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Johann Jakob Bachofens: Gesammelte Werke

  974 Wörter 3 Minuten
2018-07-16 2018-07-16 16.07.2018 52 × gelesen

Suche nach den Quellen der griechischen Kultur

Johann Jakob Bachofen (1815-1887) ist heute nur noch wenigen bekannt, die entweder mit der Geschichte der Altertumsforschung oder aber mit der Geschichte der Genderforschung vertraut sind. Sein Buch Das Mutterrecht gehört zu den Werken des 19. Jahrhunderts, die eine neue Perspektive auf die gesellschaftliche Struktur der ältesten Kulturen eröffnet haben und dies in scharfem Kontrast zu den damals herrschenden Vorstellungen über die Ursprünge insbesondere der griechischen Kultur. Aus einer wohlhabenden Basler Kaufmannsfamilie stammend, studierte er in Basel, Berlin und Göttingen Altertumswissenschaften und spezialisierte sich dabei zunächst auf Rechtsgeschichte, die er nach seiner Rückkehr als Professor in Basel lehrte. Doch seine Karriere verlief keineswegs so geradlinig wie er und seine Familie es sich vielleicht gewünscht hatten. Zum einen durch akademische Intrigen, zum anderen aber durch sein wachsendes Interesse für die Spiritualität der Antike, wandte er sich von der Rechtsgeschichte ab und der Kulturgeschichte zu. Dabei hatte eine erste Italienreise des 27-Jährigen im Jahre 1842/43 eine Augen öffnende Wirkung. Auf dem Höhepunkt einer biographischen Krise beschloss der 36-Jährige eine Reise nach Griechenland zu machen, die am 11. März 1851 in Basel begann und mehrere Monate dauerte.

Fünfzig Jahre (!) nach Beginn der Editionsarbeiten publizierte der Basler Schwabe Verlag in seiner Ausgabe der Gesammelten Schriften pünktlich zum 200. Geburtstag des Altertumsforschers nun dessen Tagebuch der griechischen Reise, den Text Griechische Reise (1851) sowie sein Tagebuch der Reise nach Rumelia [alter Name für Nordwestgriechenland] in einer sorgfältig hergestellten Ausgabe, die für jeden Griechenlandreisenden, der an der Geschichte der deutschsprachigen Griechenlandreisenden interessiert ist, von besonderem Wert sein dürfte.

Denn in Bachofens Tagebüchern und seiner Griechischen Reise dokumentiert sich eine höchst persönliche und zugleich wissenschaftlich wirkmächtige Suche nach den Ursprüngen der griechischen Kultur, die quer zur damals herrschenden, positivistischen Quellenkritik in den Altertumswissenschaften stand. Bachofen hatte ein feines Sensorium dafür, dass eine areligiöse, den spirituellen Dimensionen fremde oder sogar feindliche Wissenschaft auch den tieferen Quellen der griechischen Kunst und Kultur nicht näherkommen kann: «In ein Sieb kann man kein Wasser fassen; wer seiner eigenen Religion spottet, kann die der alten Welt auch nicht würdigen, und wer für sich selbst den sichern und festen Geist verloren, der kann auch keinen Sinn haben für eine Zeit und ein Volk, denen das Göttliche einzige Norm, einziger Inhalt des Lebens bildete.» (S. 174) Kurz darauf folgend das Bekenntnis: «Mir ist, was die glaubens- und wunderreiche Zeit des Alterthums vergegenwärtigt, immer viel mehr gewesen, als bloß etwa Gegenstand antiquarischer Gelehrsamkeit. Ich zolle ihm die Achtung, die der Frömmigkeit gebührt, in welcher Form sie auch immer auftreten mag. Daher braucht man sich nicht zu schämen, allen Spuren der alten Heiligtümer nachzugehen, ja selbst an bloßen Vermutungen über ihre einstige Lage seine stille Freude zu haben. […] In Schriften freilich nicht, nur allein an Ort und Stelle.» (S. 175)

Schon in Bachofens Tagebüchern, die im Vergleich zu dem ausgearbeiteten Text oft nur knappe Andeutungen und skizzenhafte Bemerkungen festhalten, zeigt sich an vielen Stellen eine feine Beobachtungsgabe, nicht allein was die Natur oder die Menschen Griechenlands betrifft, sondern auch ein einfühlsames Verständnis für die Zusammenhänge zwischen Natur und Kultur (S. 140, S. 270). Dabei waren die Umstände seiner Expedition alles andere als komfortabel und beschaulich. So berichtet er von seinem einheimischen Führer Dimitris, dieser habe bei seinen Landsleuten die Sitte eingeführt, abends vor dem Schlafengehen die Kleider zu wechseln (S. 91). Offenbar war so etwas wie Schlafanzüge bis dahin nicht gebräuchlich; man legte sich abends einfach mit den Kleidern zum Schlafen nieder. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts war Griechenland zwar von der türkischen Besatzung befreit, und die Deutschen hatten mit dem Bayernkönig Otto alles getan, um die Organisation und Infrastruktur des Landes nachhaltig zu verbessern, doch zeigte sich immer wieder, dass sich selbstverständliche deutsche Gepflogenheiten nicht so einfach auf Griechenland übertragen ließen.

Was die Texte Bachofens noch heute lesenswert macht, ist nicht nur die Stimmung der Entdeckungszeit, als man ein noch wenig erschlossenes, mit antiken Resten durchzogenes, quasi halbmythisches Land auf abenteuerlichen Wegen erkundete, sondern die poetisch-religiöse Empfänglichkeit des Autors für die natürlichen, zuweilen einmaligen Schönheiten des Landes, seine unbefangene Begegnung mit den damaligen Menschen und seine Ahnung für tiefere, nicht an der Oberfläche liegende Zusammenhänge, wenn es etwa heißt: «Überall führt der Naturdienst auf die Mysterien» (S. 177) oder an anderer Stelle: «Liebe zu Gott, Liebe zur Natur und kunstsinniges Wesen sind miteinander verwandt» (S. 228).

All das tritt nicht im Gewand der zeitgenössischen akademischen Gelehrsamkeit auf, sondern in einer angenehmen, ruhig dahinfließenden, durchweg wohltönenden Sprache, die manchem vielleicht zuweilen wie ein gewollter Nachklang der deutschen Klassik erscheinen kann, deren Spontaneität aber gerade in den Tagebüchern als natürliche Qualität des Autors auftritt. Manche der eingestreuten Reflexionen haben dabei durchaus aktuellen Wert: «Wo der Kopf mehr Fortschritte macht als das Herz, da verfällt der Mensch jenen finsteren Trieben, die seine Seele auf ihrem Grunde birgt, und wird das Ebenbild dessen, der ihn nach seinem Gleichnisse erschaffen, bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Möchte das denen zur Überzeugung werden, die nun alle Erziehung auf die Ausbildung des Verstandes begründen.» (S. 84)

Johann Jakob Bachofens, Gesammelte Werke, 9. Band: Reiseberichte, Autobiographica, Varia, Schwabe Verlag Basel 2015, 608 S., ISBN 978-3-7965-0015-2.

Autoren
Andrea Bollinger, geb. 1962, hat an der Universität Basel in Philosophie promoviert. Nach der editorischen Mitarbeit an den Gesammelten Werken Bachofens hat sie an der kritischen Gesamtausgabe der Briefe Friedrich Nietzsches und der noch nicht erschienenen Briefregestausgabe Meta von Salis’ mitgearbeitet.
Andreas Cesana, geb. 1951, ist Professor für Philosophie und Leiter Studium generale an der Universität Mainz. Seine Dissertation ist unter dem Titel Johann Jakob Bachofens Geschichtsdeutung – Eine Untersuchung ihrer geschichtsphilosophischen Voraussetzungen (1983) erschienen.
Fritz Graf, geb. 1944, ist Professor für Griechischen und Latein und Direktor am Center for Epigraphical and Palaeographical Studies der Ohio State University in Columbus. Er war von 1987 bis 1999 Professor für Lateinische Philologie an der Universität Basel, wo er sich unter anderem mit den Werken Bachofens auseinandersetzte.