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Dido Sotiriou (1909-2004)

  773 Wörter 3 Minuten
2016-08-19 2017-04-24 19.08.2016 481 × gelesen

Dido Sotiriou, geboren 1909 in Aydin/Türkei, gestorben am 23. September 2004 in Athen.

“Kahrolsun sebep olanlar – verflucht seien die Schuldigen!” Diese kleine Grand Dame der neugriechischen Literatur spricht nicht mehr, sie schreibt nicht; sie hat zwar aus Altersgründen lange nicht mehr geschrieben. Doch ihr schriftliches Wort weilte noch lang in aller Munde, sie hat schließlich als erste die wirklichen griechisch-türkischen Beziehungen unter ein anderes Licht gestellt, sie hatte als erste den Mut gehabt zu sagen, die beiden Völker hätten eine andere Meinung von einander als die offizielle Politik der beiden Länder uns hat weiß machen wollen, die ewige Feindschaft und die Konkurrenz wäre auferlegt, die Nachbarn von beiden Ufern der Ägäis hätten mehr Gemeinsames als Trennendes, sie verstünden sich glänzend, weil alle unter dem selben Himmel aufwuchsen, dieselben Angewohnheiten hatten, ähnliche Träume von einer friedlichen, einfachen Lebensweise, viel vom freundschaftlichen Miteinander hielten, beide die Sprache des Anderen verstanden, die Sprache als Ausdrucksmittel und die Sprache der Seele.

Als kleines Kind hat sie die “Kleinasiatische Katastrophe” erlebt, die Familie hatte überlebt, sie wurde von den Eltern getrennt und, damit sie ein besseres Leben haben konnte, ist sie bei einer Tante in Athen aufgewachsen. Sie studierte trotz Einwände der Tante Französische Literatur, ein Studium, das sie in Paris fortsetzte, wo sie auch die Bekanntschaft mit vielen IntelÏektuellen machte wie Aragon, Gide und Malraux. Im Jahre 1933 heiratete sie Platon Sotiriou, einen charismatischen Lehrer, mit dem sie ein langes, glückliches Leben verbrachte, voller Toleranz und Initiativkraft. Zur selben Zeit schließt sie sich der fortschrittlichen Linke an und leistet Widerstand zunächst gegen die Metaxas-Diktatur, dann gegen die Deutschen Besatzer Griechenlands, um im anschließenden Bürgerkrieg vom “Parakratos” – vom Staat geduldeten Paramilitärs – verfolgt zu werden. Mit der Feder der Journalistin hat sie Reportagen und feurige Artikel vor allem mit Bezug zur Außenpolitik Griechenlands geschrieben, aber auch immer im Blick die unterdrückte Frau, an deren Seite sie sich gestellt hatte. In den fünfziger Jahren, auch sie fast fünfzigjährig, begann sie mit dem literarischen Schreiben. Zunächst “Die Toten warten”, einem Vorläufer ihres vielgeliebten und vielgelesenen Romans, der “Blutige Erde”(1962, bis heute 330.000 verkaufte Exemplare!) heißt, zu deutsch: “Grüß mir die Erde, die uns beide geboren hat” (1985), ein Roman, der sie berühmt machte, nicht nur in Griechenland, in Deutschland und in anderen Ländern, wo er übersetzt wurde, sondern auch in der Türkei, wo sie auf Grund dieses Romans außerordentlich geliebt und verehrt wurde. Darin behandelt sie auf meisterhafte Weise sowohl die Geschichte der türkisch-griechischen Beziehungen und Nicht-Beziehungen, wie die Geschichten von einfachen Menschen vor, während und nach den schlimmen Ereignissen von 1922. In ihrem zweiten Roman“Das Gebot” (1976, auf deutsch 1992) verarbeitet sie anhand des Schicksals von Nikos Belojannis den Bürgerkrieg, die Zerstückelung der Linken, die Intrigen und die Unzulänglichkeit von Menschen, denen das Volk vertraut hatte, die Fundamente einer gerechteren Welt zu legen – gewissermaßen eine Anklage gegen die dogmatische, sowjetunionhörige KPG.

Dido Sotiriou hat noch einen weiteren wichtigen Roman geschrieben: “Wir werden mit niedergerissen”, in dem sie mit dem Sturz der alten Gebäude die alte Welt in ihren Grundmauern zusammenfallen sieht, ohne daß an ihre Stelle Neues und Lebenswertes aufgebaut würde. Darüberhinaus hat sie Stücke fürs Theater und ebenfalls bedeutende Erzählungen geschrieben; eine neue Sammlung von alten, bislang unveröffentlichten Texten sah das Licht der Öffentlichkeit fast gleichzeitig mit ihrem Tod, wobei als Herausgeber ihr vielgeliebter Neffe Nikos Belojannis unterzeichnet, der Sohn ihrer Schwester, ebenfalls Schriftstellerin von wissenschaftlichem und kulturkritischem Oevre, Elli Papa, und des “Mannes mit der Nelke”, eben jenes legendären Nikos Belojannis.

Dido Sotirious Gabe, ihrem mehr oder weniger historischen Stoff – sie erlebte ja und bearbeitete die Geschichte eines ganzen Jahrhunderts – eine tief menschliche Dimension zu verleihen, nie die Dinge schwarzweiß zu sehen und zu malen, sondern unerbittlich nach dem Grund zu suchen, etablierte sie zu der Lieblingsschriftstellerin mehrerer Generationen von Griechen. Ihr Haus war zu Lebzeiten ständig von Jung und Alt frequentiert, ganze Schulklassen erstatteten ihr Besuch; zu allen hatte sie ein nettes Wort auf den Lippen, einen Rat, der niemals mit erhobenem Finger ausgesprochen wurde, immer mit Humor schöpfte sie aus dem vollen Leben, immer hatte sie nebenher auch Leckereien aus ihrer anatolischen Urküche anzubieten, die Atmosphäre war sofort mollig warm, fröhlich, großzügig wie ihr großes Herz.
Spät aber doch wurde sie auch offiziell anerkannt, bekam viele Preise, 1989 sogar den besonderen Staatspreis, 1990 den Akademiepreis für ihr Gesamtwerk, 1995 das Goldene Kreuz des Phönix-Ordens; Worauf sie aber ganz besonders stolz war, war 1985 der Ipekçi-Preis für die Türkisch-Griechische Freundschaft, der sie ein Leben lang gedient hatte.


Grüß mir die Erde, die uns beide geboren hat
Romiosini Verlag, 261 Seiten
ISBN 3-923728-13-1

Das Gebot
Romiosini Verlag, 375 Seiten
ISBN 3-923728-61-1

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