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Tom J. Dunbabin: An archeologist at war - Die Hirten von Kreta

  1.594 Wörter 6 Minuten
2018-07-24 2018-07-24 24.07.2018 125 × gelesen

Die Hirten von Kreta
Erinnerungen aus den Bergen Kretas (1942-1944) von Tom J. Dunbabin

Vor einiger Zeit bin ich auf das Buch von "Tom J. Dunbabin. An archeologist at war" gestoßen, wo er seine Erinnerungen an seine Jahre auf Kreta (1942-1944) beschreibt, als er als Leiter der britischen "Special Operations Executive" mithalf, den Widerstand gegen die deutschen Besatzer auf der Insel zu organisieren. Er lebte in dieser Zeit oft versteckt in Höhlen und wurde von den einheimischen Hirten in den Bergen versorgt. Seine Erinnerungen schildern neben den Kriegshandlungen auch die Gebräuche und seine Erlebnisse mit den Einheimischen, und mir ist dabei vor allem das Kapitel über die Hirten von Kreta aufgefallen. Obwohl ja erst 75 Jahre seit damals vergangen sind, scheint doch vieles, was Dunbabin so beschreibt, inzwischen der Vergangenheit anzugehören

"Markus List"

Der Hirte ist der wahre König der Berge. Er kann monatelang mit seinen Schafen auf dem Berg sein, ohne ins Dorf zu kommen, und er kennt jeden Ast und Stein in seiner Gegend. Seine Fähigkeit, sich im Freien zu bewegen, ist bewundernswert. Unsere Hirtenjungen konnten uns überall hin führen, selbst in den dunkelsten Nächten. Einer von ihnen übernahm es, uns eine neue Höhle zu zeigen. Wir brachen bei Mondschein auf, kletterten einen steilen Hang mit Kieselsteinen geradewegs hinauf, und nach einer halben Stunde sagte er, wir sollen anhalten. Nach zwei Minuten rief er uns, die Höhle zu betreten und bat um Verzeihung für die Verzögerung, und erklärte uns, er sei seit fünfzehn Jahren nicht mehr da gewesen. Nachdem wir einige Tage in der Höhle geweilt hatten, versuchte ich, sie am hellen Mittag zu finde, und lief eine halbe Stunde lang hierhin und dorthin, weil sie so gut versteckt war. Ihre anderen Sinne sind gleich stark: sie haben ein überraschend scharfes Sehvermögen und Gehör, und begreifen sofort alles, was unvorhergesehen kommt. Sie können sich von einer Seite einer anderhalb Kilometer breiten Schlucht zur anderen verständigen, indem sie ihre Stimmen anheben und die letzte Silbe langziehen.

Der Hirte ist frei wie ein Vogel. Die meisten sind ihr eigener Herr oder arbeiten mit Angehörigen ihrer eigenen Familie. Es kam ihnen überhaupt nicht in den Sinn, sich den Deutschen zu unterwerfen. Sie kannten die Berge, kannten die Fußpfade und die Verstecke, und die meisten hatten ein Gewehr. Im Notfall konnten sie ohne die Dörfer und die Ebenen überleben und von der Milch und dem Fleisch ihrer Herden leben. Ich kann mich nicht erinnern, dass mich jemals ein Hirte verraten hätte, weder aus Angst vor Folterungen noch durch Bestechung. Und wir hatten sie immer auf unserer Seite. Sie brachten uns ein Lamm oder ein Zicklein, brachten uns eine Flasche Wein vom Dorf, sie schauten, was ihnen in die Hände kam an Nahrung oder Stiefeln oder Pistolen (und manche von ihnen nahmen sie sogar, ohne den Besitzer um Erlaubnis zu fragen). Außerdem hörten sie die Neuigkeiten. Es war wirklich paradox, diese Menschen zu sehen, die alle sonstigen Güter der Zivilisation entbehrten, die hauptsächlich von ihrer eigenen Produktion lebten und die nichts ungenutzt ließen, wie sie sich über einen komplizierten und geheimen Mechanismus beugten.

Die Ausrüstung des Hirten ist relativ gleichartig. Alle haben einen Hirtenstab, den sie beim Gehen über den Rücken halten wegen des Gleichgewichts, und alle tragen einen schweren Umhang, von Hand gewoben. Auf dem Rücken haben sie einen bunten Wollrucksack umgehängt, die Voúrgia. Die meisten sind handgefertigt und jedes Dorf oder jeder Bezirk hat sein eigenes Muster. Die bekanntesten Voúrgies sind die aus Anogia: die besten Beispiele sind etwas auffällig mit Goldfaden. Die Voúrgia enthält ein Brot, einige Oliven oder Käse, vielleicht ein Tuch, eine Feldflasche und ein Säckchen, den Aragós, aus Schaf- oder Ziegenhaut gefertigt, mit dem Werkzeug des Schuhmachers (Ahlen, Nadeln und Leder- oder Darmriemen), um jeden Augenblick ihre Stiefel nähen zu können. Wir übernahmen dieselbe Ausrüstung, zusammen mit den Stiefeln, den Pluderhosen und oft auch den langen Schnurrbart oder den Dreitagebart. Das beste Ausrüstungsstück war der Umhang, ein schweres faltenreiches Ding, ideal zum Einwickeln beim Schlafen. Wenn man dann noch einen Unterschlupf hatte, brauchte man nichts anderes.

Die Hirten wussten, dass sie das Salz der Erde sind. Sie waren ausgestattet mit guter körperlicher Verfassung, konnten einen Berghang hinaufrennen, wo die meisten von uns sich schwer getan hätten, ihn überhaupt zu besteigen, und waren unglaublich leichtfüßig. Vor wenigen Monaten sah ich in Rethymnon zwei Hirten, die in die Stadt herunter gekommen waren. Mit ihren geschmeidigen Bewegungen voller Anmut unterschieden sie sich von den Stadtbewohnern als ob sie einer anderen Rasse angehörten. Viele Hirten sind Dandies, mit ihren wilden gezwirbelten Schnurrbärten und den unter dem Kinn rasierten Bärten, die hervorstechen, wenn sie ihren Kopf hochhalten. In ihrer besten Kleidung, mit ihren bestickten Leinenhemden, den engen goldbestickten Westen, den hell-blauen Mänteln mit rotem Futter und dem seidenen Gürtel mit dem dreißig Zentimeter langen Messer mit Elfenbeingriff und silberner Scheide waren sie richtige Männer. Und du hättest sehen sollen wie sie tanzen! Mit ihren schweren Stiefeln bewegen sie sich leichtfüßig auf dem unebenen Boden oder auf dem Dorfplatz, als wären sie in ihren Bergen. Sie tanzen die Tänze vom Lande, Rundtänze mit vielen Drehungen und Sprüngen, schlagen sich an die Fersen und auf das Hinterteil, und manchmal, wenn der Tanz auf seinem Höhepunkt ist, geben sie aus ihren Revolvern Schüsse ab.

Sie kennen auch die alten Lieder, und sie sangen diese, die ihre Großväter ermutigt hatten, den Türken Widerstand zu leisten, oder die Mantinaden, die gereimten Zweizeiler; es gibt tausende für jede Gelegenheit, oder, wenn es keine gibt, erfinden sie welche an Ort und Stelle. Sie unterhalten sich die endlosen Stunden, in denen sie ihre Herde hüten, indem sie Strophen des kretischen Epos, des Erotókritos, singen. Dabei handelt es sich um ein umfangreiches dramatisches Gedicht, das im siebzehnten Jahrhundert ein gewisser Vitséntzos Kornáros aus Sitía aus Ostkreta geshrieben hat. Das Thema ist eine Adelsromanze, die sich im Hof des Herzogs von Athen abspielt. Sie beginnt mit der Liebe eines Untertanen, des Erotókritos, für die Herzogstochter Aretoúsa, einer Liebe, die während der Dauer von fünf äußerst umfangreichen Akten auf Hindernisse stößt, am Ende aber triumphiert. Obwohl er, was Form und Inhalt angeht, auf italienische Vorbilder zurückgeht, ist der Erotókritos in starkem Dialekt geschrieben, einige seiner Wörter sind inzwischen schon vergessen. Die Hirten kennen ihn nicht aus Büchern, sondern durch mündliche Übertragung. Viele, die nicht eine einzige Zeile schreiben können, können ihn vom Anfang bis zum Ende vortragen, und beginnen ihn an jeder beliebigen Stelle, die der Zuhörer angibt. Sie tragen ihn singend vor mit  hoher Stimme.

Viele der patriotischen Lieder haben eine lange Geschichte und führen ihre Entstehung auf irgendeine historische Begebenheit der Türkenkriege zurück. Aber die beliebtesten sind allegorische Lieder. So sitzt der Adler, das Symbol des kretischen Volkes, auf einem Felsen auf einem hohen Berg, nass geregnet und verschneit, und bittet die Sonne der Freiheit, aufzugehen und seine Flügel zu trocknen. In einem anderen hervorragenden Lied fordert der Held die Schwalbe auf, seine Botschaft zu seiner Geliebten zu bringen, weil er selbst nicht dorthin gehen kann; am Tag fürchtet er die türkischen Einheiten und die Gefahren der Ebene, während die Reise zu lang ist, um sie in einer Nacht durchzuführen. Ein anderes ist das Kriegslied von Venizélos, als er zu Beginn seiner Laufbahn den Aufstand gegen die Türken verkündete:

Wann wird es sternenklar sein, wann wird der Frühling kommen
dass ich mein Gewehr ergreife, die schöne Patronentasche
dass ich zum Omalós absteige, die Straße von Mousoúri
dass ich mache Mütter ohne Söhne, Frauen ohne Männer
dass ich mache kleine Kinder, die ohne Mütter weinen
dass sie bei Nacht nach der Brust weinen und bei Tagesanbruch nach Milch
und am Morgen nach der armen Mutter 

Dieses blutrünstige Lied war lange Zeit unser Markenzeichen. Ich habe es zusammen mit vielen anderen von dem kämpfenden Pfarrer aus Ano Méros gelernt. Schade, dass ich nichts von Musik verstehe, um sie mit ihren Melodien aufzuschreiben; doch die meisten sind schon in den Sammlungen griechischer Volkslieder enthalten. Der Prozess setzt sich fort. Ein neues Lied wurde geschrieben über die Schlacht von Máleme, wo im Mai 1941 die Neuseeländer mit der Unterstützung von griechischen Irregulären kämpften, um den Flughafen, von dem das Schicksal Kretas abhing, vor dem deutschen Luftangriff zu retten: Máleme, Agiá und Galatá.

Dies ist nur ein Beispiel der anonymen Art und Weise des Komponierens, die eine ganze Anzahl von Liedern und Mantinaden mit Bezug zu diesem Krieg geschaffen hat. Ein ehrgeizigerer Versuch ist das Epos aus Zweizeilern von Bertódoulos¹, einem Hirten von Así Goniá, das mit dem italienischen Angriff in Albanien beginnt und mit verschiedenen Gedanken zur industriellen Stärke Amerikas, der globalen Strategie, den modernen Waffen und der Böswilligkeit der Naziführer weitergeht. Als der Krieg begann, hatte der Verfasser sein Dorf noch nie verlassen, und seine literarischen Kenntnisse entsprangen hauptsächlich dem Erotókritos. Aber er war ein bewundernswerter Hirte.

Aus dem Griechischen übersetzt:
Markus List

¹ Bertódoulos war der Spitzname von Georgios Psychoundákis, der durch sein Buch „The Cretan Runner“ bekannt wurde.

Biografie: Tom J. Dunbabin, Historiker und Archäologe, wurde 1911 in Hobart, Tasmanien (Australien), geboren. Er studierte an der Universität Sydney und später am Corpus Christi College in Oxford. Bei Kriegsausbruch 1939 schloss er sich der britischen Armee an. 1942 kam er als Leiter der „Special Operations Executive“ (SOE) nach Kreta, wo er mit Patrick Leigh Fermor zusammenarbeitete. Die meiste Zeit dort verbrachte er in den Bergen Kretas. Tom J. Dunbabin starb 1955. Seine Erinnerungen, aus denen der Beitrag „Die Hirten von Kreta“ entnommen ist, erschienen 2015 in einer englisch-griechischen Ausgabe unter dem Titel „Tom J. Dunbabin. An archaeologist at war“ bei der Gesellschaft für Kretische Historische Studien, Heraklion (ISBN 978-960-9480-31-4).