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PANTELIS PREVELAKIS - Zum Gedenken an die Helden und Märtyrer Kretas

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2021-04-14 2021-04-24 14.04.2021

Pandelís Prevelákis wurde am 18. Februar 1909 in Réthymnon geboren. Er war ein griechischer Schriftsteller, Lyriker, Dramatiker und Essayist und gehörte als Prosaist der „Generation der 30er Jahre“ an. Er war zugleich Kunsthistoriker und befasste sich mit der Kunst der italienischen Renaissance. Einige seiner Romane wurden auch ins Deutsche übersetzt: Die Sonne des Todes (1962), Das Haupt der Medusa (1964), Der Engel im Brunnen (1974), Die Chronik einer Stadt (1981). Prevelákis starb am 15. März 1986 in Athen.

Anlässlich der Veröffentlichung des Berichts über die Gräueltaten der Besatzungsarmeen in den Jahren 1941-45 – Rede des Akademiemitglieds Herrn Pantelís Prevelákis

Herr Vorsitzender, Herren Kollegen,

Ich habe die Ehre, Ihnen ein einzigartiges Buch vorzustellen, das einer Chronik der Invasion in unser Land gleichkommt. Es ist in der Sprache Katharevousa geschrieben und hat den Stil eines öffentlichen Schriftstücks. Es richtet sich an die Regierung von Admiral Voúlgaris, wird jedoch als Empfänger bald ganz Griechenland haben. Das Buch besteht aus 110 Seiten Text und 16 ganzseitigen Fotografien und trägt den Titel „Bericht der Zentralen Kommission zur Feststellung der Gräueltaten auf Kreta“ (unter den Besatzungsarmeen). Die Verfasser sind drei angesehene Griechen: Níkos Kazantzákis, Professor Ioánnis Kakridís und das Akademiemitglied Ioánnis Kalitsounákis. Herausgeber ist die Gemeinde Heráklion. Das Vorwort des Buches stammt von Herrn Bürgermeister Manólis Karellís.

Bevor ich die Umstände der Abfassung des Buches schildere und bevor ich auf seinen Inhalt eingehe, möchte ich mit Ihrer Erlaubnis einen kurzen Rückblick machen. Von dem lieben Kollegen Herrn Ioánnis Toúmbas haben wir vorletztes Jahr eine gründliche und eingängige Beschreibung der Schlacht um Kreta während des Monats Juni 1941 gehört. In jener Schlacht standen sich die organisierten Kräfte von Armeen und Flotten gegenüber, doch es fehlte auch nicht der wegen Alters oder eines anderen Grundes nicht eingezogene Kreter, der sich in der Schlacht gegen die deutschen Fallschirmjäger auszeichnete. Nach dem unglücklichen Ausgang des Kampfes setzte das kretische Volk, ganz allein jetzt, den Kampf gegen die Eroberer fort. Seine erste Pflicht war es, Tausende Soldaten der alliierten Streitkräfte, Engländer, Australier und Neuseeländer, zu verstecken, zu versorgen und ihnen zur Flucht zu verhelfen. Der Kollege Herr Toúmbas hatte am Ende seiner Rede als Beweis für die Dankbarkeit der Geretteten erwähnt, dass Neuseeland heute ohne Formalitäten Auswanderer von der Großinsel aufnimmt, während Australien auf Initiative der Veteranen von Kreta ein Dorf mit dem Namen Preveli Village gegründet und dort ein Kirchlein errichtet hat, ein genaues Ebenbild einer Kapelle des Klosters Prévelis, wo viele alliierte Soldaten Asyl gefunden haben und ihnen anschließend zur Flucht nach Ägypten mit den britischen U-Booten verholfen wurde, die nachts an den südlichen Stränden Kretas anlegten.
Diese Umstände und insbesondere der vier Jahre lang andauernde Widerstand des gleichgesinnten Volkes riefen die grausamsten Vergeltungsmaßnahmen der Eroberer, der Deutschen und der Italiener, hervor. Die Nation bewahrt die heilige Erinnerung an Kándanos, das als erstes den Blutzoll zahlte. Wie bekannt, wurde dieses hübsche Hauptdorf der Eparchie Sélinos in der Zeit vom 25. Mai bis 3. Juni 1941 dem Erdboden gleichgemacht, und viele seiner Einwohner umgebracht. Am Ort des Verbrechens stellten die Deutschen eine steinerne zweisprachige Tafel auf mit der Inschrift: „Hier lag Kándanos“. Unauslöschlich bleibt im Gedächtnis der Nation auch die Massenhinrichtung der Gemeindevorsteher der Stadt Heráklion am 3. Juni 1942 und die zehn Tage danach erfolgte andere entsetzliche Hinrichtung von 52 Geiseln ebenfalls in Heráklion. Allein schon die Aufzählung der Opfer der vierjährigen Besatzung lässt einem die Haare zu Berge stehen. Die Namensliste der Hingerichteten nach Gebieten gleicht einem Aufruf von Toten. Vor wenigen Tagen hat uns ein Bericht im Fernsehen an die Tragödie der Dörfer der Eparchie Viánnos erinnert. Auch hier gab es Hunderte menschliche Opfer und 945 zerstörte Häuser. Die Schilderung ähnlicher Ereignisse wäre zu lang für die jetzige Stunde. Die Ergriffenheit würde zudem meine Stimme ersticken. Es sei mir dennoch erlaubt, Ihnen noch einmal die Zerstörung der Dörfer der Eparchie Amári ins Gedächtnis zu rufen, wo die Gruppe der Kämpfer vorbeigekommen ist, die unter der Führung von Patrick Leigh Fermor im September 1944 den deutschen General Kreipe entführt hat. Und wie sollte ich mich nicht an die vollständige Vernichtung und Plünderung von Anógia erinnern, des größten Dorfes von Kreta mit seinen 940 Häusern, an der Grenze der Verwaltungsbezirke Heráklion und Réthymnon. Das Ausmaß der Plünderung kann man sich vorstellen, wenn man bedenkt, dass sie 23 Tage gedauert hat, vom 13. August bis zum 5. September 1944.
Diese fürchterlichen Ereignisse und andere gleichfalls fürchterliche auf dem griechischen Festland und den griechischen Inseln waren genügend bekannt in ganz Griechenland. Doch damit sie genau beschrieben, damit die Kriegsverbrecher gesucht und damit auch die anderen Zerstörungen von geistigem Eigentum der Nation – Raub alter Kunstwerke, Schäden an Denkmälern usw. – festgestellt werden, hat der Staatssekretär für Presse und Information der Regierung Voúlgaris, mein alter Freund Herr Dionýsios Zakythinós, mir die Ehre erwiesen, mir Anfang Juni 1945 den Vorschlag zu machen, ich solle mich in meine eigentliche Heimat begeben und einen entsprechenden Bericht verfassen. Doch leider verwehrten mir mein Gesundheitszustand nach den Strapazen der Besatzung und die Tatsache, dass ich eben erst die Abfassung meines Werks „Unglückliches Kreta“ beendet hatte, die physische und moralische Kraft, diesen ehrenvollen Auftrag zu übernehmen. Doch mit dem Bewusstsein der Verantwortung regte ich bei meinem jetzigen Kollegen an, anstelle von mir doch Níkos Kazantzákis nach Kreta zu schicken. Es folgte die Einsetzung einer Kommission, die aus dem unvergesslichen Níkos Kazantzákis und Ioánnis Kalitsounákis und dem noch lebenden Herrn Ioánnis Kakridís bestand, alle drei Kreter, der letztere von Seiten der Mutter. Als assistierendes Mitglied wurde der Kommission der Fotograf K. Koutoulákis, auch er Kreter, beigeordnet.
Die vier Männer bereisten die Großinsel vom 29. Juni bis zum 6. August 1945. Sie besuchten 76 Städte und Dörfer und schrieben mit Objektivität alles nieder, was sie mit ihren Augen sahen und was sie von Augenzeugen hörten, wobei sie in Zweifelsfällen immer der gemäßigteren Version den Vorzug gaben. Die Einordnung des Materials, das sie sammelten, erfolgte getrennt für die Verwaltungsbezirke Chaniá, Réthymnon und Heráklion einerseits und für den Verwaltungsbezirk Lasíthi andererseits, weil dieser unter der Besatzung der Italiener eine etwas mildere Behandlung erfuhr. Der Bericht wird von Tabellen begleitet, die nach Gebieten die Zahl der hingerichteten Landsleute und der erfolgten Zerstörungen an Häusern, Tieren und Obstbäumen zeigen. Als Beispiel erwähne ich nur, dass im Verwaltungsbezirk Réthymnon 905 Hingerichtete betrauert werden und dass in einer zusammenfassenden Tabelle der materiellen Zerstörungen 8.806 vollständig und 2.049 teilweise zerstörte Häuser aufgeführt werden. Im Nachwort des Berichts fassen seine Verfasser ihre Beobachtungen folgendermaßen kurz zusammen:
„Es gibt keine Stadt oder kein Dorf, das nicht beraubt wurde, wo keine Zwangsarbeit zu leisten war oder wo nicht wenige oder viele Erschossene oder nach Deutschland verschickte Geiseln zu betrauern waren. Pfarrer wurden inhaftiert, verbannt, beschimpft, hingerichtet; Kirchen wurden in die Luft gesprengt, zu Misthaufen umgewandelt und entweiht; ihre Glocken wurden zu Zielscheiben von Schießübungen, die Ikonen und die heiligen Geräte wurden gestohlen, verbrannt oder für niederträchtige Zwecke verwendet; eine Vielzahl von Schulen und Gebäuden wurde bis auf die Grundmauern gesprengt. Mehrere Tausende Bewohner – Männer, Alte, Frauen und Kinder – lebten jahrelang in Höhlen ...“
Als mir der schreckliche Bericht von Kazantzákis bekannt gegeben wurde, dachte ich, dass er möglicherweise unveröffentlicht bleiben würde, da der griechische Staat bereits diplomatische Beziehungen mit Nachkriegsdeutschland aufgenommen hatte. Mit seiner Erlaubnis behielt ich eine genaue Abschrift, von Hand einer meiner Schülerinnen angefertigt, die sogar eine Landkarte Kretas mit allen Märtyrerdörfern zeichnete. Nach dem Tod der unvergessenen Kazantzákis und Kalitsounákis hielt ich es für richtig, die Abschrift des Berichts der „Gesellschaft für Kretische Historische Studien“ in Heráklion zu übergeben, einer absolut zuverlässigen wissenschaftlichen Vereinigung. Der Bürgermeister von Heráklion, Herr Karéllis, der nicht wusste, dass diese Abschrift erhalten geblieben war, forschte vergeblich, mit wiederholten Schreiben an das Außenministerium, nach dem ursprünglich verfassten Text; als er darüber informiert wurde, dass die genaue Abschrift davon im Volkskundemuseum von Heráklion, einer Einrichtung der oben genannten wissenschaftlichen Gesellschaft, aufbewahrt wurde, beschloss er und verwirklichte er mit Zustimmung von Ioánnis Kakridís und Frau Eleni N. Kazantzáki die Veröffentlichung, die Ihnen vorzustellen ich heute die Ehre hatte.

Bücher werden oft in der Akademie von Athen vorgestellt. Doch ich bezweifle, ob jemals ein Buch, wie dieses, die Heiligkeit einer nationalen Gedenkfeier hatte. Einer Gedenkfeier, die uns aufruft, die zahlreichen Opferstätten Kretas in Ehren zu halten. Genau deren große Anzahl hat die Frage aufgeworfen: Welcher könnte der Märtyrerort der Insel sein – Stadt, Dorf oder Kloster – der das Privileg hätte, als Vertreter aller anderen geehrt zu werden? Es möge mir erlaubt sein, eine Antwort auf die Frage vorzuschlagen: Die goldene Medaille der Akademie von Athen könnte der Großinsel verliehen werden, in ihrer Gesamtheit genommen, und im Museum des Klosters Arkádi hinterlegt werden, wo auch schon die heilige Fahne des [dortigen] Holocausts und andere Kostbarkeiten und Andenken an die Befreiungskriege aufbewahrt werden.


Aus: Πρακτικά της Ακαδημίας Αθηνών. B 59 (1984), S. 87-92
Aus dem Griechischen übersetzt von Markus List

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