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Distomo - Argyris Sfountouris

  1.568 Wörter 6 Minuten
2018-08-16 2018-08-16 16.08.2018 104 × gelesen

Jannis Ritsos, Epigramm für Distomo
Hier ist die Erde bitter, es ist die bittere Erde von Distomo. 
Vorsicht, Besucher, gib Acht, wohin dein Fuß tritt - es 
schmerzt das Schweigen hier, schmerzt jeder Stein am Weg, 
es schmerzt vom Opfer und auch vom harten Menschenherz. 
Hier eine schlichte Tafel bloß, eine Stele aus Marmor mit allen 
Namen, ganz bescheiden - und die Ehre steigt empor, Seufzer 
um Seufzer, Sprosse um Sprosse einer langen, langen Leiter. 
(Deutsch von Argyris Sfountouris) 

Unermüdlich geißelt Argyris Sfountouris seit Jahren die regierungsoffiziell betriebene Verharmlosung deutscher Kriegsverbrechen. Am 10. Juni 1944 war er dem Massaker von Distomo entkommen. Niemals wird er sich damit abfinden, dass das, was damals - und am selben Tag auf gleiche Art in Oradour-sur-Glane - geschah, wahrheitswidrig als "Maßnahme im Rahmen der Kriegsführung" abgetan wird. Mit dem so lautenden Bescheid servierte ihn die Athener Botschaft ab. Deren Schreiben vom 23. Januar 1995 ist ausgefertigt im Auftrag der Bundesregierung, gezeichnet: Schmid. Als überlebendes Opfer, das geschichtliche Wahrheit einfordert, wird Argyris Sfountouris weithin anerkannt und geachtet. "Trauer um Deutschland", die Sammlung seiner Reden und Aufsätze aus den Jahren 1994 bis 2015, geht gegen die harte Mauer der Blindheit vor und wird weiter die Augen öffnen. Sfountouris lässt sich davon leiten, dass ohne Erinnern keine Versöhnung gelingen kann. Doch die Getöteten, sie können weder erinnern noch berichten. Also tritt nun er in den Zeugenstand. Aus Verbitterung darüber, dass er zu oft auf taube Ohren trifft, bereitet er Dokumente auf, über die er viel lieber geschwiegen hätte. Sie sind erschütternd, nur schwer zu ertragen. Aber obrigkeitliche Arroganz und leere Worthülsen angeblich Gutmeinender zwingen zu Klartext. Vertreter vom Comité International Genève des Roten Kreuzes hatten am 23. Juni 1944 in Athen festgehalten, womit sie vier Tage zuvor in Distomo konfrontiert waren. Es ist grausam, was in diesem Bericht steht, acht Schreibmaschinenseiten lang, auf Französisch, hier auch in deutscher Übersetzung wiedergegeben, die Namen der Opfer sind geschwärzt: "N.N. ist getötet worden, sowie auch ihre 4 Kinder, deren ältester 7 Jahre alt war, auch der Vater wurde getötet. Der kleinste, ein Baby von 3 Monaten, wurde von den Einwohnern mit aufgeschnittener Halsschlagader und einem Teil der Eingeweide um den Hals geschlungen, aufgefunden. Die Brust seiner Mutter war abgeschnitten und in den Mund des Kindes gestopft." - "N.N., ein junges Mädchen von 20 Jahren, wurde zuerst vergewaltigt und dann von unten bis zur Brust mit dem Bajonett aufgeschlitzt." - "N.N., die schwanger war, wurde aufgeschnitten, die Eingeweide und der Embryo wurden herausgerissen." Mit "Maßnahme im Rahmen der Kriegsführung" hat all das nichts zu tun, das sind eindeutig Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Und kaum zu glauben, selbst vom deutschen Oberkommando Südost in Thessaloniki wurden damals die Erschießungen als Befehlsverletzung bezeichnet. Es ist eher eine rhetorische Übung, wenn Argyris Sfountouris laut darüber nachsinnt, worauf diese Bestialität und die nachfolgende, bis heute anhaltende Ignoranz zurück zu führen sind. Für ihn zeigt sich darin das Wirken und Nachwirken des Nazi-Wahns. Als Mitursachen für beispiellose Enthemmung bezeichnet Mark Mazower in seinem Schlüsselwerk "Griechenland unter Hitler" (1993, deutsch 2016) Frust und Wut über das Scheitern (Rückzug aus El Alamein am 2. November 1942, Kapitulation in Stalingrad am 31. Januar 1943, beginnende Flächenbombardements auf das Ruhrgebiet am 5. März 1943, Waffenstillstandsabkommen zwischen Italien und der Antihitler-Koalition am 3. September 1943, Landung in der Normandie am 6. Juni 1944) und den wachsenden Volkswiderstand (Sprengung der Gorgopotamos-Brücke am 25. November 1942). Sfountouris erörtert das Distomo-Massaker und die Distomo-Lüge als solche, ohne umfänglich auf das damalige Kriegsgeschehen generell und die nachfolgende Geschichtsverdrängung einzugehen. Hierüber ist in den zurückliegenden Jahren Wesentliches herausgearbeitet worden (Hagen Fleischer, Herrmann Frank Meyer, Christoph U. Schminck-Gustavus, Katerina Králová, Rena Molho, Anestis Nessou, Eberhard Rondholz, Rainer Eckert, Anna-Maria Droumpouki, Susanne-Sophia Spiliotis u.a.). Doch wichtig war es ihm zu bekunden, dass es auch Überlebende in Distomo gab. Das heißt, dass unter einer entmenschten Soldateska einige wenige sich ihr Gewissen bewahrt hatten. Vielleicht ist auch hierin sein Glaube begründet, dass diese Welt sich letztlich doch ihren Gerechtigkeitssinn bewahren wird. Gegen erklärte Schuldunfähigkeit ist nur schwer anzuschreiben. Dass Verantwortung vor der Vergangenheit nicht aufhebbar ist, davon lässt Sfountouris sich allerdings nicht abbringen. Er beklagt: "Niemals hat Deutschland sich dazu bereitgefunden, Griechenland als unabhängigen, gleichberechtigten Staat zu behandeln. Wirtschaftliche und politische Erpressung und geheimdienstliche Nötigung waren seit der Gründung der BRD alleinige Berührungspunkte". Unausgesprochen ist mit dieser Kritik die Erwartung verbunden, dass dieses "Niemals" ein Ende finden möge. Das ist längst an der Zeit, ohne Wenn und Aber. 

Der noch nicht einmal vierjährige Argyris hatte am Samstag, dem 10. Juni 1944, die Eltern und dreißig seiner Angehörigen verloren. Erst den Vater und dann auch die Mutter erschossen vor sich liegen zu sehen, das war unfassbar. Sein Vaterhaus war niedergebrannt, nicht mehr bewohnbar. Aus der Geborgenheit herausgerissen worden und hilflos zu sein, ließ an der Welt verzweifeln. Kindheitserinnerungen, so sie denn unbeschwert sind, werden zumeist erst wieder lebendig, wenn sich das eigene Leben seinem Abend zuneigt. Argyris Sfountouris war sein ganzes Leben hindurch von der Bürde der Erinnerungen bedrängt. Nach lastender Zurückhaltung gibt er nun mit "Schweigen ist meine Muttersprache" Auskunft, wie er trotz anfänglichem Verweigern wieder Lebensmut gefasst, einen fordernden Bildungsweg auf sich genommen, wichtige Funktionen bekleidet und sich zum Fürsprecher Distomos gemacht hat. Gleichgesinnte erweisen ihm heute höchste Ehrerbietung. Griechisch ist seine Muttersprache. Exzellent ist er ebenfalls im Deutschen zuhause. Vom Waisencamp Ekali am Rande Athens war der Achtjährige ins Schweizer Pestalozzi-Dorf Trogen, ein Zentrum für Kriegswaisen Europas, gekommen, hatte später in Zürich Mathematik und Physik studiert, anschließend eine Lehrtätigkeit begonnen und war danach für Hilfsorganisationen unterwegs, vornehmlich in Schwarzafrika. Auf seine Heimat schaut er mit dem kritischen Blick des Welterfahrenen. Sein Griechentum hat sich der - seit vierundvierzig Jahren - Schweizer Staatsbürger bewahrt. Werke großer Autoren seiner Heimat, Nikos Kazantzakis, Giorgos Seferis, Nikiforos Vrettakos, Konstantinos Kavafis, Odysseas Elytis, zuvorderst Jannis Ritsos, hat er übersetzt und interpretiert. Und er hat immer wieder das Wort ergriffen, um mit der neugriechischen Literatur vertraut zu machen. Denn ohne Mittler bleiben ihre Stimmen, zumal diejenigen, die von Distomo künden - z.B. Marinos Siguros (in der Zeitschrift "Estia" 1946, deutsch 1961) oder Jannis Ritsos -, nur wenig vernehmlich. Er weiß nur zu gut, dass im eigenen Land - wie eigentlich überall auf der Welt - weder Fischersfrauen noch deren Männer lesen, da sie "alle Stunden des Tages dem schwierigen Broterwerb widmen müssen. Leser ... sind die Künstler, die Intellektuellen, die wissensdurstige Jugend, all jene also, die eine Alternative für möglich halten, denen die Suche nach einer Alternative zur Plage wird." Und die sich trotzdem nicht entmutigen lassen, für Freiheit und Gerechtigkeit einzutreten. "Die wahre Größe des Menschen / Wird gemessen mit dem Maß der Freiheit". Um die Lebenden geht es Jannis Ritsos mit diesen Worten - und ebenso um die Getöteten, deren Hoffnung, Ängste und Freiheit mit ihnen begraben sind. Im Verlauf seiner Geschichte hat das griechische Volk immer wieder Tragisches durchlitten. "Gerade seine Erniedrigung macht es umso ehrenvoller, sein Freund zu sein", lautet das Zitat, mit dem Argyris Sfountouris an Lord George Gordon Noel Byron erinnert. 

Die breite Sympathie mit den Hellenen einerseits kann nicht über die Schieflage der Beziehungen auf staatlicher Ebene andererseits hinwegtäuschen. "Kredite und Anleihekäufe zu Gunsten Griechenlands bringen Deutschland jedes Jahr einen hohen Gewinn ein. Insgesamt beläuft sich der Profit auf 1,34 Milliarden Euro" (Süddeutsche Zeitung vom 11. Juli 2017). Vor diesem Hintergrund ist die Haltung der Bundesrepublik bezüglich der Hypotheken der deutschen Besatzungsherrschaft in Griechenland (s. dazu die Aufsatzsammlung von Karl Heinz Roth und Hartmut Rübner, Berlin 2017) besonders fatal. Patric Seibel geht in seiner Argyris-Sfountouris-Biografie "Ich bleibe immer der vierjährige Junge von damals" ausführlich darauf ein, welches Verdienst der Distomo-Anwalt sich erworben (und was es ihn - auch im wörtlichen Sinne - gekostet) hat, die Frage der Reparationsschuld einer Klärung zuzuführen. Der Bremer Rechtswissenschaftler Peter Derleder äußert hierzu: "Auch wenn Argyris Sfountouris mit seinem Schadensersatzverlangen wegen Distomo in allen deutschen Gerichtsinstanzen unterlegen ist, ... ist sein Beitrag für die moderne Rechtsentwicklung von wesentlicher Bedeutung. Mit dem Argument, dass nach dem Horror des Zweiten Weltkrieges die Beschränkung des Kriegsvölkerrechts auf Ansprüche zwischen den Kriegsparteien in keinem Fall mehr gerechtfertigt ist, hat die Linie hinreichenden Auftrieb erhalten, die Individualansprüche der Opfer eröffnet .... In jedem Fall wäre es aber gerade für die Bundesrepublik Deutschland, die nach zwei Weltkriegen mit mörderischen Angriffsfeldzügen und einer Fülle schwerster Kriegsverbrechen endlich zu einer stabilen demokratischen Form gefunden hat, ein officium historicum, auf dem Boden des nationalen Rechts einen individuellen Anspruch nicht nur auf Einhaltung des Kriegsvölkerrechts, sondern auch auf zivilrechtliche Entschädigung bei Verstößen gegen dieses zu gewähren. Dazu sind der BGH und das BVerfG, die dies bislang offen gelassen haben, nachdrücklich aufgerufen." Was es mit diesem officium historicum, der Verpflichtung vor der Geschichte, auf sich hat, zeigt Patric Seibel auf beeindruckende Weise an der Lebensgeschichte von Argyris Sfountouris. Das sophokleische "Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da" ist ihm zur Lebensmaxime geworden. Um ermessen zu können, was es bedeutet, sich zu dieser Maxime zu bekennen, bedurfte diese Biografie keiner dramatischen Überhöhung, dass einem beim Lesen der Atem stockt. 

Argyris Sfountouris
Trauer um Deutschland. Reden und Aufsätze eines Überlebenden. 
Herausgegeben von Gerhard Oberlin 
Königshausen & Neumann. Würzburg 2015 
169 S., 24,80 Euro  

dto., Schweigen ist meine Muttersprache 
Griechenland - seine Dichter, seine Zeitgeschichte 
Herausgegeben von Gerhard Oberlin
Königshausen & Neumann. Würzburg 2017 
341 S., 39,00 Euro  

Patric Seibel 
"Ich bleibe immer der vierjährige Junge von damals" 
Das SS-Massaker von Distomo und der Kampf eines Überlebenden um Gerechtigkeit 
Westend. Frankfurt am Main 2016 
285 S., 22,00 Euro