Erde und Himmel“, im Aquinarte Verlag erschienen, das sich auf der Grundlage von „Labyrinthos“ entfaltet, gibt der Dichter Einblicke in das, was sein Anliegen ist. Es geht gerade heute um eine kontemplative Lebenshaltung, eine Seelen-Bewahrung und um die Erfahrung eines anderen oder erweiterten, inneren Griechenlands.

Der Begriff „Griechenland“, so schreibt Thanassis Lambrou, umfasst mehr als nur eine geografische Region, er ist auch keine geschichtliche Vergangenheit, sondern er bedeutet eine „Sehnsucht nach dem heilen ganzen Menschen“, dem heute so sehr viel entgegenwirkt.

Doch auf diesen anderen, inneren Bereich immer wieder hinzuweisen, ist eines der wesentlichen Anliegen der Poesie – und dann, früher oder später, könnte sich das entwickeln, was Novalis in einem Gedicht sagt, dass die „wahren Weltgeschichten“ mit ihren Himmel und Erde umfassenden Dimensionen in „Gedichten“, in der Poesie erkannt werden können.

In dem Labyrinthos-Band gibt es auch einige Gedichte, die nicht Persönlichkeiten, sondern bedeutenden Orten gewidmet sind. Ich lese das Gedicht „Delphi“:

Delphi
Hier erhebt sich die Zypresse aus Feuer,
das eine Ölbaummeer weitet sich und das andere auch,
hier trafen sich die von Zeus ausgesandten zwei Adler,
hier ist der Pfad, der hinaufrankt bis zu den Quellen,
wo das Herz von ganz Griechenland pocht.
Hier ist der pinienbewaldete Abhang,
die schräggehaltene Lyra mit Saiten lebendiger Stille
aus Binsen und Myrten.
Hier ist der Stein der Sibylle,
den der Efeu umwucherte, ohne sein Feuer zu löschen,
hier der goldene Dreifuß und der Nabel der Erde.
Hier ist der Wagenlenker, welcher die Berge ins Joch spannt,
kerzengerade wie ein eherner Speer,
ohne Gefühle, aber mit lodernden Augen,
hier ist Pindars eiserner Thron
und höher noch hinauf
das Nest, das auf einer Flammenzunge
sich ein Königsadler baute,
um mit den Winden
die vollkommenen Mysterien zu feiern,
mit ragenden Felsenklippen als Priester.
Hier ist der Heilige Herd
und von den streng verschlossenen Räumen der allergeheimste,
der noch immer den Kern der Verkündigungen birgt,
vor allem aber sind hier Apollon (ein heiterer Hauch,
der manchmal die Saite erklingen lässt, manchmal den Bogen)
und Dionysos,
einiges Reich zweier Herrscher,
dieses blitzende Vogelgezwitscher,
das wie ein Netz alle Dinge erhaben umfängt:
mit einer anderen Wahrheit, einer anderen Reinheit
und einer anderen Freiheit.
Und ich erwäge
(für all jene mit reinen Herzen und Augen
und einer feurigen Liebe),
dass dieses Delphi wohl weiter nichts ist
als das Leben selbst, das voranschreitet (einer Auferweckung entgegen?)
mit Erdbeben, Sintfluten und aufgähnenden Schluchten,
und wo es entzweibirst wie ein verwundeter Felsen,
wuchern dann lebhaft
Quellen, Vögel, Lorbeerbäume und Zypressen
und jene Blumen, die alle Narben bedecken – die Anemonen.

Thanassis Lambrou – Labyrinth, Gedichte, Übersetzung: Herbert Speckner, Nachwort: Durs Grünbein, 120 Seiten, Verlag: Elfenbein Verlag, Auflage 1: November 2014, Sprache: Griechisch – Deutsch, ISBN-10: 3941184318, ISBN-13: 978-3941184312, Größe: 15,4 x 1,5 x 22,1 cm.