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Die Heilbronner Lesungsreihe

  781 Wörter 3 Minuten
2016-08-19 2017-04-24 19.08.2016 446 × gelesen

„Ich bin ein Berliner“, sagte vor über vierzig Jahren der amerikanische Präsident John F. Kennedy und bekräftigte mit dieser Äußerung seinen Willen zur Anteilnahme und Unterstützung für die geteilte Stadt. War Kennedy ein Berliner? Und wann ist man ein Berliner? Kann ein Amerikaner überhaupt ein Berliner sein? Und jetzt, wo Berlin nicht mehr geteilt ist, gibt es Amerikaner, die Berliner sind?
Doch Berlin ist weit und Amerika noch weiter. Unsere Heimat ist Heilbronn.

Ist sie es aber wirklich ? Für wen, und woher wissen wir das ? Ist der Ort, in dem wir leben, auch unsere HEIMAT? War Heilbronn auch die Heimat der amerikanischen Soldaten, die an der John-F.-Kennedy-Straße lebten ? Und jetzt? Sie sind weg, sind sie heimatlos? Was weiß man von ihnen? Wer hat sich schon für sie interessiert? Vielleicht die Nachbarn? Die einen haben sie als Gefahr und die anderen als Chance gesehen. Mit ihnen zusammen zu leben, das war nicht gewünscht. Oder? Man sagte, sie sind als Besatzer gekommen, mit ihnen kann man nicht zusammen leben. Sie planen den nuklearen Krieg und stellen dafür die Pershing-Raketen auf. Die Waldheide wurde zum Freiheits-Symbol. Die Konflikte in der Bevölkerung eskalierten. Und Kennedy? War Kennedy auch ein Heilbronner? So wie wir? Oder besser gesagt, wie ich? Nein, nein. „Wie ich“ kann ich nicht sagen. Ich bin noch nicht so weit. Bist du es? Bist du ein Heilbronner? Schau dich nochmal im Spiegel an, sieht so ein Heilbronner aus?

Rund einhundertzwanzigtausend Menschen leben in unserer schönen Stadt Heilbronn. Doch wer von uns ist ein Heilbronner? Sind wir es alle? Nein, nein, denn jeder Vierte ist ein Ausländer. Das steht oft in der Zeitung. In der `Heilbronner Stimm´. Und wie fühlen sie sich als Nicht- Heilbronner? Es kommt darauf an: Die Griechen wie Griechen, die Italiener wie Italiener, die Türken wie Türken, die Sudeten wie Sudeten, die Siebenbürger wie Siebenbürger, die Russlanddeutschen wie Russlanddeutsche u.s.w. Ja, aber seit wann sprechen die Griechen in Griechenland miteinander deutsch oder die Türken in der Türkei deutsch oder so? Na gut, sagen wir - die Griechen wie Heilbronner-Griechen, die Italiener wie Heilbronner-Italiener, die Türken wie Heilbronner-Türken, die Sudeten wie Heilbronner-Sudeten, die Siebenbürger wie Heilbronner-Siebenbürger, die Russlanddeutschen wie Heilbronner-Russlanddeutsche usw. Ja, aber wenn man sie alle zusammenzählt, dann sind bestimmt über die Hälfte der Heilbronner Bevölkerung Ausländer. Nein, nicht Ausländer. > Menschen mit Migrationshintergrund< heißt es zu unserer Zeit richtig. Und rund vierzig Prozent sind dann `echte Heilbronner´. Nein, nicht `echte Heilbronner´, `unbewegliche Heilbronner´ sagt man zu unserer Zeit richtig. Denn hätten sie sich bewegt, dann wären sie schon selbst Migranten, gell ! Und vielleicht gäbe es dann diese ganze Diskussion gar nicht. Mindestens nicht bei uns in Heilbronn !

Doch diese oder ähnliche Diskussionen hat es immer gegeben. Überall und auch in Heilbronn. Neu ist nur der Gedanke, ein Forum zu schaffen, in dem Menschen verschiedener Herkunft und kultureller Integrität sich treffen und darüber sprechen. Aber so neu auch wieder nicht. Dieses Forum heißt „Heilbronner Lesungsreihe“ und wurde als Beitrag zum Zusammenleben und zur Völkerverständigung vor drei Jahren vom Migrationsdienst der Diakonie Heilbronn, dem Mönchsee-Gymnasium und dem deutsch-griechischen Verlag Neafon von Dimitrios Pergialis, ins Leben gerufen. Die Heilbronner Lesungsreihe möchte zeitgenössische Autorinnen und Autoren, welche aus dem Ausland stammen, vorstellen und mit deren Werken besonders ein kulturinteressiertes und offenes Publikum ansprechen. Ziel ist, einen Dialog der Kulturen zu ermöglichen. Politische, geschichtliche und soziale Zusammenhänge zu erläutern und auch davor zu warnen: “Wenn man in der Demokratie schläft, darf man sich nicht wundern, wenn man dann in der Diktatur aufwacht“ (M. Wieck, 21.November 2002, in der Heilbronner Lesungsreihe).

Eine hohe Anerkennung erfährt dieses über Heilbronn hinaus bekannte multikulturelle Treffen, welches inzwischen weitere Unterstützer in seinen Reihen zählt, wie die Europäische Gesellschaft für Politik, Kultur, Soziales e.V. Diaphania, die Landeszentrale für Politische Bildung in Baden-Württemberg, den Förderkreis deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg und die Sparkassenstiftung in Heilbronn.

In der Regel finden zwei Veranstaltungen pro Jahr statt und zwar in der Alten Kelter, Gymnasiumstraße 64, in Heilbronn. Folgende Autorinnen und Autoren waren bisher Gast in der Heilbronner Lesungsreihe: Maria Soulas, Michael Wieck, Prof. Dr. Anat Feinberg, Serap Cileli, Petros Markaris, Zacharias G. Mathioudakis und Salim Alafenisch. Sieben Mal durfte der Schulleiter des Mönchsee-Gymnasiums, Helmut Rüger, bisher die Autorinnen und Autoren in seinem Haus empfangen und ebenfalls sieben Mal moderierte Frieder Bretz die Heilbronner Lesungsreihe und begleitete das interessierte Publikum zu den Entstehungsorten der literarischen Werke der Autoren oder zu deren Heimatorten. Eine Lesung ist, „wie wenn man in einem Schloss durch den Hausherren empfangen wird und mit ihm durch die Gemächer geht“, sagte Dimitrios Pergialis in einem Schlusswort. Es mögen noch viele `Hausherren´ nach Heilbronn kommen und uns durch ihre Paläste führen.


Infos
Heilbronner Lesungsreihe
Evangelos Goros / Frieder Bretz
Diakonisches Werk Heilbronn
E-Mail: encrypted---R29yb3MuRGlha29uaWVAdC1vbmxpbmUuZGU=

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