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Kambas Chryssoula und Marilisa Mitsou (Hrsg.): Die Okkupation Griechenlands im Zweiten Weltkrieg

  830 Wörter 3 Minuten
2018-07-30 2018-07-30 30.07.2018 134 × gelesen

„Manolis Glezos und Apostolos Santas hatten in den frühen Morgenstunden des 31.5.1941 im Alleingang die auf der schwer bewachten Akropolis aufgestellte Hakenkreuzfahne heruntergeholt und galten seitdem als Helden des Widerstands“ (Andrea Schellinger). Was nicht verhinderte, dass Glezos 1959 wegen Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei zum Tode verurteilt wurde. Anhaltender internationaler Protest – auch seitens der DDR-Öffentlichkeit, wie von Eberhard Rondholz dargelegt – wendete den Mord ab. Doch der Name des auch jetzt noch immer agilen Gerechtigkeitsfanatikers fehlt im 20-bändigen Bertelsmann Universallexikon aus Gütersloh von 1991, und in Meyers Universal-Lexikon aus Leipzig von 1979 ist er ebenfalls weggelassen worden. Nein, eine Plattitüde ist das wahrlich nicht, wenn Yanis Varoufakis eben erst darauf verweist: „Es gibt eine Kultur des Widerstands in Griechenland“. Denn wie die Beiträge zum 2012 in München veranstalteten Symposium „Erinnerungskultur und Geschichtspolitik der Okkupation Griechenlands (1941-1944)“ offenbaren, war dieses Thema lange Zeit eher dem Vergessenmachen und einer Null-Kultur unterworfen. Diese blockierte Materie gleichsam wie mit einem Keil weiter aufzuspalten, darin liegt die Leistung des jetzt vorliegenden Protokollbandes der Münchener Tagung.

Schon einige wenige Statements aus dem weit gefächerten Themenspektrum erhellen die Gründe, die zu dem geschichtspolitischen Trend geführt haben, „lieber das Gras wachsen zu lassen‘ über diesen verhängnisvollen deutschen Anteil an der jüngeren Geschichte Griechenlands“. (Chryssoula Kambas)

Hagen Fleischer: „Im Schatten des Kalten Krieges und des deutschen Wirtschaftswunders betrieben die Athener Regierungen gegenüber dem übermächtigen Allianzpartner eine fast schon servile Appeasement-Politik in Bezug auf die jüngste Vergangenheit. Nur in Griechenland konnten die Repräsentanten Bonns ehemalige Partisanen im Idiom der Wehrmacht (sowie der Regierung des Gastlandes!) als ‚Banditen‘ abqualifizieren und die Kollaborateure buchstäblich wieder salonfähig machen; in jeder anderen alliierten Hauptstadt hätten sie anderntags als persona non grata die Koffer packen müssen.“

Polymeris Voglis: „In einer Feier am 29. August 1989, an der Bürgermeister, Polizeiführung, Vertreter der Widerstandsorganisationen und viele andere teilnahmen, verbrannten im Hochofen der Stahlfabrik ‚Chalivourgiki‘ 7.500.000 Millionen Polizeiakten – gegen den Protest vieler Historiker, die die Bedeutung dieser Dokumente für die Geschichtsforschung betonten. Der Beschluss der Regierung, historische Dokumente vernichten zu lassen, war ein Signal für ihren Willen, die entsprechenden Konflikte aus dem historischen Gedächtnis zu tilgen. So gründete sich die politische Konsenskultur eher auf Vergessen statt auf Erinnerung.“

Anna Maria Droumpouki: „Die ‚posttraumatische’ Situation in Kalavryta speist sich aus der langjährigen Wirkung des Traumas und der Übertragung der traumatischen Erinnerung auf die folgende Generation. Diese ‚Meta-Erinnerung‘ (Postmemory) von Kalavryta ist bis heute aktiv – nicht unähnlich einem Vulkan, der jederzeit ausbrechen kann. Als makabres, aber charakteristisches Paradox sei abschließend erwähnt, dass bei den letzten Parlamentswahlen (2012) im Bezirk Kalavryta Hunderte für die Hitler-Nostalgiker der faschistoiden ‚Goldenen Morgenröte‘ stimmten.“

Odette Varon-Vassard: „Erstmalig weisen die Schulbücher, die im Herbst 2007 für die 3. Klasse der Mittelstufe und für die Abschlussklasse der Oberstufe erscheinen, Erwähnungen des ‚Holocausts an den Juden‘ auf. So unzureichend diese auch sein mögen, liefern sie doch erstmalig Anlass für die Behandlung des Themas im griechischen höheren Schulsystem.“

Michalis Lychoumas: „Eine Reise auf den Spuren der jüdischen Orte Makedoniens und Thrakiens ähnelt heutzutage mehr den amerikanischen misery tours als einem Entdeckungserlebnis. Der kulturelle Reichtum des früher dichten Netzes der Gemeinden kann nirgends gefunden werden. Nur die Mahnmale an die Vernichtung stehen abstrakt im öffentlichen Raum.“

Helga Karrenbrock über Erhart Kästner: „Noch die neueren Ausgaben von Ölberge, Weinberge ziert das Etikett, ‚Kästners Bücher gehören zu denen, die in unserem überhasteten Dasein so etwas wie Inseln der Ruhe sind‘ – darin besteht der eigentliche Skandal, dass diese Inseln mit dem Schweigen über die jüngste Vergangenheit und ihre Verursacher erkauft sind.“

Chryssoula Kambas über Michael Guttenbrunner und Walter Höllerer: „Beide Dichter kommen im Laufe der Jahre auf ihre Erfahrung und ihr Tun im besetzten Griechenland zurück und bringen ihre z.T. damals entstandenen Gedichte erneut heraus. Und anders als bei Erwin Strittmatter oder Erhart Kästner geschieht dies nicht zum Zweck, die eigene Biographie zu retuschieren und unverdächtig zu machen. Vielmehr rufen sie die eigene Teilnahme an der Besatzung in Griechenland in Erinnerung, um bestimmte literarische Öffentlichkeiten u.a. mit dem Fakt der Okkupation Griechenlands zu konfrontieren.“

Martin Vöhler zu Aussagen Erich Arendts: „Um den ‚Invasionen und Unterdrückungen‘ standzuhalten, hätten sie [die Bewohner der Ägäis] ‚die List als eine Tugend‘ kultiviert. Der Einsatz der List habe nicht nur Odysseus zum Überleben verholfen, sondern auch den Partisanen genutzt in den ‚Taten der Freiheitskriege gegen die Türken und in den blutigen Kämpfen gegen das Hakenkreuz in den kretischen Bergen.‘ Mit der Freiheit und Selbstbehauptung der Griechen greift Arendt einen weiteren Topos auf, den Winckelmann maßgeblich geprägt hatte. In seiner Geschichte der Kunst des Altertums (1764) wird die politische Freiheit der Griechen zum Fundament ihrer schönen Kunstwerke.“

Auch dieses Buch im Ganzen ist mehr als die Summe seiner einzelnen, den jeweiligen aktuellen Stand der Diskussion darbietenden Beiträge. Die Ausreden, dass man beschämend lange zu wenig über dieses Kapitel der deutsch-griechischen Geschichte wusste, erweisen sich hinfort als Lüge.

Kambas, Chryssoula und Marilisa Mitsou (Hg.): Die Okkupation Griechenlands im Zweiten Weltkrieg. Griechische und deutsche Erinnerungskultur. Böhlau Verlag. Köln Wien Weimar 2015, 509 S., 59,90 Euro ISBN: 978-3-412-22467-7