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Mark Mazower: Griechenland unter Hitler - Das Leben während der deutschen Besatzung 1941-1944

  499 Wörter 2 Minuten
2018-08-21 2018-08-21 21.08.2018 98 × gelesen

Kürzlich im messenischen Urlaubsdomizil unweit von Kalo Nero mit seinem kilometerweiten, größtenteils naturbelassenen Sandstrand fand sich ein Peloponnes-Reiseführer, den die Adam Editions Athen 1995 in acht Sprachen veröffentlicht hat. Auf 264 Seiten werden Auskünfte über die „geschichtlichen und touristischen Sehenswürdigkeiten“ erteilt, u.a. über Kalavryta. Man erfährt allerhand Belangvolles, wundert sich über Irrtümer und vermisst dann allerdings doch einen Hinweis auf den 8. Dezember 1943. Wer aktuell bei Wikipedia nachliest oder auf YouTube das Filmchen von Konstantinos M. Anagnostou anschaut, wird über dieses Datum kurz und knapp informiert. Arbeiten wie „Inside Hitler’s Greece. The Experience of Occupation, 1941-1944“ des britischen Historikers Mark Mazower dürften der lange geübten Verdunkelung jüngster Vergangenheit entgegenwirken, auch hierzulande, wo dieses Werk einundzwanzig Jahre nach der Erstveröffentlichung nun in der Übersetzung von Anne Emmert, Jörn Pinnow und Ursel Schäfer vorliegt.

Gleich in der Einleitung geht der Autor auf ein Filmdokument ein mit den Worten: „Der wohl schaurigste Filmabschnitt zeigt eine Kleinstadt in den Bergen. Obwohl es kaum Anzeichen für Zerstörungen gibt, sind die Straßen merkwürdig leer. Im Schatten der Zypressen gehen mehrere schwarzgekleidete Frauen langsam einen Weg entlang, eine nach der anderen. Aus den Notizen des Kameramanns geht hervor, dass die Bilder in Kalavryta im Norden der Peloponnes entstanden, fast genau ein Jahr nachdem Wehrmachtssoldaten alle Männer der Stadt erschossen hatten.“ Wie erklärt Mazower die grausamen, Kriegsrecht missachtenden Verbrechen? Sie wurden zu einem Zeitpunkt begangen, als nach Stalingrad, Rückzug aus Nordafrika, Kapitulation Italiens, Bombardierungen der eigenen Heimat usf. das Scheitern der deutschen Militärstrategie offenkundig war? Er verweist auf den Einfluss der NS-Propaganda und konstatiert: „Kaum ein Historiker vertritt noch die einst verbreitete Ansicht, die Wehrmacht sei für das NS-Dogma unempfänglich gewesen.“ Nach diesem Dogma galten die Griechen als „entnordete Arier“, d.h. als „Untermenschen“, und die jüdischen Einwohner ohnehin als „lebensunwert“. Sich steigernder faschistischer Terror stachelte den Volkswiderstand an. Auf die Rolle der Nationalen Befreiungsfront (EAM) geht Mazower ausführlich ein. Er würdigt ihre Leistungen bei der Selbstverwaltung der Landesteile, die dem Zugriff der Besatzungsmacht und ihrer Athener Marionettenregierung mehr und mehr entzogen worden waren. Und er schildert die Tragödie, die nach Abzug der deutschen Wehrmacht im Oktober 1944 im Bürgerkrieg mündete und mit dem Eingreifen der britischen Armee im Dezember 1944 die Niederlage der demokratischen Kräfte herbeiführte. Als „Grenzstaat im Kalten Krieg“, so Mazower, blieb die griechische Gesellschaft gespalten.

Die agierenden rechtsgerichteten, von der Unterstützung durch die USA abhängigen Regierungen „waren nicht in der Lage, gegen einen deutschen Staat Ansprüche geltend zu machen. Daher war die Frage der Entschädigung zwischen Griechenland und der Bundesrepublik Deutschland eine überwiegend hypothetische. Das heißt jedoch nicht, dass sie erledigt war.“ Mit diesem Buch in die Welt der 1940er Jahre zurückzukehren, in der Nation gegen Nation stand und eine bereits verarmte Welt - – die Welt der griechischen Landarbeiter, Bauern und Arbeiter – weiter zerstört wurde, lässt die heutige Problemlage tiefer erfassbar werden.

Mark Mazower  - Griechenland unter Hitler. Das Leben während der deutschen Besatzung 1941-1944, 528 Seiten, Verlag: S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, Auflage: 2016, Sprache: Deutsch, ISBN-13:  9783100025074.