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Interview mit ELISSAVET PATRIKIOU, Fotografin & Schriftstellerin

2017-08-26 2017-08-26 26.08.2017 133 × gelesen 4 Minuten

Elissavet Patrikiou heißt der neue Stern der Kochbuchszene. Zwar wimmelt es inzwischen in Buchhandlungen und Fernsehshows gleichermaßen von Büchern über Köche, Lebensmittel und Hightechöfen, doch was uns die Autorin in ihrem Werk präsentiert, geht weit darüber hinaus. Das liegt auch daran, dass die in Deutschland lebende Griechin Patrikiou gelernte Fotografin ist und sich auf Food-Fotografie spezialisiert hat.
„Echt Griechisch!“ ist die perfekte Symbiose aus einfachen, alltagstauglichen Rezepten und pfiffigen Ideen, gepaart mit detailverliebten Fotografien, die nicht nur das zubereitete Essen sondern auch Land und Leute und das Lebensgefühl der Griechen perfekt in Szene setzen. So werden die 70 authentischen Rezepte des Buches dem Leser visuell ganz nah unter die Nase gehalten. Der Leser vermag förmlich ihre Aromen zu riechen gleichzeitig, fühlt er sich in eine Dorftaverne versetzt. Duftet das Chorta nicht herrlich frisch und zitronig? „Echt Griechisch!“ ist auf dem besten Weg in den Olymp der Küchenliteratur, und man sollte es nicht zur Hand nehmen, wenn man schon hungrig ist. Jede einzelne Seite lässt einem das Wasser im Munde zusammenlaufen und den Magen knurren. Ich wollte von Elissavet Patrikiou wissen, warum sie ihre Leser so „quält“.

A. Deffner: „Ich habe Hunger!“
E. Patrikiou: „Aha. Warum? Ein etwas ungewöhnlicher Einstieg in ein Interview.“

A. Deffner: „Da hast du Recht, aber es musste mal gesagt werden. Immer wenn ich dein Buch aufschlage, bekomme ich in Windeseile Hunger. Es macht Lust aufs Kochen und aufs Essen. Es ist so…“
E. Patrikiou: „authentisch?“

A. Deffner: „Genau das ist es! Dein Buch ist ein Stück echtes Leben, das wahre Griechenland, ein bisschen Lebensgefühl und Alltag, den man anfassen kann.“
E. Patrikiou: „Das ist für mich das größte Kompliment, denn ich wollte genau das rüberbringen.“

A. Deffner: „Es ist dir beeindruckend gelungen. Wie kamst du auf die Idee ein Buch über die griechische Küche zu schreiben?“
E. Patrikiou: „Die Idee entstand, weil ich viel für andere Köche und Kochbücher fotografiert habe. Und da ich schon immer im Hinterkopf hatte, mal etwas zu machen, um den Menschen das wahre Griechenland zu zeigen, lag es nah, etwas über die griechische Küche zu schreiben. Es ging mir aber nicht nur darum, ein Kochbuch zu machen. Darum auch die vielen Kurzgeschichten und Stimmungsfotos in dem Buch. Es geht mir um das Gefühl für dieses Land, so wie ich es empfinde. Ganz anders als die blau-weißen Kykladenfotos, die eigentlich nicht so sehr viel mit dem Alltag der Menschen zu tun haben. Der ist nämlich eher derber, rauer, nicht so künstlich gemacht sondern mit sehr viel eigenem Charme.“

A. Deffner: „Hast du dich deshalb auch für deine Mutter und deine Oma als Protagonisten entschieden?“
E. Patrikiou: „Ich wollte vor allen Dingen die Vielfältigkeit der griechischen Küche zeigen. Sie ist nämlich gar nicht so fleischlastig, wie man in Deutschland oft meint. Im Gegenteil werden gerade frisches Gemüse oder zum Beispiel Hülsenfrüchte ganz häufig serviert. Und meine Familie, meine Mutter, Oma und Tanten, zelebrieren dieses Vegetarische fast täglich.“

A. Deffner: „Mit deiner Kamera hast du das alles in beeindruckender Weise fotografisch festgehalten. Man meint sogar die Konsistenz des Fetas schmecken zu können. Da steckt eine Menge Detailarbeit drin.“
E. Patrikiou: „Das Fotografieren von leckerem Essen ist meine Leidenschaft. Ein Bild von einem Auberginenauflauf ist erst dann richtig gut, wenn man hinein beißen möchte. Ich probiere da in der Tat viel und gerne aus. Aber ich habe auch sonst sehr viel für das Buch selbst gemacht. Den Strukturplan, die Rezepte, die Kurzgeschichten, und eben alle Fotos. Anderthalb Jahre hat es gedauert, bis es fertig war.“

A. Deffner: „Viel Aufwand, aber er hat sich gelohnt. Wahrscheinlich strahlst du mit deiner Mutter auf dem Titelbild des Buches deshalb so um die Wette.“
E. Patrikiou: „Für meine Mutter war das erst mal absurd, als ich ihr erzählte, dass ich ein Buch über ihr Alltäglichstes schreiben werde. Mit ihr und in einem Dorf, das kein Mensch kennt. Und dann auch noch ein Kochbuch, wo es doch schon so viele gibt.“

A. Deffner: „Das Buch ist für dich also ein Stück weit „nach Hause“ kommen?“
E. Patrikiou: „Auf jeden Fall! All die Gerüche und Düfte, die ich mit meinem Dorf in Verbindung bringe, entdecke ich jetzt hierin wieder. Und ich sehe den Dampf aufsteigen über dem Suppentopf, wenn meine Mama mir zur Begrüßung ihre unverwechselbare Gemüsesuppe gekocht hat. Wenn ich diese Suppe gegessen habe, dann geht es mir wieder gut. Das ist für mich Zuhause. Garten und Griechenland pur.“

A. Deffner: „Deine Mutter ist stolz auf dich, oder?“
E. Patrikiou: „Hmm!“

A. Deffner: „Nur wenigen gelingt es, die Leser mitzunehmen in den heimischen Gemüsegarten. Wo genau liegt eigentlich dein Heimatdorf?“
E. Patrikiou: „Im Nordosten des Landes. In der Nähe von Kozani, etwa anderthalb Stunden von Thessaloniki entfernt. Vathilakkos heißt es.“

A. Deffner: „Du bist als Kind einer Gastarbeiterfamilie in Deutschland geboren und groß geworden und lebst heute in Hamburg. Wie war es für dich, wegen des Buches „nach Hause“ zu kommen?“
E. Patrikiou: „Normalerweise war ich immer nur einige Tage in Vathilakkos und den Rest des Urlaubs haben wir auf irgendwelchen Inseln verbracht. Für das Buch habe ich mich sehr viel mehr mit dem Umland beschäftigt. Das war spannend für mich, denn so habe ich sehr viel mehr über meine Gegend erfahren und hab viele interessante Menschen kennengelernt. Was mir aber auch wichtig war: Ich wollte an die vielen Gastarbeiter erinnern, damit deren Schicksale keiner vergisst. Die vielen Menschen, die zum Arbeiten hierher geholt wurden, in eine totale Fremde. Die allermeisten hatten überhaupt keine Vorstellung davon, was sie in Deutschland erwartete.“

A. Deffner: „Wollten deine Eltern nach Deutschland?“
E. Patrikiou: „Bei uns im Dorf konnte man sich für Australien, Amerika und Deutschland bewerben. Meine Mutter wollte eigentlich nach Australien. Ihr Traum war es, Krankenschwester zu werden, aber das hat leider nicht geklappt. Sie musste sich mit einem Job in einer schwäbischen Fabrik genügen. Erst über 40 Jahre später ist sie dann in ihre griechische Heimat zurückgegangen.“

A. Deffner: „Dich hat es schon eher in die Heimat gezogen.“
E. Patrikiou: „Ja, als ich 18 war und meine Ausbildung fertig hatte, bin ich für ein Jahr nach Kreta gegangen. Ich wollte die Sprache besser lernen und habe dann dort für ein Projekt im alternativen Tourismus gearbeitet.“

A. Deffner: „Alternativ kommen dem einen oder anderen vielleicht auch einige der Gerichte in deinem Buch vor. So gar nicht typisch griechisch, wie es die meisten Deutschen kennen.“
E. Patrikiou: „Nein, das stimmt. Dieses sehr fleischlastige, was man aus vielen griechischen Restaurants in Deutschland vielleicht kennt, ist eben nicht so typisch für unser Land. Wir Griechen essen sehr viel Gemüse und Fleisch, oder auch Suppen.“

A. Deffner: „Die Zucchiniröllchen mit Feta haben mir besonders gut gefallen. Verrätst du uns dein Lieblingsgericht?“
E. Patrikiou: „Ach, das ist gar nicht so einfach. Ich esse sehr abwechslungsreich. Viel Gemüse. Aber mindestens einmal in der Woche kommt eine gute Suppe auf den Tisch. Ich liebe wirklich Suppen die mit Avgolémono-Sauce angedickt sind, also mit Ei und Zitrone.“

A. Deffner: „So wie die Jurvalakia…“
E. Patrikiou: „…die ich sehr mag, ja!“

A. Deffner: „Wo hat deine Mutter Kochen gelernt?“
E. Patrikiou: „Durch meine Oma. Die hat immer wahnsinnig viel gekocht. Mit echter Leidenschaft. Bis fast zu ihrem 95. Lebensjahr. Sie gehörte zu den Griechen, die in der heutigen Türkei gelebt haben und damals nach Griechenland umsiedeln mussten. Sie hat wohl auch ein paar asiatische Einflüsse in der Küche mit in unser Dorf gebracht.“

A. Deffner: „Wo sie dann deinen Großvater kennengelernt hat.“
E. Patrikiou: „Genau! Sie bekamen sechs Kinder, lebten auf einer Art Bauernhof mit Tieren und so. Damals ging es ums Überleben. Meine Oma Sofia hat mir zum Beispiel so oft erzählt, wie sie ihren eigenen Joghurt gemacht hat. Das hat mich immer sehr berührt.“

A. Deffner: „Das Rezept hast du uns glücklicherweise auch in deinem Buch verraten.“
E. Patrikiou: „Joghurt herzustellen ist einfach. Aber die Hackfleischbällchen meiner Oma… Die kann man nicht kopieren, und trotzdem habe ich das Rezept auch ins Buch genommen.“

A. Deffner: „In dem Kapitel über deine Oma schreibst du: »Den selbst verliehenen Titel der keftédes-Königin wird ihr auch niemals jemand streitig machen können – auch in 100 Jahren nicht!« Sind ihre keftédes wirklich so göttlich?“
E. Patrikiou: „Wenn ich auf unserem Balkon in Vathilakkos sitze, mit einer dieser Frikadellen in der Hand, dann fühle ich mich jedenfalls den Göttern ganz nah. Von dort aus kann ich übrigens den Olymp sehen!“

A. Deffner: „Mit Frikadellen auf den Olymp. Ich finde, das ist ein passendes Schlusswort. Elissavet, ich danke dir ganz herzlich für das Gespräch und dein Appetit und Phantasie anregendes Buch.“

 „Echt Griechisch!“ von Elissavet Patrikiou ist 2012 im Christian-Verlag erschienen und kostet 24,95 Euro. ISBN-10: 3862441369

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